Steigende Temperaturen setzen den Gletschern in den Alpen zu. Schmelzender Permafrost und instabile Eismassen können Gletscherabbrüche begünstigen – und damit das Risiko für schwere Naturkatastrophen erhöhen.
Inzwischen vermuten die Behörden in Nepal hinter der verheerenden Sturzflut einen Gletscherseeausbruch oder einen Gletscherabbruch im Himalaja-Gebirge. Fast 170 Kilometer weit war eine Sturzflut aus Wasser, Schlamm und Geröll durch den Südwesten Tibets bis nach Zentralnepal gerast.
Mindestens 460 Menschen kamen ums Leben. Inzwischen wurden mehr als 1.500 Menschen gerettet. Innerhalb von Sekunden hatten riesige Geröll- und Wassermassen alles mitgerissen, was in ihrem Weg war.
Auch in Europa, in den Alpen, seien solche Katastrophen möglich, erklärt der Gletscherforscher Olaf Eisen. Er ist Professor am auf Polar- und Meeresforschung spezialisierten Alfred-Wegener-Institut und an der Universität Bremen.
Als Beispiel führt Eisen etwa das Unglück im Schweizer Ort Blatten im Mai 2025 an. Damals kam es in dem Ort zu einem Berg- und Gletschersturz. Der Ort wurde zuvor evakuiert. Ein 64-jähriger Mann kam ums Leben.
Allerdings sei es unwahrscheinlich, so Eisen, dass die Größenordnung "das Ausmaß wie in Nepal" erreichen könne. "Die Katastrophe in Nepal war vom Volumen der Lawine nach bisherigen Schätzungen circa 10- bis 20-mal größer als Blatten."
"Europa gehört mit zu den sich am schnellsten erwärmen Kontinenten, verursacht durch den menschgemachten Klimawandel. Sich schnell zurückziehende Gletscher und tauender Permafrost führen zu Destabilisierung im Hochgebirge", erklärt Eisen weiter.
Betroffen seien vor allem Regionen ab 2.500 bis 3.000 Höhenmetern, beispielsweise in Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz. Durch die Erwärmung komme es dort zu starken Veränderungen. "In Kombination mit Extremwetter-Ereignissen, wie Hitzewellen oder Starkregen, werden ähnliche Naturkatastrophen dort auch noch wahrscheinlicher." Möglicherweise werden sie auch stärker.
Drohender Gletscherabbruch in der Schweiz
In der Schweiz sind seit 1850 rund 1.000 Gletscher verschwunden. Insgesamt ist eine Fläche von etwa 1.000 Quadratkilometern eisfrei geworden, so der SRF. Inzwischen gibt es nur noch circa 1.300 Gletscher in der Alpenrepublik. Viele davon seien klein, manche aber länger als zwei Kilometer. Zwischen 2000 und 2024 sind 38 Prozent des Eisvolumens geschmolzen.
Ein Gletscher, der seit Jahren beobachtet wird, ist der Hängegletscher Weisshorn Ost. Anfang der Woche gab es dort drei kleinere Gletscherabbrüche. "Dieser Gletscher wird schon seit Jahren überwacht und es gibt immer wieder Bewegungen – manchmal mehr, manchmal weniger", erklärt Frederic Imboden dem SRF. Imboden ist Gemeindepräsident von Randa, der Gemeinde, die an den Gletscher angrenzt.
Mehrere 100.000 Kubikmeter könnten von dem Gletscher abbrechen. Doch für die Anwohner bestehe derzeit keine Gefahr, so Imboden. Allerdings wurden Wanderwege und Fahrradrouten gesperrt.
Für Gletscherabbrüche gibt es mehrere Ursachen: Zum einen können sie normale, zyklische Vorgänge sein, so der Gletscherexperte Eisen zu Euronews. Allerdings werden sie zunehmend durch den menschengemachten Klimawandel verursacht.
Besonders kritisch sei die Situation in Regionen, die bislang dauerhaft unter dem Gefrierpunkt waren. Dort gibt es sogenannten Permafrost, Eis, das mindestens zwei Jahre dauerhaft gefroren war. "Durch die zunehmende Erwärmung beginnt Permafrost zu tauen bzw. ein Gletscher an der Basis zu schmelzen. Dadurch 'haftet' er nicht mehr so gut am Untergrund", so der Forscher.
Mechanischer Schutz keine Lösung
"In einigen Fällen konnte die Bildung einer Wasserblase unter dem Gletscher beobachtet werden, der an der Schnauze noch gefroren war." Durch Hitzewellen oder Regen könne diese Blase so starken Druck ausüben, dass der noch angefrorene vordere Teil des Gletschers nachgebe. Damit würde auch das gesamte auf einen Schlag freigegeben werden", erklärt Eisen.
Ein solcher Vorfall ereignete sich 2022 an der italienischen Marmolata in den Dolomiten. Ein riesiger Eisblock löste sich vom Marmolata-Gletscher und riss elf Bergsteiger in den Tod.
"Klimaschutz ist Gletscherschutz. Jedes weniger Zehntel Grad zählt. Sobald die mittlere Temperatur wieder sinken würde, könnten die Gletscher sich anpassen und wachsen", so Eisen. Mechanischer Schutz hätte keine lange Wirkung und werde nur in bestimmten Regionen in Skigebieten praktiziert, mit viel Energie- und Arbeitsaufwand.