Drohnen für wenige Tausend Dollar treffen auf millionenteure Raketen. "More bang for the Dollar" werde entscheidend, sagt Rheinmetall-Chef Armin Papperger über die Zukunft der Luftverteidigung.
Mit über 1.470 Drohnen und 260 ballistischen Raketen hat der Iran die Vereinigten Arabischen Emirate seit Beginn der amerikanisch-israelischen Operation "Epic Fury" angegriffen. Laut dem Verteidigungsministerium der VAE konnte ein Großteil abgefangen werden.
Das liegt vor allem an dem mehrschichtigen Luftabwehrsystem, wie das US-Magazin Wired berichtet. Dieses System ist darauf ausgelegt, Bedrohungen in verschiedenen Flugphasen abzufangen. In der höchsten Flughöhe greift das US-amerikanische Terminal High Altitude Area Defense (THAAD)-System ein, das ballistische Raketen in der Endphase ihres Abstiegs mit der "Hit-to-Kill"-Methode abschießt. Die angreifende Rakete wird dann mit einer THAAD-Abfangrakete zerstört.
Sollte die Rakete näher am Boden sein, werden Patriot-Raketenabwehrsysteme eingesetzt, ebenfalls aus den USA. Das Radarnetzwerk der Patriots kann Raketenstarts aus Hunderten Kilometern Entfernung erkennen und erlaubt eine Berechnung der Flugbahnen innerhalb von Minuten. Die Abfangraketen können dann starten und sogar Raketen aus niedrigen Höhen abfangen.
Zwar erfüllen beide Systeme ihren Auftrag, sind jedoch nicht unbegrenzt verfügbar und teuer. Die Kosten für ein THAAD-Radar werden auf rund 1,1 Milliarden US-Dollar (ungefähr 954.657.000,00 Euro) geschätzt. Zudem wird davon ausgegangen, dass es fünf bis acht Jahre dauern kann, um einen zerstörtes Radar zu ersetzen.
Das Abfangen vergleichsweise günstiger Drohnen, deren Preis meist zwischen 20.000 und 50.000 US-Dollar liegt, mit derart kostspieligen Abwehrsystemen gilt daher als ineffizient, meint auch Konzernchef des deutschen Rüstungsunternehmens Rheinmetall, Armin Papperger.
"More Bang for the Dollar"
"In den ersten 72 Stunden [des Krieges] haben alleine die USA und die Verbündeten für vier Milliarden Dollar Effektoren verschossen", sagte er bei der Bilanz-Pressekonferenz des Unternehmens am Mittwoch. Unter Effektoren versteht man in diesem Zusammenhang die Geschosse der eingesetzten Systeme, und ergänzte, dass "etwa 2.000 Effektoren" verschossen wurden.
Er hob die Systeme seines Unternehmens hervor, die bereits im Nahen Osten im Einsatz wären, darunter die Oerlikon 35-mm-Zwillingskanone, das Millennium-Geschütz und die Revolverkanone. Für die 35-mm- oder 30-mm-Waffen von Rheinmetall würde der Schuss bei etwa 1.000 US-Dollar (ungefähr 865 Euro) liegen, so Papperger.
"Übers Wochenende standen die Telefone nicht still, man will unsere Systeme haben", bekräftigte er und ergänzte, dass er die Länder zwar nicht nennen dürfe, dass jedoch "weit über 100 Drohnen" mit Rheinmetall-Systemen vergangenes Wochenende abgeschossen wurden.
Die aktuelle Lage im Nahen Osten zeige, dass es weltweit "viele Aggressoren" gebe, gegen die solche Systeme gebraucht würden. Gleichzeitig gehe es bei der Drohnenabwehr auch um Wirtschaftlichkeit, denn "more Bang for the Dollar" ist hier der entscheidende Punkt, so Papperger. Der Konzernchef hebt hervor, dass es "viel zu teuer" sei, mit teuren Flugabwehrraketen Drohnen abzuschießen, wenn man sie mit "unserem System abschießen kann."
Die Ukraine testet die Luftverteidigung der Zukunft
Wenn es um Drohnenabwehr geht, ist die Ukraine der Vorreiter. Russland feuert regelmäßig mehr als 500 Drohnen auf die Ukraine ab, die von der Luftverteidigung zum Großteil neutralisiert werden. Die ukrainischen Streitkräfte verwenden dafür jedoch nicht ausschließlich teure Abwehrsysteme, wie beispielsweise das Patriot-System, sondern auch wieder ein mehrschichtiges günstigeres System.
Das besteht unter anderem aus Abfangdrohnen, wie zum Beispiel der Octopus-Interceptor-Drohne, die nur etwa 3.000 Dollar (über 2.500 Euro) kosten, oder der P1-SUN Interceptor-Drohne, deren Preis laut Hersteller bei etwa 1.000 Dollar (ungefähr 865 Euro) liegt.
Abfangdrohnen dieser Art sollen die gegnerische Drohne abschießen und somit teure Raketen ersetzen. Wie der ukrainische Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyi Anfang März in einem Beitrag auf Telegram verkündet hatte, haben diese Drohnen alleine in der Region Kyjiw mehr als 70 Prozent der Shahed-Drohnen zerstört.
Zu dem mehrschichtigen Abwehrsystem gehört zudem ein landesweites akustisches Frühwarn- und Erkennungssystem namens Sky Fortress. Berichten zufolge wurden hierfür einfache Mikrofone und Smartphones auf Masten installiert, die das charakteristische Geräusch von Drohnen und Raketen erkennen sollen – Shahed-Drohnen hören sich beispielsweise ähnlich an wie ein Moped. Auch das System ist mit Kosten von bis zu 1.000 US-Dollar (ungefähr 865 Euro) vergleichsweise günstig.
Kyjiw setzt bei der Drohnenabwehr auch auf Menschen, nämlich in Form von mobilen Abwehrteams. Sie werden vor allem in Frontnähe und in Städten eingesetzt und sind mit Maschinengewehren, tragbaren Flugabwehrraketen (MANPADS) und leichten Flugabwehrwaffen ausgestattet und versuchen die Drohnen auf kurzer Distanz abzuschießen, bevor diese ihr Ziel erreichen können.
Doch damit endet die Drohnenabwehr noch nicht: Neben neuen Technologien setzt die Ukraine weiterhin auf klassische Mittel – darunter elektronische Kampfführung mit Störsendern, Kampfjets, Hubschrauber zur Drohnenjagd sowie bodengebundene Flugabwehrsysteme.
Auch in Deutschland: Lücken bei der Luftverteidigung
Während der Pressekonferenz räumte Papperger ein, dass die NATO und auch Deutschland Lücken bei der Luftverteidigung aufweisen würden. Ihm zufolge haben "Deutschland, Europa, aber auch der Rest der Welt viel zu wenig Luftverteidigungssysteme".
Ähnlich wie die Vereinigten Arabischen Emirate hat auch Deutschland eine mehrschichtige Luftverteidigung, allerdings mit anderen Systemen. Für Raketenabwehr über große Distanz soll im Ernstfall das Arrow 3-System eingesetzt werden, das speziell entwickelt wurde, um ballistische Raketen größerer Reichweite abzufangen, darunter etwa solche, die nukleare, chemische oder biologische Sprengköpfe tragen könnten.
Die Abwehr von Flugzeugen, Marschflugkörpern und auch ballistischen Raketen auf größere Distanz übernimmt derzeit vor allem das US-System MIM-104 Patriot, das das Rückgrat der bodengebundenen Luftverteidigung der Bundeswehr bildet. Im Bereich der mittleren Reichweite setzt Deutschland auf IRIS-T SLM. Perspektivisch soll dieses durch die weiterentwickelte Variante IRIS-T SLX ergänzt werden, um eine größere Reichweite abzudecken. Für kürzere Distanzen kommt das System IRIS-T SLS zum Einsatz.
Im Nahbereich – insbesondere zur Abwehr von Drohnen – baut die Bundeswehr derzeit Systeme wie den Skyranger 30 von Rheinmetall auf.
Drohnen seien für sich genommen nicht besonders effektiv, sagte Papperger, da mehr als 90 Prozent abgefangen würden. "Aber diejenigen, die durchkommen, sind effektiv." Gerade deshalb werde Drohnenabwehr in der Luftverteidigung immer wichtiger. Nach seinen Angaben würden inzwischen mehr als 80 Prozent der Angriffe mit Drohnen durchgeführt – vor allem, weil sie vergleichsweise günstige Angriffswaffen sind.
"Und es ist eben ein neuer Effektor – und auf diesen neuen Effektor müssen wir uns einstellen", erklärte Papperger und gibt an, dass Rheinmetall sich einstellen würde, "vor allen Dingen mit dem Skynex-System, aber auch Skynart, Skyguard und Skyranger".
Sowohl der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine als auch die iranischen Gegenschläge auf die Golfregion zeigen damit, wie sich Luftverteidigung verändert: Statt einzelner teurer Raketen geht es zunehmend um Systeme, die große Mengen günstiger Drohnen abwehren können.
Diese Erfahrung versucht die Ukraine inzwischen auch international einzubringen. Wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj diese Woche verkündete, wurde bereits eine Delegation unter Beteiligung von Verteidigungsminister Rustem Umerov in die Golfregion entsendet, um beim Schutz vor iranischen Angriffen und bei der Stabilisierung der Lage zu helfen.