Zum Internationalen Tag gegen sexuelle Gewalt in Konflikten warnt UNFPA-Vertreterin Jacqueline Mahon in einem Euronews-Kommentar: Kriegsvergewaltigungen zerstören Leben, Kürzungen gefährden Hilfsangebote.
Dieser Artikel enthält Hinweise auf und Schilderungen sexualisierter Gewalt. Leserinnen und Leser sollten dies berücksichtigen. Wenn Sie selbst oder jemand aus Ihrem Umfeld in einer Krise ist, gibt es Unterstützungsangebote.
Im vergangenen Jahr saß ich in Kyjiw in einem Raum, in dem sich Überlebende von konfliktbedingter sexualisierter Gewalt versammelt hatten. Ein Mann erzählte uns, dass er überlebt hatte. Er sprach leise, seine Hände verkrampften sich. Eine Frau hielt eine seiner Hände. In seinen Augen lag ein Schmerz, für den er keine Worte fand. Zugleich blickte er fest, mit dem Willen, Gerechtigkeit zu erleben. In jeder seiner Bewegungen konnte man es sehen – die Narben, die ihn sein ganzes Leben begleiten werden.
Schreie von hinter der Wand
Er war nicht gekommen, um seine Qualen im Detail zu schildern. Er wollte deutlich machen, dass auch Männer diese Gewalt erleben und mit Wunden zurückbleiben – auch gesundheitlichen –, die allzu leicht übersehen werden. Was man ihm in der Gefangenschaft antat, war grauenhaft. Vernehmende befestigten Elektroden an seinen Genitalien, jagten Strom durch seinen Körper und drohten, ihn unfruchtbar zu machen.
Sie nannten das einen Lügendetektortest. Und es gab noch etwas: Durch die Wände hörte er, wie Vernehmende Frauen mit Gruppenvergewaltigung bedrohten, und er hörte die Schreie von Frauen, die gefoltert wurden. Er wusste nie, gegen wen sich diese Drohungen richteten. Vielleicht gegen seine Frau, eine Freundin, jemanden, der ihm nahestand. Er konnte nichts tun, außer zuzuhören.
Dieses Detail hat sich mir eingeprägt, weil es etwas deutlich macht, das viele an sexualisierter Gewalt im Krieg übersehen. Eine Drohung gegen eine Person verfolgt alle, die diese mithören müssen. Ein Übergriff auf einen Gefangenen betrifft eine ganze Familie, eine Stadt. Der Schaden trifft das Umfeld ebenso wie den Körper des Betroffenen. Er frisst sich durch Ehen, Freundschaften und Familien, noch lange nachdem Menschen freigekommen sind.
Das UN-Menschenrechtsbüro hat inzwischen 664 Fälle konfliktbedingter sexualisierter Gewalt durch die Russische Föderation seit Februar 2022 dokumentiert – gegen Kriegsgefangene, festgehaltene Zivilpersonen und Menschen in ihren Häusern in den besetzten Gebieten. Hinter jedem dieser Fälle steht eine überlebende Person, die sich mit Ermittlern zusammensetzt und sich die schlimmsten Momente ihres Lebens in Erinnerung ruft.
Andere Frontlinie: Überlebende beim Heilen unterstützen
Nach den Einsatzerfahrungen des UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) in der Ukraine schätzen wir, dass auf jeden dokumentierten Fall zehn bis zwanzig weitere Betroffene kommen, die sich bisher nicht gemeldt haben und dies vielleicht nie tun werden.
Bemerkenswert an der Reaktion der Ukraine ist, dass sie den Heilungsprozess nicht als etwas betrachtet, das erst nach einem Frieden beginnt. Der Krieg dauert an, doch die Ukraine hat ein Gesetz verabschiedet, das Überlebenden konfliktbedingter sexualisierter Gewalt kostenlose Rehabilitation und dringende vorläufige Entschädigungen garantiert.
Gemeinsam mit der Regierung und einiger von Frauen geleiteter Organisationen unterstützt UNFPA Hilfszentren für Überlebende im ganzen Land und ein Rehabilitationsprogramm, das auf Auszeiten basiert, in denen Betroffene zwei Wochen in Sicherheit verbringen können. Dort lernen sie, mit dem umzugehen, was Gefangenschaft und Gewalt in ihnen hinterlassen haben. Eine Teilnehmerin kam mit drei oder vier Panikattacken am Tag. Am Ende hatte sie gelernt, sich in diesen Momenten selbst zu stabilisieren.
Weil der Schaden ganze Familien trifft, richten sich diese Aufenthalte inzwischen auch an die Familien – einschließlich Partnern und Kindern. Sie lernen gemeinsam mit der überlebenden Person, wieder im selben Haus zu leben. Überlebende lassen sich zu Moderatoren ausbilden und leiten selbst Gruppen für andere Betroffene. In Saporischschja hat ein von Überlebenden getragenes Netzwerk eine Vereinbarung mit der Regionalverwaltung geschlossen, um Überlebende und ihre Familien zu rehabilitieren. Die Kosten trägt der Regionalhaushalt. In einer Region, die weiterhin unter Beschuss steht, helfen sich Überlebende gegenseitig bei der Genesung – mit öffentlicher Unterstützung.
Wer hilft, wenn die Helfer nicht mehr da sind?
Es lohnt sich, sich vor Augen zu führen, wer zu den wichtigsten treibenden Kräften dahinter gehört. Die Hilfszentren, Aufenthalts- und Rehabilitationsprogramme sind aus Frauenorganisationen und von Frauen geleiteten Netzwerken hervorgegangen – Strukturen, die über Jahrzehnte entstanden sind, um auf geschlechtsspezifische Gewalt zu reagieren.
Und es lohnt sich, hinzusehen, wem sie heute helfen: In der Ukraine sind die meisten dokumentierten Überlebenden konfliktbedingter sexualisierter Gewalt Männer – Männer, die in Gefangenschaft als Kriegsgefangene oder in vorübergehend besetzten Gebieten gefoltert wurden.
Das ist wichtig, denn weltweit ziehen sich Unterstützungsleistungen für Frauenorganisationen zurück. Die Finanzierung von Frauen- und von Frauen geleiteten Organisationen wird gekürzt, als ginge sie nur Frauen etwas an.
Im Jahr 2026 berichteten fast vier von fünf ukrainischen Frauenorganisationen, dass Kürzungen ihre Arbeit getroffen haben, und zwei Drittel führen inzwischen Wartelisten oder müssen Menschen abweisen. Schätzungsweise 63.000 Menschen könnten in diesem Jahr den Zugang zu Unterstützung verlieren. Wenn diese Infrastruktur zerbricht, bleiben nicht nur Frauen ohne Hilfe. Es trifft auch den gefolterten Mann, seine Partnerin, seine Kinder. Wer Frauenorganisationen die Mittel entzieht, lässt all jene im Stich, die sie erreichen.
An diesem Internationalen Tag zur Beseitigung sexueller Gewalt in Konflikten denke ich an den Mann, den ich in Kyjiw getroffen habe. Er leitet inzwischen ein Netzwerk von Männern, die Gefangenschaft überlebt haben, um Verantwortung und Gerechtigkeit einzufordern. Wir müssen die Unterstützungsnetzwerke schützen und tragen, auf die sich Überlebende verlassen, und Rehabilitation dauerhaft in das Gesundheits- und Sozialsystem der Ukraine einbetten – nicht als Projekt, das endet, sobald eine Förderung ausläuft.
Die von Frauen und von Überlebenden geleiteten Organisationen, die diese Arbeit leisten – in der Ukraine und überall –, brauchen langfristige Finanzierung. Sie sind kein Spezialanliegen, sondern ein unverzichtbarer Teil unserer Gesellschaften. Sie können nicht alles heilen, was der Krieg zerstört, und manches lässt sich nie wieder gutmachen. Doch sie sind ein Lichtblick, dem Menschen folgen können, wenn Gewalt alles um sie herum verdunkelt.