Die solarbetriebene Ambulanz Stella Juva eröffnet neue Chancen für medizinische Versorgung in abgelegenen Regionen ohne stabile Netze und Treibstoff.
Die weltweit erste von Solarenergie angetriebene Ambulanz ist offiziell unterwegs. Fachleute sprechen von einem „wichtigen ersten Schritt hin zu einer nachhaltigen Gesundheitsversorgung“.
Studierende des Solar Team Eindhoven an der Technischen Universität Eindhoven in den Niederlanden haben Stella Juva entwickelt – eine straßenzugelassene Ambulanz, die als Elektrofahrzeug mit vollständig integrierten Solarzellen fährt.
Die Sonnenenergie speichert das Fahrzeug in einer Batterie mit 50 kWh. So kann die Ambulanz auch nach Sonnenuntergang sicher weiterfahren und Menschen in abgelegenen Regionen versorgen, in denen es oft weder verlässliche Infrastruktur noch Stromnetze oder Kraftstoff gibt.
Im Unterschied zu klassischen Rettungswagen, die Patientinnen und Patienten ins Krankenhaus bringen, kommt Stella Juva mit der medizinischen Versorgung direkt zu den Menschen.
„Wenn medizinisches Personal eine Landklinik erreicht, kann es seitlich an der Ambulanz zusätzliche Solarpaneele ausklappen“, erklärt Yarno Basten vom Solar Team Eindhoven gegenüber Euronews Earth.
„Das sorgt für zusätzliche Energie und spendet zugleich Schatten für die Behandlungen. Im Stand erzeugt die Ambulanz mehr Solarstrom, als die Medizingeräte verbrauchen. Das bedeutet, dass das medizinische Personal die Geräte jederzeit nutzen kann.“
Erste Solarambulanz der Welt geht auf die Straße
Beim ersten Praxistest legte Stella Juva in Zusammenarbeit mit der internationalen Gesundheitsorganisation Amref Health Africa mehr als 800 km auf verschiedenen Einsatzstrecken in der Region Narok in Kenia zurück.
Zeitweise war das Team sechs Stunden auf schwierigen Pisten unterwegs, um einen abgelegenen Einsatzort in Mosiro zu erreichen.
„Beim Abschluss in Kenia musste die Solarambulanz schwieriges Gelände abseits befestigter Straßen bewältigen“, berichtet Basten. „Dabei brach das sogenannte Toe-Link, das die Vorderräder mit der Lenkung verbindet.
„Zum Glück war dieses Bauteil bewusst als erstes Sollbruchteil konstruiert. Binnen einer halben Stunde konnte das Team es austauschen, sodass Stella Juva ihre Fahrt fortsetzen und abschließen konnte.“
Eine „energieunabhängige“ Ambulanz
Stella Juva ist mit Geräten ausgestattet, die Gesundheitsorganisationen in abgelegenen Regionen dringend benötigen: unter anderem Röntgengerät, Ultraschall, automatisierter externer Defibrillator (AED) und Kühlsysteme für Impfstoffe.
Bei einem zweitägigen Test zeigte die Solarambulanz, dass sie rund 200 Menschen medizinisch hätte versorgen können.
Im Stand erzeugte Stella Juva mehr Solarenergie, als sie beim gleichzeitigen Betrieb aller Medizingeräte verbrauchte. Forschende sehen darin den Beleg, dass die Ambulanz „energieunabhängig“ arbeiten kann. Das medizinische Personal kann die Geräte so dauerhaft nutzen.
„Für das Team ist es großartig, das Potenzial von Stella Juva in der Praxis zu sehen“, sagt Teammanager Mathijs van Gerven. „Das Fahrzeug fährt nicht nur klimafreundlich, es ermöglicht auch eine komplett unabhängige Versorgung. Gerade in abgelegenen Regionen, in denen Energie oft knapp ist, kann das den entscheidenden Unterschied machen.“
„Das Potenzial könnte enorm sein“
„In Narok erschweren große Entfernungen und eine unzuverlässige Stromversorgung den Zugang zu guter medizinischer Betreuung“, erklärt Geoffrey Sadera, Projektleiter für die Gesundheit von Müttern und Kindern bei Amref Health Africa (Quelle auf Englisch).
„Stella Juva bringt nicht nur Fachkräfte in abgelegene Gemeinden, sondern auch die Energie und die Geräte, die für Untersuchungen und Diagnosen direkt vor Ort nötig sind.“
Bei einem einzigen Einsatz könnte Stella Juva zum Beispiel bis zu 40 schwangere Frauen per Ultraschall untersuchen. In Narok und den umliegenden Bezirken, wo die Mütter- und Kindersterblichkeit hoch ist, kann das im wahrsten Sinne des Wortes Leben retten.
„Könnten wir Stella Juva in diesen Regionen einsetzen, wäre die mögliche Wirkung enorm: Wir könnten Risiken früher erkennen, schneller eingreifen und letztlich Leben retten“, sagt Sadera.
Nach dem erfolgreichen Test hofft das Forschungsteam, dass die Ergebnisse Unternehmen, gesellschaftliche Organisationen und Regierungen dazu anregen, gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen. Die Forschenden sind offen für Partner, die eine Skalierung der Erfindung prüfen möchten.