Andrea Pirlo zieht seine Bewerbung als Italiens Nationaltrainer wegen der breiten Kritik an seiner Rolle als Botschafter eines russischen Wettanbieters zurück.
Andrea Pirlo wird doch nicht neuer Cheftrainer der italienischen Nationalmannschaft. Das gab der frühere Mittelfeldspieler der Azzurri selbst in einer Nachricht in sozialen Netzwerken bekannt:
„Ich habe gestern Abend erfahren, dass ich nicht länger als Kandidat für den Posten des Nationaltrainers Italiens gelte“.
Seine Kandidatur, die der Technische Direktor Paolo Maldini und der Berater Leonardo unterstützt hatten, verfolgt der Verband damit nicht weiter.
Die Ernennung sollte eigentlich im Rat der FIGC am Dienstag, 28. Juli, beschlossen werden. Nach Informationen von Sky Sport wurden die Schritte zur Auflösung des Vertrags, der Pirlo an United FC bindet, gestoppt. Auch die geplanten Treffen in Rom, in denen sein Amtsantritt als Nationaltrainer der Azzurri geregelt werden sollte, sind damit Schall und Rauch.
Maldini-Leonardo-Projekt verliert Wunschkandidaten
Die Personalie Pirlo stand im Zentrum des neuen sportlichen Projekts, das Maldini und Leonardo für die Nationalmannschaft entworfen hatten. Sie wollten die Azzurri einem jungen Trainer anvertrauen. Er sollte im italienischen Fußball fest verankert sein, eine Vergangenheit als prägender Spieler im Nationaltrikot haben und nach schwierigen Jahren eine neue Ära einleiten.
Das Aus für den früheren Spielmacher könnte auch Folgen für das Projekt der neuen sportlichen Leitung haben. Maldini und Leonardo müssen nun eine Alternative finden, die zur eingeschlagenen Linie passt, oder gar überlegen, welche Zukunft ihre Rolle im Verband haben kann.
Unter den bereits gehandelten Namen bleiben erfahrenere Trainer wie Roberto Mancini und Antonio Conte. Eine solche Lösung würde jedoch einen Strategiewechsel im Vergleich zur ursprünglichen Idee bedeuten.
Debatte um Botschafterrolle für russische Firma
Pirlo war als globaler Botschafter eines ausgerechnet russischen Wettanbieters in Erscheinung getreten. Der Name: Fonbet.
Die Zusammenarbeit, so Pirlo, entstand im Rahmen seiner beruflichen Erfahrung in den Vereinigten Arabischen Emiraten und sei ausschließlich kommerzieller und sportlicher Natur gewesen. Der Fall löste jedoch eine Diskussion darüber aus, ob man die Nationalmannschaft einem Trainer anvertrauen sollte, der geschäftlich an ein russisches Unternehmen gebunden ist, in einem internationalen Umfeld, das von angespannten Beziehungen zwischen Moskau und dem Westen geprägt ist.
Die Kritik erhielt zudem eine politische Dimension und machte aus einer zunächst rein sportlichen Entscheidung einen öffentlichen Fall. Auch deshalb hatte Pirlo beschlossen, sich direkt in den sozialen Netzwerken zu äußern, um seine Position zu erklären.
„In den vergangenen Tagen habe ich mit großer Bitterkeit die Debatte verfolgt, die sich um meinen Namen entwickelt hat“, schrieb der frühere Nationalspieler und erklärte, die umstrittene Zusammenarbeit „entstand im Rahmen meines beruflichen Weges in den Vereinigten Arabischen Emiraten und ist ausschließlich kommerzieller und sportlicher Natur“.
Pirlo wies jede politische Deutung der Zusammenarbeit zurück: „Wer dieser Kooperation einen politischen Sinn gibt, unterstellt mir Überzeugungen, die ich nie geäußert habe und die nicht zu mir gehören“.
„Liebe zu Italien hängt nicht am Amt“
In seinem Beitrag dankte Pirlo Maldini und Leonardo öffentlich für das entgegengebrachte Vertrauen und betonte seine Verbundenheit mit der Nationalmannschaft und mit dem Land.
„Es betrübt mich, dass eine sportliche Entscheidung so schnell in eine öffentliche Auseinandersetzung gezogen wurde, die meiner Person Bedeutungen und Absichten zugeschrieben hat, die mir nicht gehören“, schrieb er.
Und er fügte hinzu: „Die Liebe zu Italien hängt nicht von einem Amt ab. Sie ist Teil meiner Geschichte, meiner Identität und wird mich immer begleiten“.
FIGC muss neuen Nationaltrainer finden
Mit der erledigten Kandidatur Pirlos muss der italienische Verband die Frage nach dem Cheftrainer der Azzurri neu aufrollen, auch mit Blick auf die nächsten Nations-League-Spiele im September.
Die Wahl des neuen Nationaltrainers wird zur ersten großen Bewährungsprobe für die neue Verbandsführung. Sie muss einen Ausgleich finden zwischen sportlicher Kontinuität, Erneuerung und dem Bedürfnis, eine Nationalmannschaft neu zu beleben, die nach den jüngsten Enttäuschungen auf der Suche nach einer neuen Identität ist.