Bei Winterspielen verletzen sich viele Athletinnen und Athleten. Doch gerade die häufigsten Blessuren bleiben oft unentdeckt und werden kaum behandelt.
Seit einigen Wochen gehen Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt an die Grenzen ihres Körpers, um bei den Olympischen Winterspielen anzutreten.
Wenn Zuschauerinnen und Zuschauer ihre beeindruckenden Leistungen verfolgen, gerät die Gefahr dieser Wintersportarten leicht in Vergessenheit. Doch selbst die Fittesten können Verletzungen außer Gefecht setzen.
Eine schmerzhafte Erinnerung daran gab es in diesem Jahr gleich mehrfach. Bereits dreizehn Sekunden nach dem Start ihrer Abfahrt stürzte Lindsey Vonn und brach sich das Bein. Ilia Malinin, Topfavorit auf Gold, kam in seiner Kür im Eiskunstlauf ebenfalls schwer zu Fall.
Diese beiden sind leider nicht die einzigen, die stürzten – und sie werden nicht die letzten sein.
Eine Studie im Journal of Sports Science and Medicine zeigt, dass Teilnehmende an Olympischen Winterspielen häufig ein hohes Verletzungsrisiko tragen. Auch die Ausrüstung, die ihre Leistung eigentlich verbessern soll, kann Verletzungen begünstigen – etwa wenn sie schlecht angepasst ist oder falsch genutzt wird.
Die höchsten Verletzungsraten verzeichneten Freestyle-Skiing, Snowboarden, Ski alpin, Bobsport und Eishockey.
Am häufigsten waren Verletzungen an Knie, Wirbelsäule beziehungsweise Rücken sowie Handgelenk und Hand. Hämatome, Zerrungen und Verstauchungen zählten ebenfalls zu den häufig beobachteten Blessuren.
Verletzungen kommen in jeder Sportart vor. Im Wintersport gibt es jedoch einige spezielle Verletzungsmuster, die weitgehend unter dem Radar bleiben.
Was ist „Sled Head“?
Im Bobsport, Rodeln und Skeleton rasen Athletinnen und Athleten auf eisigen Bahnen hinab und erreichen dabei Geschwindigkeiten von mehr als achtzig Kilometern pro Stunde.
Es überrascht daher kaum, dass Gehirnerschütterungen in diesen Disziplinen häufig sind. Laut Forschenden der Fachzeitschrift Frontiers in Neurology sind zwischen dreizehn und achtzehn Prozent der Schlittenathletinnen und -athleten betroffen.
Es gibt jedoch eine weitere typische Beeinträchtigung, die in Studien und in der Öffentlichkeit kaum Beachtung findet: das sogenannte „Sled Head“.
Schlittenathletinnen und -athleten prägten diesen Begriff, um ein Beschwerdebild zu beschreiben, das Kopfschmerzen, Benommenheit und gelegentlich ein Gefühl der Unsicherheit im Gleichgewicht umfasst, so die Forschung. Auslöser sind meist holprige Bahnen oder eine große Zahl an Fahrten hintereinander.
Lange wurde über „Sled Head“ kaum gesprochen. Inzwischen arbeiten Verbände jedoch daran, die Rennschlitten-Sportarten sicherer zu machen.
Der deutsche Bob- und Schlittenverband (BSD) und das Allianz Zentrum für Technik (AZT) stellten bei den Spielen in Milano Cortina Konzepte und Studienergebnisse vor, die den Bobsport sicherer machen sollen.
Eines der vorgestellten Systeme ist der „Allianz Safety Sled“ mit dem Schutzkonzept HIP (Head Impact Protection). Dieses Element soll direkte Stöße auf die Insassen des Bobs verhindern. Für den Einbau wäre laut AZT kein komplett neuer Schlitten nötig.
„Wir verändern den Sport an sich nicht“, sagte Christian Sahr, Geschäftsführer des AZT. „Wir nehmen weder Nervenkitzel noch Spektakel. Wir wollen nur etwas mehr Sicherheit.“
In Cortina habe es viele positive Reaktionen gegeben, vor allem von den Athletinnen und Athleten, sagt Sahr. Dennoch bleibe einiges zu tun.
„Das heißt nicht, dass alles beschlossen ist und alle einer Regeländerung zustimmen werden“, so Sahr. „Wir müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten, damit alle das System einführen wollen.“
Vor allem der Internationale Bob- und Skeletonverband müsste die neuen Sicherheitslösungen absegnen, damit sie bei künftigen Olympischen Spielen zum Einsatz kommen.
Was ist der „Skidaumen“?
Als „Skidaumen“ bezeichnen Mediziner eine Verletzung des ulnaren Seitenbandes am Daumen. Es verläuft an der Basis des Daumens auf der Seite zum Zeigefinger hin.
Die Verletzung entsteht durch Überstreckung oder ein starkes Abknicken des Daumens – häufig, wenn jemand mit ausgestreckter Hand stürzt und dabei die Skistöcke noch festhält. Snowboarder sind deutlich seltener betroffen. Fachleute des Journals Sports Health: A Multidisciplinary Approach sehen darin einen Hinweis, dass vor allem die Stöcke das Problem sind.
Ursprünglich hieß diese Verletzung „Gamekeeper’s Thumb“, da schottische Wildhüter sie sich häufig zuzogen, wenn sie Kaninchen das Genick brachen, heißt es in einer Studie der Plattform StatPearls.
Auch andere Sportarten kennen diese Verletzung, bei Skifahrerinnen und Skifahrern tritt sie jedoch relativ häufig auf. Forschungen von Sports Health zufolge entfallen rund vierzehn Prozent aller Skiunfälle auf Verletzungen der oberen Extremitäten. Am häufigsten sind weiterhin Knieverletzungen.
Die Forschenden vermuten sogar, dass der Skidaumen die verbreitetste Skiverletzung überhaupt sein könnte – sie wird nur oft nicht erfasst, weil viele Betroffene sie für eine Bagatelle halten.
Die Behandlung hängt vom Schweregrad ab. Die StatPearls-Studie hält fest, dass sich die meisten Fälle mit Ruhe, Kühlung, Kompression und Hochlagern behandeln lassen. Führt die Verletzung jedoch zu einer deutlichen Instabilität des Daumens, ist oft eine Operation nötig.