Israel muss auch von 2028 bis 2034 uneingeschränkt zum europäischen Forschungsraum gehören, sagt Carsten Ovens - von der Vereinigung European Leadership Network - in einem Meinungsbeitrag für Euronews. Dies liege in Europas eigenem Interesse und sei eine Investition in Europas Zukunft.
Kaum ein Programm verkörpert Europas Anspruch, Kontinent des Wissens zu sein, so deutlich wie Horizon Europe. Rund 95 Milliarden Euro stellt die EU zwischen 2021 und 2027 bereit, um die besten Köpfe, Hochschulen und Technologieunternehmen zusammenzubringen. Der Leitgedanke: Über die Förderung entscheiden wissenschaftliche Exzellenz und Innovationspotential – nicht Nationalität oder politische Stimmung.
Dieses Versprechen steht seit über einem Jahr unter Dauerbeschuss. Im Juli 2025 schlug die Europäische Kommission vor, israelische Startups vom Accelerator des Europäischen Innovationsrats (EIC) auszuschließen – jenem Programmbestandteil, das Unternehmen mit disruptiven Technologien fördert, etwa KI, Cybersicherheit und Drohnentechnik. Die Beteiligung israelischer Universitäten und Forscher an anderen Horizon-Projekten sollte zunächst unangetastet bleiben. Politisch wäre der Schritt dennoch ein Präzedenzfall gewesen: Noch nie zuvor hätte die EU einen leistungsfähigen Partner aufgrund seiner Regierung aus einem zentralen Innovationsinstrument ausgeschlossen.
EU-Kommission: Ausschluss israelischer Startups liegt auf Eis
Bis heute hat der Vorschlag im Rat keine qualifizierte Mehrheit gefunden. Deutschland und Italien verlangten vertiefte Prüfung, mehrere mittel- und osteuropäische Staaten lehnten ihn rundheraus ab. Frankreich, die Niederlande und Spanien gehörten dagegen zu jenen Regierungen, denen der Vorschlag angesichts der Lage in Gaza nicht einmal weit genug ging. Spanien hatte gemeinsam mit Irland bereits 2024 eine Überprüfung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens gefordert und im Sommer 2025 sogar die Aussetzung sämtlicher gemeinsamer Programme verlangt.
Der Vorschlag liegt seither auf Eis – doch er ist noch nicht erledigt. Vielmehr taucht er bei jeder neuen Eskalation in Gaza wieder auf. Und er trifft auf eine Europäische Union, die gerade über ihr nächstes Forschungsrahmenprogramm verhandelt: Ab 2028 soll mit der 10. Förderperiode (FP10) Europas Innovationspolitik bis 2034 gestaltet werden. Dabei wird auch verhandelt, zu welchen allgemeinen Bedingungen Drittstaaten künftig teilnehmen können. Diese Frage erhält mit Blick auf den politischen Streit um Israel eine zusätzliche Brisanz.
Kritik an der israelischen Regierung ist legitim. Auch sollte die humanitäre Lage in Konfliktregionen des Nahen Ostens Gegenstand europäischer Politik sein. Doch schützen Sanktionen gegen israelische Wissenschaftler und Universitäten nirgendwo und niemanden vor islamistischem Terrorismus oder verbessern gar die Lebensqualität. Ein wissenschaftlicher Schaden wäre aber sehr wohl schnell konkret messbar – vor allem in Europa.
Wer Israel ausschließt, trifft die eigenen Innovationskraft
Israelische Partner sind in Horizon Europe keine isolierten Geldempfänger, sondern Teil multinationaler Konsortien, in denen europäische Universitäten, Forschungszentren und Unternehmen gemeinsam forschen und entwickeln. Zwischen 2021 und 2024 warben israelische Hochschulen, Institute und Unternehmen mehr als eine Milliarde Euro aus Horizon Europe ein – bei einer Eigenbeteiligung Israels von rund 1,7 Milliarden Euro. Das Land ist damit Nettobeitragszahler, kein Nettoempfänger.
Würde ein israelischer Partner ausgeschlossen, verschwände nicht einfach eine Position in einer Brüsseler Fördertabelle. Konsortien verlören technisches Wissen, geistiges Eigentum, Versuchsanlagen, klinische Daten oder den Zugang zu einem der dynamischsten Startup-Ökosysteme der Welt. Projekte müssten neu zusammengesetzt, Arbeitspakete umverteilt oder ganz aufgegeben werden. Auf den Kosten blieben Institute in Hamburg, Paris, Barcelona, Leuven oder Warschau sitzen. Wer als europäische Regierung den Ausschluss Israels fordert, schadet damit unmittelbar den eigenen Universitäten.
Leidtragend wäre auch die europäische Wirtschaft, die vielfältig auf israelische Innovationen setzt. Beim EIC Accelerator war Israel 2024 der drittgrößte Empfänger nach Deutschland und Frankreich. Allein in dem Jahr flossen mehr als 100 Millionen Euro in israelische Deeptech-Startups. Die Startup Nation selbst investiert mehr als sechs Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung – mehr als dreimal so viel wie der EU-Durchschnitt. Rund 450 internationale Unternehmen, darunter Renault, SAP und Telefónica, unterhalten deshalb Forschungszentren im Land.
Europa muss jetzt die Weichen stellen
Europäische und israelische Teams arbeiten gemeinsam an personalisierten Krebstherapien, wassersparender Landwirtschaft, Robotik, Quantentechnologien und resilienten digitalen Infrastrukturen. Am Technion, dem Weizmann Institute und der Hebräischen Universität entstehen dabei nicht nur Publikationen, sondern Patente, Ausgründungen und marktfähige Anwendungen – genau jene Übersetzung von Wissenschaft in Innovation, an der es Europa so oft mangelt. Israel ist genau hier besonders stark. Das Land auszuschließen, würde Europas strukturelle Schwäche nicht beheben, sondern vielmehr verschärfen.
Die zentrale Entscheidung liegt vor uns. FP10 wird Europas Forschungs- und Innovationspolitik bis 2034 prägen. Um bei KI, Biotechnologie und Quantentechnik zu den USA und China aufzuschließen, muss die vollständige Teilnahme Israels frühzeitig gesichert werden, statt bei jeder neuen Zuspitzung im Nahen Osten erneut zur Verhandlungsmasse zu werden. Die Regierungen in Dublin, Paris oder Madrid sollten sich deshalb nicht nur fragen, inwiefern sie innenpolitisch von einem Ausschluss Israels profitieren würden. Sie müssten ihren eigenen Universitäten und Unternehmen auch erklären, welchen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Preis ihr Land dafür zahlen müsste. FP10 muss ein Programm der Exzellenz bleiben, kein Instrument wechselnder politischer Mehrheiten.
Israel muss auch von 2028 bis 2034 uneingeschränkt zum europäischen Forschungsraum gehören, in unserem eigenen Interesse und als Investition in Europas Zukunft.
Carsten Ovens (CDU, war Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und ist CEO des European Leadership Network (ELNET) für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Gemeinsam mit ELNET gründete er 2020 das German Israeli Network of Startups & Mittelstand, gefördert vom Bundeswirtschaftsministerium und 2021 das German Israeli Health Forum for Artificial Intelligence, gefördert vom Bundesgesundheitsministerium.