Bereits zum dritten Mal binnen zwei Wochen ist das Logistiknetz von Wildberries Ziel eines ukrainischen Angriffs geworden. Nun prüft Moskau offenbar Hilfen für Russlands größten Online-Marktplatz.
Die Ukraine hat am Montag erneut ein Lagerhaus des Onlinehändlers Wildberries in der russischen Region Wladimir angegriffen. Es ist bereits der dritte Angriff innerhalb von zwei Wochen auf das Logistiknetz des E-Commerce-Giganten.
Kyjiw nimmt nach eigenen Angaben eine zentrale Lieferkette für Komponenten russischer Militärdrohnen ins Visier.
Auf Fotos und Videos in sozialen Netzwerken ist dichter schwarzer Rauch zu sehen, der aus dem Lagerhaus des Onlinehändlers aufsteigt. Augenzeuginnen und Augenzeugen filmten zudem Drohnen, die kurz vor dem Einschlag über dem Gebiet flogen.
Die Presseabteilung von Wildberries bestätigte auf Telegram, dass in dem Gebäude ein Feuer ausgebrochen sei. Zunächst erklärte das Unternehmen, es habe keine Verletzten gegeben.
Der Gouverneur der Region Wladimir, Alexander Awdejew, meldete später jedoch zwei Verletzte nach dem Angriff.
Seit dem 18. Juli hat Kyjiw seine Angriffe auf den E-Commerce-Riesen, den viele mit Amazon vergleichen, deutlich verstärkt.
Warum greift die Ukraine Wildberries an?
Wildberries ist seit seiner Gründung im Jahr 2004 der größte Online-Marktplatz Russlands.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die von Drohnen angegriffenen Lager versorgten russische Truppen mit Komponenten für Drohnen, Navigationsausrüstung und weiterer Militärtechnik.
Auf der Plattform werden zahlreiche Militärgüter angeboten, darunter Drohnenkomponenten und Körperschutzwesten.
Die Bedeutung von Wildberries für Russlands Kriegswirtschaft reicht jedoch weit darüber hinaus.
Zur Einordnung: Wildberries meldet einen Jahresumsatz von 70 bis 75 Milliarden Euro. Schätzungen zufolge entspricht das gut zwei Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts.
Der Marktplatz beschäftigt direkt Zehntausende Menschen, nach eigenen Angaben rund 50.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In Spitzenzeiten steigt die Zahl der Beschäftigten in der Logistik auf deutlich mehr als 100.000.
Wildberries und seine Gründerin Tatiana Kim, die als reichste Frau Russlands gilt, stehen wegen des seit Anfang 2022 andauernden russischen Großangriffs auf die Ukraine unter internationalen Sanktionen.
Polen bezeichnete Wildberries bei der Verhängung von Sanktionen im Jahr 2022 als "größten Steuerzahler in der Russischen Föderation".
Die EU belegte die Banktochter des Unternehmens im Juli mit Sanktionen, weil sie finanziell zum russischen Staatshaushalt beiträgt.
Kim stellte am vergangenen Freitag klar, dass ihr Unternehmen rechtlich nicht verpflichtet sei, Nutzerinnen und Nutzer für Verluste durch ukrainische Angriffe zu entschädigen. Wildberries rechne jedoch fest mit Ausgleichszahlungen aus Moskau.
Rettet Russland seinen größten Online-Marktplatz?
Für Russland ist Wildberries angesichts seiner wirtschaftlichen Bedeutung schlicht zu groß, um unterzugehen.
Medienberichten zufolge sucht die Regierung nach Wegen, den Konzern und die Unternehmen auf seiner Plattform nach den Angriffen zu unterstützen.
Die staatlich kontrollierte Bank VTB soll dabei eine zentrale Rolle spielen, etwa durch Kredite, Zuschüsse oder Steuervergünstigungen.
Viele russische Unternehmerinnen und Unternehmer, die über Wildberries verkaufen, äußerten sich in der vergangenen Woche in sozialen Netzwerken. Sie beklagen, dass sie hohe Verluste nahezu ohne Unterstützung der Plattform tragen müssten.
Verkäufer warnen, dass Tausende kleiner Unternehmen vor dem Aus stehen und Steuereinnahmen wegbrechen könnten, falls es keine spürbare Entlastung gebe. Ihrer Ansicht nach sind Steuervergünstigungen und Kreditpausen wichtiger als die symbolischen Entschädigungen, die ihnen bisher angeboten wurden.
Die meisten dieser Beiträge erschienen auf Instagram, das in Russland seit März 2022 offiziell verboten ist.