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Himmelhohe Windräder: höchste Anlage der Welt überragt sogar Eiffelturm

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Von Hans von der Brelie
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In Ostdeutschland entsteht die weltweit höchste Windkraftanlage: Mit 365 Metern stellt sie sogar den Eiffelturm in den Schatten. Ab Herbst kann Strom geliefert werden; Reporter Hans von der Brelie hat sich auf der Baustelle umgesehen.

Der kleine Ort Klettwitz liegt mitten in der Lausitz. Jahrzehntelang wurde hier Braunkohle abgebaut. Schaufelradbagger haben tiefe Narben in der Landschaft hinterlassen.

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Doch Deutschland steht vor einem Wendepunkt: Das Land macht nun ernst mit dem Abschied von der Kohleverstromung. Die Region um Klettwitz entwickelt sich zu einem Vorreiter im Wettlauf um einen nachhaltigeren Umgang mit der Natur. Die Klimakrise kann vielleicht noch entschärft werden, so die Hoffnung, und das beginnt mit dem Umbau der Energieversorgung.

Heute stehen Solar- und Windparks auf den Abraumhalden des ehemaligen Tagebaus, so weit das Auge reicht. Dazwischen sticht ein Stahlkoloss besonders hervor: die GICON-Höhenwindkraftanlage. Sie ist noch im Bau, überragt aber bereits die benachbarten Riesen-Windräder "klassischer" Bauart.

Für das GICON-Team ist es ein großer Tag: Europas größter und leistungsstärkster Kran, eine gelbe Monstermaschine, hebt ein Turmsegment von etlichen Tonnen an seinen Platz. In rund 160 Metern Höhe setzen Höhenkletterer die Bauteile zusammen.

Hoch über dem Boden setzen Kletterer die Teile wie Spiderman zusammen...
Hoch über dem Boden setzen Kletterer die Teile wie Spiderman zusammen... Hans von der Brelie

Bei GICON arbeiten einige der besten Ingenieure Deutschlands. Gegründet wurde das Unternehmen von Jochen Großmann. Warum baut das Team überhaupt eine so gewaltige Anlage? Euronews hat nachgefragt.

Warum so hoch, Herr Professor Großmann?

„Weil der Wind umso stärker und gleichmäßiger weht, je weiter ich mich von der Erdoberfläche entferne“, erklärt Großmann vor Ort. Über ihm bewegen sich Höhenkletterer wie Spiderman an den Stahlstreben auf und ab. „Deshalb sind Windkraftanlagen immer höher geworden. Oben weht so viel Wind, dass sie mehr als die doppelte Leistung der Anlagen bringen, die heute hier in der Umgebung stehen.“

Großmann hat eine Vision: Künftige Windparks sollen zwei Ebenen haben, damit sich der Wind zweimal ernten lässt – unten und oben. „Wenn wir bestehende Windparks mit höheren Windrädern (gleich neben den bereits dort stehenden normalen Windrädern) nachrüsten, erhalten wir zwei Etagen von Windrädern und können den Ertrag auf derselben Fläche verdreifachen“, schätzt Großmann.

Großmann hat eine Vision: Künftige Windparks sollen zwei Ebenen haben, damit sich der Wind zweimal ernten lässt – unten und oben.
Großmann hat eine Vision: Künftige Windparks sollen zwei Ebenen haben, damit sich der Wind zweimal ernten lässt – unten und oben. Hans von der Brelie

GICON will bis Anfang der 2030er-Jahre 100 Höhenwindräder errichten. Danach soll die Zahl in wenigen Jahren auf 1.000 Anlagen steigen. GICON könnte damit zum Global Player werden, „die Chance ist da“, sagt Großmann beim Gang über die Baustelle.

Man habe das bereits durchgerechnet: „Alle Windparks in Deutschland bieten das Potenzial für 4.000 zusätzliche Höhenwindkraftanlagen“, betont der GICON-Chef. „Allein durch die Nachrüstung bestehender Windparks. Das ist ein enormes Potenzial. Das gilt auch für afrikanische Länder. Aus Asien liegen Anfragen vor, die Chinesen interessieren sich dafür. Ich sehe hier ein riesiges internationales Potenzial.“

Ich sehe hier ein riesiges internationales Potenzial.
Jochen Großmann
GICON-Gründer

Während wir uns unterhalten, kommt eine Gruppe italienischer Ingenieure und Wissenschaftler auf die Baustelle. Großmann ist unter anderem Gastprofessor an der Universität Neapel und bemüht sich um die deutsch-italienische Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung.

Experten aus der ganzen Welt interessieren sich für das revolutionäre Höhenwindrad-Konzept. Italienische Wissenschaftlier und Ingenieure besichtigen die GICON-Baustelle.
Experten aus der ganzen Welt interessieren sich für das revolutionäre Höhenwindrad-Konzept. Italienische Wissenschaftlier und Ingenieure besichtigen die GICON-Baustelle. Hans von der Brelie

Auch Fachkollegen aus ganz Deutschland blicken interessiert Richtung Lausitz - denn ingenieurtechnisch wird hier absolutes Neuland erklettert. So hoch bauten die Windradingenieure bislang nirgends, und damit man überhaupt in derartige Höhen vordringen kann, musste erst einmal eine ganz neue Technik entwickelt werden, streng geheim versteht sich. Niemand hier möchte, dass die Früchte jahrelangen Tüftelns von der Konkurrenz in China oder anderswo abgegriffen werden.

Was übrigens dazu führt, dass auf der betriebsamen GICON-Baustelle in der Lausitz nur unter strengsten Auflagen gefilmt werden darf. Einige der Werkzeuge und Montageschritte sind weltweit einzigartig. Und damit die Innovation nicht von Industriespionen entwendet wird, heisst es bei einigen Stahlstreben und Handgriffen eben: Bitte Kamera aus!

„Alle Windparks in Deutschland bieten das Potenzial für 4.000 zusätzliche Höhenwindkraftanlagen“, glaubt Professor Großmann.
„Alle Windparks in Deutschland bieten das Potenzial für 4.000 zusätzliche Höhenwindkraftanlagen“, glaubt Professor Großmann. Hans von der Brelie

Doch die Kerninnovation dieses Höhenwindrads ist für alle sichtbar und das Team hier ist stolz darauf. Professor Großmann erklärt: "Das Problem besteht darin, dass es auf der ganzen Welt keinen Kran gibt, der Turbinen bis in 300 Meter Höhe heben kann. Unser Kran hier ist der höchste Kran Europas. Der kommt bis zu 180 Meter. Und deshalb haben wir diese Konstruktion dort, das muss man sich wie ein kleines Teleskop vorstellen."

Großmann deutet auf das breite Großturmfundament. In dessen Zentrum steht ein weiteres, filigraneres, sehr viel schmäleres Turmteil auf dem Boden - die künftige Turmspitze. Nur: Wie kommt dieser "Innenturm" (also die Turmspitze) nach oben? Zusammen mit der schweren Windturbine?

"Mit dem Kran setzen wir in 160 Meter Höhe die Turbine oben auf die Spitze des Innenturms", erläutert Großmann. "Dann funktioniert das wie mit dem Wagenheber beim Auto. Wir installieren einen Litzenheber, und damit wird der (innere) Turm mit Seilen in dem äußeren Turm nach oben geschoben. Stück für Stück werden die Turmsegmente mit der Turbine im Ganzen nach oben geschoben und dann oben befestigt."

Das ist eine ingenieurtechnische Meisterleistung.
Jochen Großmann
GICON-Gründer

Um Großmanns Augen zeichnen sich fröhliche Lachfältchen ab, er freut sich bereits auf den großen Tag: "Das ist eine ingenieurtechnische Meisterleistung", schmunzelt der Professor.

Der filigrane "Innenturm" ist eigentlich die Turmspitze - und wird per "Wagenheberprinzip" nach oben gebracht.
Der filigrane "Innenturm" ist eigentlich die Turmspitze - und wird per "Wagenheberprinzip" nach oben gebracht. Hans von der Brelie

Um den Baustellenalltag vor Ort kümmert sich Projektleiter Frank Adam. Wie fühlt man sich, einen Windrad-Höhenweltrekord aufzustellen? "Einen gewissen Stolz entwickelt man während der Phase natürlich", sagt Adam.

Und wie sieht es aus mit dem "made in Europe", sind wir in Deutschland, in Europa im weltweiten Vergleich noch innovationsfreudig und wettbewerbsfähig genug? Projektleiter Adam konstatiert knapp und bündig: "Der Innovations-Wille, insbesondere in Deutschland und Europa, der ist vorhanden."

Dann holt Adam etwas weiter aus: "Wir gehören in vielen Bereichen immer noch zur Spitze, wir haben immer noch einen Großteil der Patentanmeldungen, Veröffentlichungen, wissenschaftlichen Publikationen. Doch der Punkt ist, dann anschließend auch die letzte Meile, also die Umsetzung, zu schaffen. Man muss sich trauen, diesen letzten Schritt zu gehen, zu sagen, ich habe jetzt hier was Tolles entwickelt, ich habe eine Idee bis zu einem gewissen Reifegrad entwickelt - und das setze ich nun auch um."

Auch Projektleiter Adam ist stolz auf seinen Weltrekord-Turm.
Auch Projektleiter Adam ist stolz auf seinen Weltrekord-Turm. Hans von der Brelie

Zeitweise arbeiten 60 Menschen zeitgleich auf der Baustelle, unten wie oben im Gerüst des aufwachsenden Stahlgiganten. Einige Spezialisten wurden international rekrutiert - wie beispielsweise die völlig schwindelfreien Extremhöhenkletterer, von denen viele aus der Türkei kommen - viele Bauarbeiter wohnen aber auch direkt um di e Ecke, in der Lausitz.

Bauleiter Adam: "Wir achten auf einen hohen Anteil lokaler Wertschöpfung, das bedeutet beispielsweise, dass das Fundament von einer Firma vorgebaut wurde, die drei Kilometer von hier ihren Sitz hat. Das gleiche gilt für die Bodenvorbereitungsmaßnahmen, lokale Stahlbauer, kleinere Mobilkräne und so weiter. Die kommen unmittelbar aus der Gegend." Im Klartext: Es gibt Arbeit für Menschen und Firmen vor Ort. Ein Teil der Wertschöpfung kommt lokalen und regionalen Betrieben zugute.

Künftige Windparks sollen zwei Ebenen haben, damit sich der Wind zweimal ernten lässt – unten und oben.
Künftige Windparks sollen zwei Ebenen haben, damit sich der Wind zweimal ernten lässt – unten und oben. Hans von der Brelie

Hitzesommer 2026. Die Sonne brennt. Der Schweiß fließt. Stativ und Technikrucksack mit Kamera-Ausrüstung wiegen schwer. Großmann schlägt eine kurze Mittagspause mit belegten Brötchen und Wasser im Baucontainer vor.

Wie sieht es aus mit den Kosten? Welches Preisschild hängt an so einem Höhenwindrad? Sicher, als Pilotanlage sei der erste Turm natürlich teuer. Teurer als die nachfolgenden Türme. Denn das geplante Hochskalieren der Produktion bringe Einsparungen. Großmann betont, dass der Lausitzer Turm 1, an dessen Fuß wir die Wurstbrötchen essen, auch ein Forschungsprojekt sei, ausgeschrieben und gefördert durch die bundeseigene Agentur für Sprunginnovation, kurz SPRIND.

Auf dem Tisch vor uns liegen Mammutschrauben. Wieviel die wohl wiegen? "Bis zu zweieinhalb Kilo, und das sind nur die kleinen", lacht Großmann und nimmt eine in die Hand: "Gut zum Gewichtheben!" Und wieviele davon werden verbaut in Ihrem Höhenwindrad? "80.000", sagt Großmann. "Doch das ist nur ein Bruchteil von den Nieten, die beispielsweise im Eiffelturm sind."

80.000 Riesenschrauben werden in dem Höhenwindrad verbaut.
80.000 Riesenschrauben werden in dem Höhenwindrad verbaut. Hans von der Brelie

Wie lange arbeitet das Team an so einem Riesenprojekt, von der Idee bis zur Ausführung? GICON-Gründer Jochen Großmann: "Die ersten Ideen hatten wir 2010. Zehn bis zwanzig Jahre muss man einplanen, um Innovationen von der Idee bis in den Markt zu bringen."

Zehn bis zwanzig Jahre muss man einplanen, um Innovationen von der Idee bis in den Markt zu bringen.
Jochen Großmann
GICON-Gründer
Pause im Baucontainer
Pause im Baucontainer Hans von der Brelie

Ein Blick in die Vergangenheit beweist: Die Lausitz war immer schon eine Region der Rekorde und genialer Maschinenbauer. Nach wenigen Minuten Autofahrt stehen wir an einem idyllischen Baggersee, genau das richtige in der brütenden Hitze. Der See ist neu, gerade erst "fertig geworden", sozusagen. Vor nicht allzulanger Zeit war hier nur ein riesiges Loch: Der Tagebau Klettwitz.

Daran erinnert ein gigantischer Stahlkoloss am Seeufer. Konrad Lehmann zeigt mir das Mega-Monster-Gerät aus der Braunkohlezeit: Die Förderbrücke F60, die größte bewegliche Maschine, die jemals auf der Welt gebaut wurde!

Lehmann schiebt sich den Schutzhelm auf die Stirn, dann geht es los. Jetzt heißt es klettern - und schwindelfrei sollte man sein! Auf einem der Stahlträger hoch oben machen machen wir Halt. Zeit für ein kurzes Interview.

Interview auf dem Rücken des Stahlmonsters: Konrad Lehmann erklärt die Förderbrücke F60.
Interview auf dem Rücken des Stahlmonsters: Konrad Lehmann erklärt die Förderbrücke F60. Hans von der Brelie

Konrad Lehmann hat seine Zahlen im Kopf: "Die F60 hat die Länge von 502 Metern und wir haben heute ein Gewicht von 11.500 Tonnen. Damals, als die noch gearbeitet hat, war sie noch ein bisschen schwerer, da hat sie ein Gewicht von über 13.000 Tonnen gehabt." Doch nach der Außerdienststellung diente das Mega-Monster als Ersatzteillager für eine Zwillingsmaschine in einem noch aktiven Braunkohletagebau weiter ostwärts.

Bis 2038 wird der letzte Braunkohletagebau in Deutschland schließen. Zeit also, für einen Rückblick. Unser F60-Experte, Konrad Lehmann, informiert: "In der DDR waren zehntausende Leute in der Braunkohleindustrie beschäftigt. Unser Tagebau Klettwitz-Nord hatte an die 2000 Beschäftigte und um speziell diese F60-Förderbrücke zu bedienen, brauchte man 22 Bergleute." Auch einer von Lehmanns Großvätern arbeitet einmal kurz hier.

Die größte bewegliche Maschine der Welt - die Abraumförderbrücke F60 wiegt 13.000 Tonnen und ist einen halben Kilometer lang..
Die größte bewegliche Maschine der Welt - die Abraumförderbrücke F60 wiegt 13.000 Tonnen und ist einen halben Kilometer lang.. Hans von der Brelie

"In der Lausitz hat man vom Jahr 1900 bis etwa 2020 über acht Milliarden Tonnen Braunkohle gefördert. Und bei unserem Tagebau (Klettwitz Nord), solange der in Betrieb war, waren es 13 Millionen Tonnen, die man hier rausgeholt hat", bilanziert Lehmann.

Dann zeigt er den hunderte Meter über der Landschaft ragenden Arm der Förderbrücke entlang Richtung Horizont: "Dort, in dem Bereich, wo der Tagebau weiterlaufen sollte, liegen auf mehreren Quadratkilometern heute immer noch 300 Millionen Tonnen Braunkohle."

Die Tagebaugruben werden geflutet, es entsteht eine Seenlandschaft.
Die Tagebaugruben werden geflutet, es entsteht eine Seenlandschaft. Hans von der Brelie

Die gigantischen Tagebaugruben werden nun nach und nach geflutet. Es entsteht eine Seenlandschaft mit einer attraktiven Tourismus-Industrie. Gleichzeitig werden Erneuerbare Energien massiv ausgebaut.

Noch einmal Konrad Lehmann: "Es ist jetzt so, dass man Energie-Region bleiben möchte. Na ja, und irgendwann möchte man aus der Braunkohle (ganz) aussteigen und dann haben wir halt die neuen Energieformen, die da jetzt bereitstehen und die uns (bei der wirtschaftlichen Entwicklung) in der Lausitz weiterhelfen sollen."

"Wir wollen Energie-Region bleiben", sagt Konrad Lehmann.
"Wir wollen Energie-Region bleiben", sagt Konrad Lehmann. Hans von der Brelie

Größtes Höhenwindrad. Größte Förderbrücke. Auch Deutschlands größte Photovoltaik-Anlagen liegen im Osten. So wie der Solarpark Klettwitz, Teil des "Energieparks Lausitz". Die Wunden des Kohlezeitalters verschwinden unter PV-Paneelen. In Klettwitz (Solarpark Nord und Solarpark Süd) produzieren 343.000 Module Strom aus Sonne. 175 Megawatt, um genau zu sein.

Solarparkwart Andreas öffnet uns die Parktore - ein Metallgitter - und führt uns über das Gelände. Die langen Reihen in der Sommersonne fast weiß gleißender Module sind robust, die produzierten Strommengen riesig.

Andreas schließt eines der kleinen mattgrünen Technik- und Transformatorkästchen auf. "Lieber nicht anfassen", meint er lächelnd. "Wir haben hier auf der Niederspannungsseite 800 Volt - und auf der anderen Seite sind es 30 000 Volt!"

Mit Photovoltaik-Techniker Andreas unterwegs im Solarpark Klettwitz.
Mit Photovoltaik-Techniker Andreas unterwegs im Solarpark Klettwitz. Hans von der Brelie

Wie auch die Windräder auf der anderen Seite des Gitters steht der Solarpark Klettwitz auf Abraum, also dem im Zuge der Braunkohleförderung per "Förderbrücke" abgetragenen "Deckgebirge", wie es in der Sprache der Bergleute heißt. Das ist die Erd- oder Geröllschicht über dem Kohleflöz. Im Fall von Klettwitz Nord lag beispielsweise eine rund 30 bis 40 Meter hohe Schicht über der Braunkohle. Die Förderbrücke F60 war in der Lage, Deckgebirge bis 60 Meter abzutragen, daher der Name.

Aus den jahre- und jahrzehntelang abgetragenen Erdschichten entstanden rund um die Tagebaugruben weiträumige "Mondlandschaften". Die Beschaffenheit dieser Deponieböden macht eine landwirtschaftliche Nutzung für Ackerbau schwierig. Rekultivierung hieß hier in der Vergangenheit meist Aufforstung oder Deponiesteppe. Heute sind die riesigen Flächen ein Schatz: große Freiflächensolaranlagen und Windparks entstanden - nicht nur auf dem Papier der Planer, sondern ganz real und ohne in Konkurrenz zu landwirtschaftlicher Nutzung zu treten.

Energieparks statt Deponiewüsten. Dank dieser Anstrengungen ist Deutschland heute einer der Spitzenreiter der EU bei der Erzeugung erneuerbarer Energie aus Sonne und Wind. Ein Pluspunkt.

Aber wo Sonne, dort auch Schatten. Deutschland hat es jahrelang verschlafen und vertrödelt, die für eine zügige Energiewende notwendigen Megastromtrassen von Nord nach Süd, von Ost nach West zu bauen. Das rächt sich heute. Hochproduktive Wind- und Solarparks müssen immer häufiger "abgeregelt" werden, weil das Stromnetz die großen Mengen an Wind- und Sonnenstrom nicht zur Gänze aufnehmen und in die industriellen Ballungs- und Verbrauchszentren transportieren kann.

Gut, auch hier ist einiges in Bewegung geraten. Die Netze werden ausgebaut (aber zu langsam), es entsteht eine Großspeicher-Infrastruktur (aber mit Verspätung). Doch als neutraler Beobachter kommt man nicht umhin zu konstatieren, dass Zeit vergeudet wurde, viel Zeit. Euronews schickte schon vor 20 Jahren Reporter vor Ort, einige der damals in Interviews mit Fachleuten, Energiemanagern und Netzbetreibern aufgezeichneten Sätze ("Die Stromtrassen müssen beschleunigt ausgebaut werden, sonst klapp das nicht mit der Energiewende!") gelten auch heute noch und als Reporter fragt man sich, wie so oft, warum zwischen Problem-Erkenntnis und Problem-Lösung mancherorts 20 Jahre vergehen müssen. Oder mehr.

Und doch, die Menschen in der Lausitz wissen: Hier, in ihrer Region, entsteht Zukunft: Denn Wind und Sonne produzieren Erneuerbare Energie im Überfluss. Damit könnte bald im großen Maßstab "grüner Wasserstoff" (im Sinne von klima-neutral) hergestellt werden. Denn dafür braucht man, vereinfacht ausgedrückt, lediglich Wasser und sehr viel Elektrizität (und die wird in der Lausitz ja geliefert, durch Sonne und Wind).

Deutschland und weiter gedacht auch Europa wären dann unabhängiger von teuren Importen fossiler Brennstoffe aus dem Ausland. Irgendwann einmal. Denn auch mit den Wasserstoffprojekten geht es nicht schnell voran. 2023 wurde eine große Machbarkeitsstudie vorgestellt.

Doch heute, 2026, muss man vor Ort feststellen: eine funktionierende Wasserstoffinfrastruktur gibt es noch nicht, ebenso wenig wie Wasserstoffpipelines, Wasserstofftransportnetze und so weiter und so fort. Erneut stellt man fest, dass zwischen mutigen und vielversprechenden Ankündigungen und Umsetzung eine Lücke klafft. An was hapert es? Warum verzögern sich in Deutschland (und auch anderswo in Europa) gut gemeinte, dringend notwendige Infrastrukturprojekte? Ist es staatliche Bürokratie? Gängelung durch engmaschige Vorschriften und Gesetze? Fehlender Unternehmermut? Kapitalschwäche? Mangelnder Weitblick von Politik und Wirtschaft?

Oder ins Positive gewendet: Was können wir in Deutschland und Europa noch richtig gut? Wo geht es voran und warum? Was sind die Rahmenbedingungen, politisch, juristisch, finanziell, um etwas zu planen und umzusetzen?

Einzelne Akteure haben - aus ihrer jeweiligen Perspektive - durchaus konkrete Vorschläge, können vielleicht Orientierungshilfe geben. Weshalb in dieser Euronews-Serie, Made in Europe, auch gelegentlich längere Hintergrundgespräche mit Unternehmern, also den "Machern" vor Ort, geführt werden.

Deshalb soll diese Reportage in Dresden enden, dem Firmensitz des Windradbauers und Ingenieurdienstleisters GICON. Führen wir also ein abschließendes Gespräch mit Firmengründer und Unternehmensleiter Großmann. Der Rahmen: eine gepflegte, historische Villa, verspielte Balkone, beeindruckende Deckenhöhe, geschwungene Freitreppe im Vestibül, ein lichtdurchfluteter Konferenzraum mit modernen Designerleuchtringen und großformatigen Fotos von GICON-Projekten an der Wand.

Abschließendes Interview in der historischen GICON-Villa in Dresden.
Abschließendes Interview in der historischen GICON-Villa in Dresden. Hans von der Brelie

Euronews:

Welchen Ratschlag möchten Sie Regierungen geben, sei es in Berlin oder anderswo in Europa? Welche Empfehlung haben Sie an die Europäische Union, damit es besser läuft?

Großmann:

Wir haben in der Europäischen Union, anders als China und die USA, immer noch keinen reibungslos funktionierenden Binnenmarkt. China und die USA verfügen hingegen jeweils über einen riesigen, voll integrierten Binnenmarkt, in dem sie neue Ideen erproben und zur Marktreife bringen, während wir hier in Europa zwischen den einzelnen Ländern immer noch konkurrieren.

Euronews:

Und was tun Sie dagegen?

Großmann:

Vor kurzem haben wir beschlossen, mit Italien ein Kooperationsprojekt zu starten, damit zwei der federführenden europäischen Länder zusammenarbeiten.

Jochen Großmann im Interview mit Euronews.
Jochen Großmann im Interview mit Euronews. Hans von der Brelie

Euronews:

Haben Sie noch weitere Ratschläge?

Großmann:

Wir müssen in Deutschland wieder lernen Fehler zu machen, Fehler machen zu dürfen.

Euronews:

Was soll das heißen?

Großmann:

Als Elon Musk seine Space X das dritte Mal starten lassen wollte, ist sie kurz nach dem Start explodiert. Elon Musk hat sich gefreut und gesagt: Sie hat abgehoben, ich habe gelernt. - In Deutschland hätten wir eine Kommission eingerichtet, drei Jahre lang untersucht, jegliche Forschung unterbrochen.

Euronews:

Bei uns muss immer alles gleich perfekt sein?

Großmann:

Versuch und Irrtum, also aus Fehlern lernen, das ist eine wissenschaftliche Methode. Die Chinesen übertreiben es vielleicht ein bisschen damit, aber wir in Deutschland, wo man ja eigentlich keine Fehler machen darf, haben uns diesen Weg weitestgehend verbaut.

Großmanns Tipp: Aus Fehlern lernen.
Großmanns Tipp: Aus Fehlern lernen. Hans von der Brelie

Euronews:

Wie sieht es aus mit Finanzierungsmöglichkeiten für innovative Projekte?

Großmann:

Wir haben in Deutschland zu wenig Kapital, um Innovation in den Markt zu bringen. Ideen sind in Deutschland nicht das Problem. Wir sind nach wie vor ein Land der Dichter und Denker, auch wenn China uns inzwischen bei den Patenten überholt hat. Aber dann kommt der entscheidende Schritt: Wie erreiche ich die Marktreife? Wir reden immer nur über technical-readyness-level (also die Ausgereiftheit der Technik), aber es geht eigentlich um die market-readyness-level, wie komme ich in den Markt?

Euronews:

Warum haben wir so viele innovative Ideen – und warum sind wir in Europa nicht immer gut darin, diese Innovation auch umzusetzen? Woran konkret hapert es Ihrer Meinung nach?

Großmann:

Es fehlt das Geld, es fehlt der Innovations-Mut. Ich habe einen Freund in den USA, der hat zehn Firmen aufgebaut, ist dreimal pleite gegangen. Der ist ein Held dort drüben, denn er hat sieben erfolgreiche Firmen aufgebaut. Bei uns wäre nach der ersten Firma, die Pleite geht, Schluss. Aus Fehlern lernen, ja eine Fehlerkultur zu entwickeln, darum geht es. Ein Fehler ist erst dann dumm, wenn man ihn zweimal macht.

In Deutschland fehlt manchmal der Innovations-Mut.
Jochen Großmann
GICON-Gründer

Euronews:

Wie wird aus etwas Kleinem etwas richtig Großes? Wie schafft man diesen Sprung als Unternehmer? Braucht man hier staatliche Unterstützung? Oder ist das Aufgabe des Privatkapitals? Oder beides? Förderung oder Privatinitiative, wie sehen Sie das?

Großmann:

Man braucht beides. Man braucht den Unternehmer, da geht es an erster Stelle los, es benötigt die Bereitschaft, Unternehmer zu werden. Ich halte jetzt in Italien, in Neapel, Vorlesungen genau zu dem Thema, Innovation, und hatte dort promovierte Leute gefragt, wer will Unternehmer werden? Eine Frau, eine einzige, meldete sich. Sie kam aus Ghana.

Euronews:

Welche Eigenschaften muss man mitbringen, um als Unternehmer Fuß zu fassen?

Großmann:

Die Bereitschaft, das wirklich auf sich zu nehmen, 18 Stunden am Tag zu arbeiten, sieben Tage die Woche, und gegebenenfalls zu scheitern. Man darf nicht vergessen, es führen nur etwa drei Prozent der Ideen zum Erfolg.

Euronews:

Eine persönliche Frage: Wo kommt denn Ihre eigene Technikbegeisterung her?

Großmann:

Mein Vater war Ingenieur. Aber auch ich hatte schon immer Technik-Interesse. Ab der neunten Klasse bin ich auf eine Spezialschule gegangen für Mathematik und Physik. Da war übrigens auch Sport als Schwerpunkt mit dabei.

Euronews:

Es ging um Leistung?

Großmann:

Leistung, genau. Gesunder Körper und gesunder Geist. Später im Studium habe ich beides weitergemacht. Es gibt sicher Leute, die haben einen höheren IQ, aber ich habe eben beides gerne gemacht.

Euronews:

Arbeit im Team? Zählt das auch?

Großmann:

Ich habe gerne geforscht und ich habe gerne Mitarbeiter angeleitet. Und beides zusammen führt erst zum Erfolg.

In einigen Jahren könnten Höhenwindräder überall in Europa stehen, glaubt GICON-Chef Großmann.
In einigen Jahren könnten Höhenwindräder überall in Europa stehen, glaubt GICON-Chef Großmann. Hans von der Brelie

Euronews:

Sie haben ja jetzt mit der Höhenwindanlage ein viel beachtetes Pilotprojekt. Wie kann man jetzt aus diesem Pilotprojekt etwas entwickeln, das wichtig ist für ganz Europa oder vielleicht auch weltweit? Wie stellen Sie sich das vor?

Großmann:

Wir haben eine Plan. (Großmann lächelt.) - Wir bauen jetzt die erste Anlage. Jeden Tag, jede Woche finden Auswertungen vor Ort statt, was können wir besser machen? Es wird praktisch jetzt schon der nächste Turm entwickelt. Dann ist das Ziel, dass wir einen kleinen Windpark bauen, um zu zeigen, dass das auch mit mehreren Höhenwindanlagen funktioniert. Dann soll Schritt drei kommen, dass wir mit Lausitzer Unternehmen, mit Unternehmen aus der Region, Brandenburg, Sachsen die ersten hundert Türme bauen. Und dann ist in der Tat vorgesehen, damit international zu gehen.

Euronews:

Wie sieht sie aus, ihre Vision, sagen wir für 2050? Wie viele von diesen sehr großen, sehr hohen Windrädern wird es dann geben, wo werden die stehen?

Großmann:

Unsere Vision für Deutschland ist, dass wir bis Anfang der 2030er Jahre mindestens 100 errichtet haben werden, in den 30er Jahren dann 1000. Die Plätze sind da, denn der große Vorteil der Anlagen ist ja nicht nur, dass wir einen höheren Energieertrag haben, sondern wir können die ja als zweite Etage in bereits vorhandene Windparks bauen und damit sehr schnell nachrüsten – die Windparks sind ja schon da.

Die Nachrüstung vorhandener Windparks mit Höhenwindrädern könnte schnell erfolgen, hofft Professor Großmann.
Die Nachrüstung vorhandener Windparks mit Höhenwindrädern könnte schnell erfolgen, hofft Professor Großmann. Hans von der Brelie

Euronews:

Und was ist mit den Genehmigungsfristen?

Großmann:

Das Problem, das wir gegenwärtig haben: Wir benötigen momentan etwa sieben Jahre für den Bau eines neuen Windparks, davon braucht man fünf Jahre nur für die Genehmigungen. Und von diesen fünf Jahren gehen drei bis vier Jahre für die Raumordnungsplanung weg, also dass man überhaupt eine Fläche bekommt, auf der ich eine Windkraftanlage bauen darf. Wenn ich aber eine zweite Etage in einen bereits vorhandenen Windpark baue, dann sind diese drei, vier Jahre erledigt, weil das sind ja schon Windeignungsflächen.

Euronews:

Welches Potential sehen Sie hier?

Großmann:

Wir haben das mal gescreent. Alle Windparks in Deutschland würden – unter Berücksichtigung von Abstandsflächen und allem Drum und Dran – ein Potential von 4000 Höhenwindanlagen geben, nur als Nachrüstung in bereits vorhandene Windparks. Das ist ein Irrsinns-Potential. Das gleiche gilt für viele andere europäische Länder, die ähnliche Probleme (mit langen Genehmigungsfristen und Flächenausweisungen) haben. Das gilt auch für afrikanische Länder. Wir haben Rückfragen auch aus Asien, selbst die Chinesen fragen bei uns nach. Ich denke, da ist ein riesiges internationales Potential vorhanden.

Auch die Chinesen sind an der innovativen Technik interessiert.
Auch die Chinesen sind an der innovativen Technik interessiert. Hans von der Brelie

Euronews:

Ihre Wunschliste an die Politik, in Europa oder anderswo, damit Sie Ihre Vision verwirklichen können? Was fordern Sie, was schlagen Sie vor?

Großmann:

Politik müsste Innovation, die wirklich als Sprunginnovation gelten kann, als eine weltweite Chance für europäische Unternehmen anerkennen.

Euronews:

Wie sehen Sie als Unternehmer unsere europäische Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA, China, Asien? Sind wir noch wettbewerbsfähig?

Großmann:

Wir sind bei der Entwicklung von Ideen, in der Forschung, allemal wettbewerbsfähig. Aber wir sind in der Markteinführung von Innovation zur Zeit nur sehr begrenzt wettbewerbsfähig.

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