Der Vater der weltweit bekannten PISA-Standardtests warnt: Sinkendes Interesse der Eltern und digitale Verhaltensänderungen treiben Schülerleistungen auf Rekordtief.
Das Abschneiden der Schülerinnen und Schüler in Europa sei „wirklich besorgniserregend“, sagte Andreas Schleicher, Gründer der renommierten OECD-Studie PISA, im Gespräch mit Euronews. Ein aktueller Bericht zeige, dass junge Menschen grundlegende Kompetenzen verlieren, die „für die Zeit, in der wir leben, besonders wichtig“ seien.
In dieser Woche wurden die Ergebnisse der PISA-Erhebung 2025 veröffentlicht. Daran nahmen Fünfzehnjährige in 91 Ländern teil. In den OECD-Staaten erreichten die Leistungen in Lesen und Mathematik Rekordtiefs.
Der Test erfasst, wie gut Schülerinnen und Schüler ihre Fähigkeiten in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften auf Alltagsprobleme übertragen können.
„Wir sehen, dass junge Menschen nicht nur schlechter lesen und schreiben können. Ihre Fähigkeit, Informationen zu prüfen und einzuordnen, verschiedene Quellen zu vergleichen und sich mit komplexeren Texten auseinanderzusetzen, nimmt ebenfalls ab“, sagte Schleicher. Diese Kompetenzen seien in einer Welt der Künstlichen Intelligenz (KI) unverzichtbar.
„Diese Technologie ist nicht automatisch verlässlich. Deshalb muss die Intuition, Dinge zu prüfen und zu verifizieren, sehr stark ausgeprägt sein“, ergänzte er.
Er sprach zudem von einem Teufelskreis. Junge Menschen nutzten Werkzeuge, die „nicht dafür gemacht sind, dass wir tiefer nachdenken“, und diese würden „genau die Fähigkeiten aushöhlen, die wir brauchen“. Das spiegele sich in den PISA-Ergebnissen wider: Schülerinnen und Schüler, die keine KI verwenden, schneiden im Schnitt besser ab.
„Die Botschaft ist ziemlich einfach: Man wird nicht fit, indem man Sport anschaut. Man wird fit, indem man Sport treibt“, sagte Schleicher. „Beim Lernen ist es genauso. Lernen entsteht nicht durch reinen Konsum von Inhalten, sondern dadurch, dass man sich aktiv mit Ideen auseinandersetzt, vergleicht und hinterfragt. KI kann genau diesen Prozess aushebeln. Das beobachten wir.“
Ein weiterer Faktor: Neue Technologien wie KI entwickeln sich in vielen Ländern schneller, als Bildungssysteme sich anpassen können. „Menschen waren schon immer besser darin, Neues zu erfinden, als es klug zu nutzen“, sagte Schleicher.
Die OECD-Studie zeigt jedoch auch: Wenn KI angeleitet und aktiv genutzt wird, wenn sie Denkprozesse bewusst anstößt – etwa indem Schülerinnen und Schüler die Antworten des Systems kritisch hinterfragen –, verbessert das die Lernleistung.
„Es gibt sehr interessante Beispiele von Ländern, in denen KI dazu dient, Schülerinnen und Schüler zum intensiveren Nachdenken zu bringen, sie über die richtigen Fragen nachdenken zu lassen und Lehrkräften starke Werkzeuge an die Hand zu geben“, so Schleicher. Das Bildungssystem müsse „vom konsumierenden Einsatz von KI zu einem kreativen Einsatz umschalten“.
Kleine Länder stechen hervor
Schleicher zählt heute zu den einflussreichsten Stimmen in der internationalen Bildungsdebatte. In den 1990er-Jahren entwickelte er den PISA-Test.
„Damals haben wir Bildungserfolg vor allem daran gemessen, wie viel Geld in Schulen floss und wie viele Jahre Kinder im Klassenzimmer saßen“, erklärte er. „Das sagt uns aber nur sehr wenig darüber, welche Kompetenzen dabei entstehen.“
Die PISA-Erhebungen liefern datenbasierte Vergleiche der Bildungssysteme weltweit und machen große Unterschiede sichtbar, auch innerhalb Europas. Nach den jüngsten Ergebnissen liegen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in sieben EU-Ländern deutlich über dem OECD-Durchschnitt, in 13 Mitgliedstaaten dagegen klar darunter.
„Die stärksten Rückgänge sehen wir in großen europäischen Ländern wie Frankreich, Deutschland und Spanien“, sagte Schleicher. „Die spannendsten Lösungsansätze finden sich dagegen in kleinen, dynamischen Volkswirtschaften.“
Ein Beispiel ist Estland. Dort belegen die Schülerinnen und Schüler europaweit Platz eins und gehören weltweit in allen drei getesteten Bereichen zu den Top Ten. „Das ist ein klares Beispiel für ein Land, das sich sehr vorsichtig, aber klug und produktiv mit der digitalen Welt auseinandersetzt“, erklärte Schleicher.
Tipps für Eltern und Lehrkräfte
Mit Blick auf die Zukunft betonte Schleicher, dass der Unterricht weniger auf leicht digitalisierbare Routinefähigkeiten setzen sollte. Stattdessen brauche es mehr Raum für zutiefst menschliche Kompetenzen wie „ethische Entscheidungen“ und „die Fähigkeit, komplexe Beziehungen zwischen Menschen zu gestalten“.
Schülerinnen und Schüler dürften nicht länger „passive Konsumenten“ von Bildung sein, so Schleicher. Sie müssten zu aktiven Lernern werden. Viele Eltern fragen sich nach den neuen Ergebnissen, was sie dazu beitragen können.
„Für Eltern ist die Antwort eigentlich ganz einfach. Eine meiner größten Sorgen ist, dass das Interesse vieler Eltern an Bildung in Europa stark nachgelassen hat“, sagte er.
Wichtiger sei weniger, „drei Stunden lang gemeinsam am Küchentisch Hausaufgaben zu machen“, erklärte Schleicher. Entscheidend sei, „dem Kind zu zeigen, dass das, woran es in der Schule arbeitet, für die Eltern wirklich Bedeutung hat“.
Kinder, deren Eltern sie regelmäßig nach ihrem Schultag fragen, liegen bei den Testergebnissen im Schnitt um zwei Schuljahre vorn, so Schleicher.
Die Rolle der Lehrkräfte müsse sich ebenfalls verändern. Sie sollten nicht nur gute Wissensvermittler sein, sondern „großartige Coaches, gute Mentorinnen und Mentoren, starke Begleiter“, die „ein echtes Interesse daran haben, wer ihre Schülerinnen und Schüler sind, wer sie werden wollen, und sie auf diesem Weg unterstützen“.
In Europa fehlt in vielen Ländern Personal an den Schulen. Deshalb müsse das Bildungssystem „Lehrkräften mehr Zeit und Freiräume geben, damit sie diese wichtigere Rolle überhaupt ausfüllen können“, mahnte Schleicher.