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Dank Implantat: Elektrostimulation bringt Gelähmten zum Gehen

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Dank Implantat: Elektrostimulation bringt Gelähmten zum Gehen

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Jered Chinnock ist seit einem Motorschlittenunfall 2013 von der Taille abwärts gelähmt. Dennoch macht er heute wieder erste kleine Schritte, wenn auch mit Rollator und Unterstützung durch Therapeuten.

Möglich macht dies eine Implantat unterhalb der Verletzung im Rückenmark. Die unterbrochene Signalübertragung vom Gehirn an die Beinmuskulatur wird durch elektrische Stimulation überbrückt.

"Dadurch gelingt es uns, das Rückenmark direkt zu stimulieren", sagt Forschungsleiter Kendall Lee. "Wir glauben, dass das sehr wichtig ist, um diese willentliche oder freiwillige Kontrolle wiederzuerlangen."

Das Forscherteam von der Mayo Clinic in Rochester im US-Staat Minnesota präsentiert die Technik in der jüngsten Ausgabe des Fachjournals "Nature Medicine".

Die Ergebnisse der Studie seien beeindruckend, sagt Charla Fischer, Chirurgin am New Yorker Langone Orthopedic Center. Es könnte einigen Patienten mit Rückenmarksverletzungen Hoffnung geben."

Jered Chinnock wurde 2016 für das Pilotprojekt ausgewählt. Vor dem Eingriff wurde seine Beinmuskulatur sechs Monate lang stimuliert. Auch jetzt müsse er mehrere Stunden täglich fünf bis sechs Tage die Woche hart trainieren. Die Physiotherapeutin, die ihn dabei unterstützte, sei heute seine Frau, sie treibe ihn immer wieder an.

Unterschiedliche Stimulationsmuster - Keine Heilung

Die Mediziner gaben Elektroimpulse in verschiedene Beinmuskeln. Dabei entdeckten sie, dass ein einzelnes Stimulationsmuster nicht ausreicht. Sie entwickelten zwei unterschiedliche Muster, die so miteinander verzahnt wurden, dass der Patient die verschiedenen Phasen eines Schritts meistern konnte.

"Nach unserem Wissen ist die Verwendung der elektrischen Rückenmarkstimulation während des aufgabenspezifischen Trainings, einschließlich Steh- und Schrittaktivitäten, neu", schreiben die Forscher. Erforderlich seien nun weitere Untersuchungen mit einer größeren Zahl von Probanden, um deren Gültigkeit und Wirksamkeit zu bestimmen.

Norbert Weidner, ärztlicher Direktor der Klinik für Paraplegiologie am Universitätsklinikum Heidelberg, hält die Studie prinzipiell für gut gemacht. Der beobachtete Effekt sei wissenschaftlich allemal interessant, aber auch mit den gezeigten Fortschritten könne der Patient nicht seinen Alltag meistern. Zudem sei es eher eine Fallbeschreibung, da nur ein Patient an der Studie beteiligt gewesen sei. "Es ist außerdem ein spezieller Patient, so dass fraglich ist, inwiefern andere querschnittgelähmte Patienten in gleicher Weise trainiert werden können", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Problematisch sei auch, dass es keine Rückkopplung über die Stellung der Beine im Raum ans Gehirn gebe, was für das sichere Gehen notwendig sei. Bei nicht vollständig Gelähmten, die unterhalb der verletzten Stelle am Rückenmark zumindest noch Bewegungen ausführen können, sieht Weidner ein größeres Potenzial für diesen Heilungsansatz.

Auch Jocelyne Bloch vom Centre Hospitalier Universitaire Vaudois in Lausanne (Schweiz) ist vom Ergebnis der Studie nicht ganz überzeugt. "Er kann mit viel Hilfe ein paar Schritte gehen - aber es gab keine neurologische Heilung", sagte sie mit Blick auf den Patienten. "Doch im Labor einige Schritte zu tun, bedeutet nicht, dass das auch zu Hause und im Alltag klappt und das Leben verändert. Wir sollten also wortwörtlich einen Schritt zurücktreten und die Ergebnisse in der Realität betrachten."

Zweite Studie zeigt: der Wille der Patienten ist entscheidend

Weitere Hinweise auf die grundsätzlichen Möglichkeiten und Grenzen der Methode gibt eine Studie, die zeitgleich im Fachmagazin "New England Journal of Medicine» erscheint. Darin berichten US-Forscher um Susan Harkema von der University of Louisville (US-Staat Kentucky) von vier querschnittgelähmten Patienten, die ebenfalls mit Elektrostimulation behandelt worden waren.

Zwei von ihnen konnten nach intensivem Training wieder einige Schritte gehen, alle vier konnten zumindest selbstständig stehen. Neben der elektrischen Stimulation und dem Training war der Wille der Patienten für das Gehvermögen entscheidend: Sie mussten sich fest vornehmen zu gehen - sobald sie die mentale Absicht einstellten, konnten sie ihre Beine nicht mehr bewegen, berichten die Wissenschaftler.