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Ist diese "Suizidkapsel" aus dem 3D-Drucker die Zukunft der Sterbehilfe?

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Von Tom Bateman
Der "Sarco"-Pod wurde in Deutschland und den Niederlanden schon ausgestellt: Jetzt hofft der australische Erfinder, sich in der Schweiz zu etablieren.
Der "Sarco"-Pod wurde in Deutschland und den Niederlanden schon ausgestellt: Jetzt hofft der australische Erfinder, sich in der Schweiz zu etablieren.   -   Copyright  Exit International

Eine 3D-gedruckte "Suizidkapsel" soll nach Willen seines Erfinders die Sterbehilfe revolutionieren, indem die Person selbst ihren Tod einleitet - ohne ärztliche Hilfe.

Anders als einige Medien berichtet hatten, hat der "Sarco"-Pod bisher zwar keine Zulassung für die Schweiz - wo Sterbehilfe legal ist - sondern die Erfinder haben sich juristisch beraten lassen, um einen Schritt Richtung eines möglichen Einsatzes der Technologie in den Sterbehilfekliniken des Landes zu machen.

Der australische Sterbehilfe-Aktivist und Arzt Dr. Philip Nitschke, der den Sarco-Pod erfunden hat, erklärte gegenüber Euronews, er wolle jedem die Möglichkeit geben, das Design herunterzuladen um den Sarco zu drucken.

Ein Verfahren mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) soll es Nitschkes Sterbehilfeorganisation "Exit International" ermöglichen, den Sterbeprozess zu "entmedikalisieren". Denn medizinisches Fachpersonal werde dann nicht mehr benötigt, so Nitschke.

Eine von "Exit International" in Auftrag gegebene Überprüfung durch den Schweizer Rechtswissenschaftler Daniel Hürlimann habe bestätigt, dass der "Sarco" nicht gegen Vorschriften für medizinische Produkte, Betäubungsmittel, gefährliche Chemikalien oder Waffen verstoße.

Die Überprüfung sei auch zu dem Schluss gekommen, dass "die Beihilfe zum Suizid einer kompetenten Person mittels Sarco keine Straftat nach dem Strafgesetzbuch darstellt", sagte Hürlimann per E-Mail an Euronews.

"Die in Auftrag gegebene Überprüfung hat uns bestätigt, dass es keine rechtlichen Probleme gibt, die wir übersehen haben, und dass - aus der Sicht des Schweizer Rechts - die Verwendung des Sarco in einer Sterbehilfeklinik oder durch eine Schweizer Privatperson, die das Gerät selbst drucken und verwenden möchte, kein Problem darstellt", sagte Nitschke.

Die Organisation will den Sarco Anfang nächsten Jahres in der Schweiz kommerzialisieren.

Wie genau funktioniert der Sarco?

Die Sarco-Kapsel kann nur von innen bedient werden. Benutzer:innen können dann einen Knopf drücken, durch Blinzeln oder durch eine Geste entscheiden, wann Flüssigstickstoff freigesetzt wird, das der Umgebung den Sauerstoff entzieht und innerhalb weniger Minuten den Tod einleitet.

In einem Video erklärt der niederländische Designer Alexander Bannink zudem, dass die Kapsel einen Notausschalter und eine Fluchtluke hat.

"Exit International" plant nicht, Sarco zum Verkauf anzubieten. Stattdessen will das Unternehmen das Design an Personen weitergeben, die es selbst in 3D ausdrucken, und mit Einrichtungen für assistierten Suizid in der Schweiz zusammenarbeiten.

Exit International
Prototypen der "Suizidkapsel" aus dem 3D-Drucker wurden in Deutschland und den Niederlanden ausgestellt.Exit International

Dieses Vorgehen könnte "Exit International" helfen, rechtliche Probleme in den Ländern zu verhindern, in denen Sterbehilfe verboten ist.

"Wenn man etwas von Hand herstellt, wie wir das normalerweise tun, kann man zur Rechenschaft gezogen werden, weil man jemandem beim Sterben hilft", sagte Bannink.

"Die legale Verwendung der von uns hergestellten Maschine ist in anderen Ländern als der Schweiz nicht möglich", so Nitschke.

Theoretisch könnte jeder die Sarco-Kapsel ausdrucken, doch "Exit International" wird die Baupläne nicht an Personen unter 50 Jahren weitergeben. Und wenn die Kapsel einmal gedruckt ist, bleibt der Zugang zu ihr laut Angaben auf der Website der Organisation beschränkt.

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Philip Nitschke - Spitzname "Dr. Tod" - setzt sich seit Anfang der 1990er Jahre für Sterbehilfe einAFP

Den Tod demokratisieren

Nitschke setzt sich seit langem für das Recht auf Sterben ein und kandidierte in seinem Heimatland Australien sogar für ein politisches Amt, um sich für eine Reform der Sterbehilfe einzusetzen.

Im Jahr 1996 verabreichte er als erster Arzt legal eine freiwillige tödliche Injektion. Dabei verwendete er ein selbst entwickeltes Gerät, mit dem ein Mann, einem Prostatakrebspatienten namens Bob Dent, einen Knopf auf einem Laptop an seinem Bett drückte, um die Medikamente zu verabreichen.

"Das Hauptproblem ist eine Frage der Kontrolle", sagte Nitschke. Als das australische Verwaltungsgebiet Northern Territory von 1996 bis 1997 Sterbehilfe kurzzeitig legalisierte, setzte das Gesetz immer noch die Zustimmung eines Arztes voraus.

"Dies führte zu Problemen, zum Beispiel bei Paaren, die ihr ganzes Leben lang zusammen waren, wenn einer von ihnen krank wurde und sein Partner den Wunsch äußerte, zur gleichen Zeit zu sterben", so Nitschke.

"Es geht wirklich darum, den Sterbeprozess zu demokratisieren. Wir sind der Meinung, dass alle vernünftigen Erwachsenen ein Recht darauf haben, aus dem Leben zu scheiden, und dass dies nicht nur ein Privileg ist, über das andere entscheiden und das nur sehr kranken Menschen zugestanden werden kann."

Doch der direkte Ansatz von Nitschke und "Exit International" löst bei den großen Schweizer Akteuren der Sterbehilfe Bedenken aus.

Die Organisation "Dignitas" erklärte gegenüber Euronews, sie bezweifle, dass die Do-it-yourself-Methode des Sarco in der Schweiz Akzeptanz finden würde. Bei den Eidgenossen gibt es seit 35 Jahren eine Zusammenarbeit zwischen gemeinnützigen Organisationen und Ärzt:innen, um Sterbehilfe zu ermöglichen.

Die etablierten Organisationen kennen auch den rechtlichen Rahmen der Sterbehilfe in der Schweiz, der vorsieht, dass jeder Todesfall, ob freiwillig oder nicht, den Behörden zur Untersuchung gemeldet werden muss, so Dignitas.

"Diese Praxis wird von der großen Mehrheit der Öffentlichkeit und der Politik gebilligt und unterstützt", so die Organisation.

"Angesichts dieser etablierten, sicheren und professionell unterstützten Praxis können wir uns nicht vorstellen, dass eine technologisierte Kapsel für ein selbstbestimmtes Lebensende in der Schweiz auf große Akzeptanz und/oder Interesse stoßen wird."

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Nitschke im Jahr 1996 mit der "Befreiungsmaschine", seine erste Maschien für assistierten Suizid.AFP

Ein Bericht der britischen Organisation "Dignity in Dying" aus dem Jahr 2017 ergab jedoch, dass der etablierte Weg für viele unerschwinglich sein könnte: Die durchschnittlichen Kosten einer Sterbehilfe in der Schweiz für Brit:innen belaufen sich auf fast 12.000 Euro.

Screening durch Software

Um den Prozess der Sterbehilfe von äußeren Eingriffen voll zu befreien, schlug Nitschke kürzlich in einem Interview mit der Nachrichtenseite Swissinfo vor, dass Sarco künstliche Intelligenz einsetzen könnte, um Nutzer:innen zu prüfen, bevor sie Zugang zu der Kapsel erhalten.

"Unser Ziel ist es, ein Screening-System mit künstlicher Intelligenz zu entwickeln, um die geistige Verfassung der Person zu testen. Natürlich gibt es eine Menge Skepsis, vor allem von Seiten der Psychiater:innen. Aber unser ursprüngliches Konzept sieht vor, dass die Person einen Online-Test macht und dann einen Code für den Zugang zum Sarco erhält", sagte er.

Obwohl Sterbehilfe in der Schweiz legal ist, erfordert das derzeitige Verfahren die Beteiligung von medizinischen Fachleuten, die die Medikamente für den Prozess verschreiben und psychologische Untersuchungen durchführen.

"Die vorgeschlagene KI-Revision zur Abschaffung dieser medizinischen Beteiligung ist Teil der nächsten Phase des Sarco-Projekts", so Nitschke gegenüber Euronews.

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Spanien hat im Juni 2021 Sterbehilfe für Menschen mit "schweren oder unheilbaren Krankheiten" legalisiert.AFP

Eine 'Blackbox'

Die mögliche Einbeziehung von künstlicher Intelligenz in Sarco lässt bei Algorithmwatch die Alarmglocken läuten. Die gemeinnützige Organisation untersucht die Auswirkungen von Automatisierungstechnologien.

"Es ignoriert eindeutig die Tatsache, dass Technologie selbst niemals neutral ist: Sie wird von Menschen entwickelt, getestet, eingesetzt und genutzt, und im Fall der sogenannten Künstlichen Intelligenz stützt sie sich in der Regel auf Daten aus der Vergangenheit", so Angela Müller, Leiterin der Abteilung Politik und Interessenvertretung bei Algorithmwatch.

"Ich befürchte, dass das unsere Autonomie eher untergräbt als verbessert, da die Art und Weise, wie Maschinen ihre Entscheidungen treffen, nicht nur eine Blackbox für uns sein wird, sondern auch bestehende Ungleichheiten und Vorurteile zementieren kann", sagte sie.

Es ist möglich, dass die Debatte über KI akademisch bleiben wird. Wenn Nitschke die Sarco-Kapsel im nächsten Jahr in der Schweiz anbietet, wird die benötigte Software noch nicht fertig sein.

"In der Anfangsphase des Sarco-Einsatzes in der Schweiz werden wir sicherstellen, dass alle Personen, die sich für diese Option entscheiden, von Schweizer Mediziner:innen gründlich untersucht wurden, um mögliche Zweifel an ihrer Geschäftsfähigkeit auszuräumen. Wir haben die Unterstützung von Schweizer Psychiater:innen, um diesen Service anzubieten", sagte er.

"Im Zuge der Weiterentwicklung des KI-Screenings hoffen wir, dass wir die Proband:innen sowohl mit medizinischen Dienstleistungen als auch mit dem KI-Software-Screening testen können, damit die Wirksamkeit des KI-Programms festgestellt werden kann", fügte er hinzu.