Europa kämpft gegen einen immer professionelleren Drogenmarkt: Mehr Konsum, stärkere Substanzen und flexible Schmuggelnetzwerke setzen Behörden und Gesundheitsdienste unter Druck. Eine neue EU-Strategie soll Häfen sichern, Kartelle schwächen und Überdosierungen verhindern.
Der einstimmig beschlossene Plan soll die drogenbezogene organisierte Kriminalität systematisch bekämpfen. Zentrale EU-Häfen sollen dafür Bündnisse schließen und ihre Zusammenarbeit im Kampf gegen kriminelle Netzwerke deutlich ausbauen. Zudem nimmt die Strategie die Finanzströme des Drogenhandels ins Visier und sieht umfassende Verbote bestimmter Chemikalien vor, die zur Herstellung synthetischer Drogen genutzt werden.
Auf gesundheitspolitischer Ebene setzt der Plan auf ein engmaschiges Monitoring in den Städten, die Abgabe von Medikamenten zur Aufhebung einer Überdosis für den Gebrauch zu Hause sowie auf mehr Mittel für Behandlungsangebote, die sich an marginalisierte und besonders gefährdete Gruppen richten.
Der Plan ist eine Reaktion auf eine wachsende Krise in der EU. Ein aktueller Bericht der Europäischen Drogenagentur EUDA zeigt: Der Drogenkonsum in Europa erreicht bislang nicht gekannte Ausmaße. Mehr als 83 Millionen Erwachsene haben bereits illegale Substanzen konsumiert. Die Lage ist instabil und geprägt von einem großen Angebot starker, vielfältiger und häufig gestreckter Drogen. Die Agentur registriert jährlich mehr als 7.600 Todesfälle durch Überdosierungen.
Bestimmte Drogenarten nehmen deutlich zu
Die Drogenkrise in Europa wird längst nicht mehr nur durch den Konsum selbst bestimmt. Sie entsteht auch durch einen hochdynamischen Markt, in dem immer stärkere Substanzen und flexible Schmuggelnetzwerke Polizei und Gesundheitswesen vor große Herausforderungen stellen.
"Dafür gibt es viele Gründe. Es lässt sich nicht auf einen einzigen Faktor zurückführen. Der Markt reagiert auf mehrere Entwicklungen: das Wachstum der organisierten Kriminalität [...], die breitere Verfügbarkeit von Substanzen [...]. Außerdem sehen wir, dass sich Europa zunehmend zu einem Produktionsstandort entwickelt [...]", sagte Dr. Lorraine Nolan, Exekutivdirektorin der EUDA.
Nach EUDA-Daten bleibt Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Rund 15,4 Millionen junge Erwachsene im Alter von 15 bis 34 Jahren gaben an, im vergangenen Jahr Cannabis konsumiert zu haben.
Kokain ist die zweithäufig konsumierte Droge, mit etwa 2,5 Millionen jungen Erwachsenen als Nutzerinnen und Nutzern. Der Markt wird jedoch immer komplexer und gefährlicher: Das Angebot bleibt hoch, in 57 Prozent der überwachten europäischen Städte steigen die Kokainrückstände im Abwasser, und synthetische Substanzen gewinnen an Bedeutung.
Schmuggel wird immer professioneller
Innerhalb von fünf Jahren beschlagnahmten Behörden im Zusammenhang mit EU-Seehäfen mindestens 1.826 Tonnen illegaler Drogen. Kriminelle Netzwerke setzen weiterhin auf den Containerhandel über große Umschlagplätze wie Antwerpen und Rotterdam, verlagern ihre Aktivitäten aber zunehmend auf kleinere Häfen, um Kontrollen zu umgehen.
Pro Jahr werden inzwischen 330 Tonnen Kokain sichergestellt, die Zahl der Einzelbeschlagnahmen stieg auf 97.000. Kriminelle Gruppierungen teilen große Lieferungen zudem immer häufiger in kleinere Partien auf, um das Risiko großer Verluste im Fall einer Sicherstellung zu verringern.
Europa entwickelt sich nicht nur zum Zielmarkt, sondern auch zu einem bedeutenden Produktionsstandort. Innerhalb eines Jahres legten Behörden 42 Kokain-Extraktionsanlagen, 110 Amphetaminlabore und rund 4.000 illegale Cannabisplantagen still. Zusammen mit jährlich 1,6 Millionen registrierten Verstößen gegen Drogengesetze zeigt das laut EUDA einen Markt, der immer widerstandsfähiger, anpassungsfähiger und schwerer zu stören ist.
Die gesundheitliche Last
Innerhalb eines Jahres verzeichnete die EU mindestens 7.600 drogenbedingte Todesfälle, meist im Zusammenhang mit Mischkonsum. Notaufnahmen und Angebote zur Schadensminderung geraten zunehmend unter Druck, etwa durch mehr Crack-Kokain-Konsum und das Auftreten neuer synthetischer Opioide.
Opioide bleiben die Substanzgruppe, die am häufigsten mit tödlichen Überdosierungen in Verbindung gebracht wird, oft in Kombination mit anderen synthetischen Drogen. Die EUDA warnt besonders vor der zunehmenden Verbreitung synthetischer Opioide wie Nitazenen und Orphinen. Sie stehen in der gesamten EU mit tödlichen Vergiftungen und Notaufnahmen in Zusammenhang und erfordern drastische medizinische Eingriffe, da der Abstand zwischen einer wirksamen und einer tödlichen Dosis äußerst gering ist.
Auch Abwassermessungen deuten in vielen europäischen Städten auf steigenden Kokainkonsum hin. Crack belastet zudem Angebote zur Schadensminderung und Behandlungseinrichtungen zusätzlich.
Die Zahl der spezialisierten Behandlungsprogramme für Ketaminabhängigkeit hat sich innerhalb von fünf Jahren vervierfacht. Kliniken müssen ihre Strukturen deshalb schnell anpassen.
"Diese Zunahmen beim Konsum setzen die Gesundheitsdienste zusätzlich unter Druck. Einrichtungen müssen auf ein breiteres Spektrum an Substanzen reagieren und mit komplexeren gesundheitlichen und sozialen Problemen umgehen. Am Ende müssen wir das Thema aber immer wieder auf Prävention, Behandlung und soziale Reintegration zurückführen", erklärte der Weltverband gegen Drogen (WFAG).
"Wenn Menschen bei der Genesung, in der Ausbildung und beim Zugang zu Arbeit unterstützt werden, verbessert das nicht nur ihr eigenes Leben. Es senkt langfristig auch die Kosten für Gesundheitswesen, Sozialdienste und die Sozialsysteme erheblich", so der Verband weiter.
Neue EU-Drogenstrategie setzt auf Sicherheit
Um den Kampf gegen illegale Drogen zu verstärken, legte die EU-Kommission im Dezember 2025 eine neue Drogenstrategie vor. Sie knüpft an die Strategie 2021-2025 an, rückt Sicherheit und Vorsorge aber noch stärker in den Mittelpunkt.
Nach Angaben des WFAG ist die alte Strategie nicht gescheitert. Sie habe vor allem bei Überwachung und Strafverfolgung spürbare Fortschritte gebracht. "Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass sich der Drogenmarkt ständig verändert [...]. Diese Entwicklungen schaffen neue Herausforderungen, auf die wir unsere Antworten anpassen müssen", erklärte der Verband.
Die neue Strategie beruht auf fünf Säulen. Die erste zielt auf bessere Vorbereitung, damit Entwicklungen auf dem Drogenmarkt früher erkannt und überwacht werden können. Konkret geht es um schnellere Beobachtung und Datenerhebung zu Drogentrends sowie um einen besser abgestimmten Informationsaustausch über Grenzen hinweg.
"Der größte Fortschritt ist der Anspruch, proaktiv statt reaktiv zu handeln. Die Strategie verfolgt einen stärker integrierten Ansatz über Prävention, Behandlung und Schadensminderung hinweg, der auch Umwelt- und soziale Folgen einbezieht", erklärte das WFAG.
Präventions- und Aufklärungsprogramme sollen Drogenkonsum und Abhängigkeiten eindämmen. Menschen mit einer Suchterkrankung sollen leichter Zugang zu Behandlung, sozialer Unterstützung und Programmen zur Reintegration erhalten. Misslingende Prävention verursache enorme gesellschaftliche Kosten, "wird jedoch nicht immer so dargestellt, weil sie sich nicht sofort in Zahlen belegen lässt", so der Verband.
Die dritte Säule stärkt die innere Sicherheit mit schärferen Maßnahmen gegen organisierte Kriminalität. Vorgesehen sind unter anderem öffentlich-private Kooperationen, um Drogen in Postsendungen aufzuspüren, eine eigene EU-Hafenstrategie und stärkere Maßnahmen zur Zerschlagung von Produktionslaboren. Zudem verschärft die EU die Kontrolle von Vorläuferstoffen, also Chemikalien, die legal etwa in Batterien oder Kosmetika genutzt werden, aber auch illegal zur Drogenherstellung dienen.
Maßnahmen zur Schadensminderung sollen Menschen vor den gravierendsten Folgen des Drogenkonsums schützen, etwa vor Überdosen und Infektionskrankheiten. Zugleich sollen junge Menschen davor bewahrt werden, von kriminellen Netzwerken angeworben zu werden.
Die fünfte Säule betont die globale Dimension des Problems. Sie setzt auf engere internationale Zusammenarbeit und Partnerschaften der Strafverfolgungsbehörden mit Staaten außerhalb der EU.
Ergänzend zur Strategie legt der EU-Aktionsplan gegen Drogenhandel 19 konkrete Maßnahmen fest. Dazu gehören bessere Detektionswerkzeuge, Kooperationen mit der Privatwirtschaft gegen den Drogenversand per Post und strengere Regeln für Hochgeschwindigkeitsboote, die illegale Drogen transportieren.
Mitgliedstaaten und EU-Agenturen
Die Mitgliedstaaten müssen ihre nationalen Strukturen so anpassen, dass sie die Strategie im Gesundheits- und Sozialbereich sowie in der Strafverfolgung umsetzen können.
"Es gibt zwar noch Lücken, insgesamt würde ich die Lage aber als eine sich sehr dynamisch verbessernde Situation mit hoch engagierten Mitgliedstaaten beschreiben, die eng mit uns zusammenarbeiten [...]", sagte Nolan.
Die erste Säule verpflichtet die Regierungen, ihre Datensysteme zu modernisieren, Präventionsmaßnahmen auszubauen und medizinische Gegenmaßnahmen bei plötzlichen Eskalationen schneller bereitzustellen. Im Bereich der öffentlichen Gesundheit sollen die Staaten ihre Präventionsprogramme stärken, den Zugang zu evidenzbasierten Behandlungen ausweiten und nationale Einrichtungen für Rehabilitation ausbauen. So soll eine bezahlbare und hochwertige Gesundheits- und Sozialversorgung gesichert werden. Die Sicherheitssäule fordert Verbesserungen bei den nationalen Systemen zur Aufdeckung, Ermittlung und Strafverfolgung, etwa bei der Rückführung krimineller Vermögenswerte und beim Eindringen der Kriminalität in legale Geschäftsbereiche.
Die Mitgliedstaaten setzen je nach Lage unterschiedliche Schwerpunkte. Für Belgien und die Niederlande besteht die größte Herausforderung darin, die Sicherheit und Widerstandsfähigkeit ihrer Häfen zu erhöhen, da sie zentrale Knotenpunkte des Schmuggels bleiben. Deutschland, Italien und Frankreich verzeichnen besonders viele Menschen, die Drogen injizieren. Dort besteht ein größerer Bedarf an präventiven Behandlungen, sozialer Unterstützung sowie gezielten Warn- und Aufklärungskampagnen.
Die EUDA will die Staaten als "zentrale Partnerin bei der Umsetzung der Strategie in allen fünf Säulen" unterstützen, sagte Nolan.
"Unsere Rolle besteht vor allem darin, evidenzbasierte Antworten und Maßnahmen zu fördern. Wir arbeiten zudem eng mit den nationalen Kontaktstellen bei der Beobachtung der Lage zusammen [...]. Im Umsetzungsrahmen kommt uns die Aufgabe zu, die Ergebnisse der Strategie messbar zu machen", erläuterte sie.
Nolan betonte, dass auch die Zusammenarbeit zwischen Frontex und Europol entscheidend bleibe. Frontex soll die innere Sicherheit der EU stärken, indem die Agentur Drogenhandel an den Außengrenzen bekämpft. Europol fungiert als Nachrichtenzentrale, beobachtet den Drogenmarkt und koordiniert grenzüberschreitende Ermittlungen.
"Mehr denn je arbeiten wir in einer Zeit, in der diese Partnerschaft absolut entscheidend ist. Wir nutzen jede Gelegenheit, sie auszubauen und den Fokus auf die Ziele der Strategie und ihres Umsetzungsrahmens zu richten", sagte Nolan gegenüber Euronews.