Patriot-Abfangraketen werden weltweit knapp, Deutschland setzt mit seinem IRIS-T auf Luftverteidigung. Braucht aber Waffen mit größerer Reichweite. Eine Kooperation mit der Ukraine könnte einen Teil dieser Reichweitenlücke schließen.
Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 hat Präsident Wolodymyr Selenskyj die westlichen Verbündeten seines Landes wiederholt um zusätzliche Flugabwehrsysteme gebeten. Nach öffentlich bekannten Angaben wurden der Ukraine bislang rund acht Patriot-Luftverteidigungssysteme zugesagt oder geliefert. Drei davon stellte Deutschland aus Bundeswehrbeständen bereit, zwei weitere wurden von Berlin angekündigt.
Neben dem amerikanischen Patriot-System hat die Bundesregierung der Ukraine zusätzlich sechs IRIS-T SLM-Systeme für die Mittelstreckenluftverteidigung sowie sechs IRIS-T SLS-Systeme für die Kurzstreckenluftverteidigung geliefert – hergestellt vom deutschen Rüstungskonzern Diehl Defence mit Sitz in Überlingen am Bodensee. Anders als das Patriot-System hat das IRIS-T SLM jedoch einen Radar, das sich dreht, erklärt Hauptfeldwebel Thomas im Gespräch mit Euronews bei der diesjährigen Internationalen Luft- und Raumfahrtmesse ILA.
Thomas arbeitet in der Instandhaltung des Geräts und ist seit 2020 bei der Bundeswehr. Er ergänzt, dass das IRIS-T SLM dank seines 360-Grad-Radars Ziele aus allen Richtungen erfassen könne. "Dadurch, dass die Startbehälter aufgerichtet sind, haben wir zudem die Möglichkeit, den Luftraum in alle Richtungen abzudecken. Das heißt, es ist egal, ob ein Ziel von vorne, hinten, links oder rechts kommt", so Thomas. Unter den Die Startbehälter beim IRIS-T SLM versteht man die großen, senkrecht aufgerichteten Container.
Anders als beim IRIS-T SLM werden beim Patriot-System Radar und Startgeräte auf die erwartete Hauptbedrohungsrichtung ausgerichtet. Dabei geht man davon aus, dass Ziele überwiegend aus diesem Bereich anfliegen.
Zum Gesamtsystem IRIS-T SLM gehören ein Radar, ein Feuerleitstand und drei Startgeräte. Trotz seiner komplexen Aufgaben sei die Bedienung laut Hauptfeldwebel Thomas vergleichsweise unkompliziert: "Man hat tatsächlich drei Knöpfchen und bestätigt ein paar Sachen. Man wird relativ gut durch den Aufbau geführt und vieles passiert automatisch."
Könnte IRIS-T SLM den Patriot ersetzen?
Der russische Angriffskrieg auf der Ukraine sowie der US-israelische Krieg gegen den Iran haben die Nachfrage nach Patriot-Luftverteidigungssystemen und Abfangraketen deutlich erhöht. Der britische Guardian berichtete Anfang Juni von einer weltweiten Knappheit bei Patriot-Abfangraketen, die in der Ukraine bereits eine Verwundbarkeitslücke geschaffen habe.
Die Financial Times schrieb vergangene Woche, dass die Nachfrage nach Patriot-PAC-3-Abfangraketen durch den Konflikt mit Iran deutlich gestiegen sei und Hersteller Lockheed Martin Verbündeten derzeit keine verlässlichen Liefertermine nennen könne. Wie Reuters berichtete, haben dass Pentagon und Weiße Haus die Rüstungsindustrie zu einer Ausweitung der Produktion gedrängt, da sowohl die Unterstützung der Ukraine als auch die Einsätze im Nahen Osten die Bestände belasten.
Da das IRIS-T-System in Deutschland hergestellt wird, stellt sich demnach die Frage, ob es möglicherweise eine Ersatzmöglichkeit für das Patriot-System darstellen könnte. Doch einen Ersatz für Patriot sieht Hauptfeldwebel Thomas in dem deutschen System nicht. "Es ist nicht besser, es hat einen anderen Einsatz", sagt er.
Vor allem bei der Reichweite und der Abwehr ballistischer Raketen ist das amerikanische System überlegen. Während das IRIS-T SLM Ziele in einer Entfernung von bis zu 40 Kilometern bekämpfen kann, erreicht Patriot je nach eingesetztem Flugkörper deutlich größere Reichweiten.
Zum Einsatz kommen dabei unter anderem die Flugkörper PAC-2 GEM-T, die vor allem gegen Flugzeuge und Marschflugkörper ausgelegt sind, sowie die moderneren PAC-3- und PAC-3 MSE-Raketen zur Abwehr ballistischer Raketen. "Dadurch, dass Patriots Ziele in größerer Entfernung bekämpfen können, ist auch die Gefahr geringer, dass Trümmerteile in bewohnte Gebiete fallen", fügt Hauptfeldwebel Thomas hinzu.
Nicht nur bei der Luftverteidigung: das Reichweitenproblem
Zwar werden die deutschen Streitkräfte massiv aufgerüstet, doch eine wichtige Fähigkeit fehlt der Bundeswehr: die sogenannten "Deep Strike Capabilities". Darunter versteht man Präzisionsschläge aus großer Entfernung, also die Fähigkeit, hochrangige militärische und infrastrukturelle Ziele mehrere hundert bis tausende Kilometer hinter der Front präzise zu treffen. Der ehemalige SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz hatte mit dem damaligen US-Präsidenten Joe Biden vereinbart, dass die USA 2026 aus diesem Grund ihre Tomahawk-Raketen in Deutschland stationieren. Diese sollten zur Abschreckung Russlands dienen.
Wie vor kurzem jedoch berichtet wurde, wird diese Stationierung nun offenbar nicht mehr stattfinden. Wie Anfang Juni berichtet wurde, soll die geplante Lieferung abgesagt werden. Politico berief sich auf europäische und amerikanische Beamte und meldete, dass sich US-Regierungsvertreter sorgen, Russland könnte die Stationierung als Eskalation betrachten und darauf reagieren. Für Deutschland würde dies den Wegfall einer wichtigen geplanten Verstärkung seiner Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten bedeuten.
Der Hersteller der IRIS-T Systeme, Diehl Defence, hat demnach in einem Interview mit der Financial Times auf der ILA eine Ausweitung der Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Rüstungsunternehmen Fire Point verkündet. Fire Point produziert den ukrainischen weitreichenden Flamingo-Marschflugkörper, der eine Reichweite von bis zu 3.000 Kilometern zählt.
Nach ukrainischen Angaben kam die FP-5 Flamingo bereits bei Angriffen auf Ziele tief im russischen Hinterland zum Einsatz. Unter anderem wurde damit eine Militäreinrichtung in der Stadt Ischewsk angegriffen, die russische Streitkräfte mit Komponenten für Drohnen und Raketen versorgen soll. Mit einer Entfernung von rund 1.300 Kilometern zur ukrainischen Grenze gehört Ischewsk zu den am weitesten entfernten Zielen, die von ukrainischen Waffensystemen erreicht wurden.
Beide Unternehmen würden die Möglichkeit prüfen, den Marschflugkörper FP-5 Flamingo künftig auch in Deutschland zu produzieren. Der Vorstandsvorsitzende von Diehl Defence, Helmut Rauch zeigte sich optimistisch hinsichtlich der Kooperation. Weitere Gespräche über die Partnerschaft sollen in den kommenden Wochen stattfinden.