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Berlin: Rosa Linien gegen Drogenproblem - "Dachte das sei eine Kunstaktion"

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Lina Verschwele
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Der Görlitzer Park ist ein alter Bekannter in den Schlagzeilen Berlins. Seit Jahren debattiert die Stadt, ob und wie die Drogenverkäufe in der Kreuzberger Grünfläche unterbunden werden sollen. Bisher waren alle Versuche erfolglos. Seit Mittwoch sorgt ein neuer Anlauf für Diskussionen. Mit rosa Farbe hat Parkmanager Cengiz Demirci eine Handvoll Flächen ausgewiesen. Hier sollen Drogenverkäufer künftig ihre Geschäfte betreiben, je zwei Menschen haben Platz in einem abgegrenzten Bereich.. „Das ist keine Legalisierung des Verkaufs“, so Demirci gegenüber Berliner Medien. „Wir wollen nur, dass die Menschen nicht gestört werden, beim Reinkommen in den Park, und nicht permanent gefragt werden, ob sie Drogen kaufen möchten.“

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Können rosa Linien das Drogenproblem im "Görli" lösen?Lina Verschwele

Vor allem die Opposition kritisierte die Aktion heftig. Anstatt die Drogenkriminalität zu bekämpfen, werde Drogenhandel jetzt organisiert, twitterte der Berliner CDU-Abgeordnete Burkard Dregger.

Aber auch das zuständige Bezirksamt Friedrichshain Kreuzberg distanzierte sich sofort. „Diese Markierungen vorzunehmen war ein nicht abgestimmter Verbesserungsvorschlag“, so Pressesprecherin Sarah Lühmann gegenüber euronews. Die ausgewiesenen Zonen seien hinfällig, man wolle den Drogenverkauf keineswegs legitimieren. Darüber hinaus sei die Bekämpfung von Drogenkriminalität in erster Linie „eine Kompetenz der Polizei“.

Auch der Innensenator Andreas Geisel lehnt die rosa Rechtecke ab. Anders als das Bezirksamt sprach sich sein Sprecher jedoch dafür aus, dass nicht nur die Polizei für das Problem zuständig sei. Drogenpolitik und -prävention seien keine reinen Polizei-Themen. Es gehe dabei in erster Linie um Suchtbekämpfung und Aufklärung. Dies sei Aufgabe der Drogenbeauftragten bzw. der Gesundheitsverwaltung.

Viele Berliner halten rosa Linien für einen Witz

Viele Berlinerinnen und Berliner halten die Maßnahme dagegen schlicht für einen Witz. „Ich dachte zuerst, das sei eine Kunstaktion. Ein bisschen wie bei Schlingensief. Aber als direkter Versuch ist das natürlich lächerlich – wer stellt sich denn da rein?“, fragt Christoph Hager. Der 45-Jährige kommt oft und gerne mit seiner Tochter in den Park. Während seine Freundin manchmal beklage, dass Drogenverkäufer auch nach ihrer Ablehnung auf das Angebot insistierten, habe er noch keine negativen Erfahrungen im Park gemacht.

Lina Verschwele
Christoph Hager stören die Dealer im Park nichtLina Verschwele

Hager findet in der Debatte auch die Perspektive der Verkäufer wichtig. „Wahrscheinlich ist die Situation generell schwierig für Leute, die nach Berlin kommen.“ Es sei traurig, wenn eine Zweiklassengesellschaft entstehe, in der Migranten ein Leben in der Unterwelt führen müssten. Ähnlich wie Hager sehen das auch andere Eltern, die im Park unterwegs sind. Isabel Feifel fährt häufig mit ihren Kindern im Alter von vier und sieben Jahren durch den “Görli“, wie der Park von den Berlinerinnen und Berlinern genannt wird. Hier zeige sich misslungene Integrationspolitik, so Feifel: Viele Verkäufer seien darauf angewiesen, Drogen zu verkaufen, weil ein prekärer Aufenthaltsstatus keine legale Arbeit zulasse.

Ehemaliger Dealer: "Keiner von uns will Drogen verkaufen. Aber es gibt für uns keine Perspektive"

Das bestätigt Cora Balde, der seinen wahren Namen nicht nennen will. Bis vor zweieinhalb Jahren habe er selbst im Park Drogen verkauft – auch, weil er vom Staat keine Arbeitserlaubnis bekommen habe. Wie er würden viele Verkäufer aus afrikanischen Ländern stammen und in Deutschland oft nur eine Duldung, aber keine Arbeitserlaubnis bekommen, so Balde:. „Keiner von uns will Drogen verkaufen. Aber es gibt für uns keine Perspektive.“ Erst nach der Hochzeit mit seiner Partnerin habe er eine legale Arbeit an der Rezeption eines Hotels aufnehmen können, so der Gambier. Balde glaubt, dass Parkmanager Demirci die Flächen vor allem für die Medienwirkung aufgesprüht hat.

Denn eines ist klar: Den größten Erfolg erzielen die neuen Verkaufsflächen bisher bei Journalistinnen und Journalisten. Auch drei Tage nach ihrer informellen Eröffnung findet sich auf ihnen kein einziger Drogenvekäufer. Seit Mittwoch haben aber alle Großstadtmedien über die Aktion berichtet. Demirci selbst soll sich der Presse gegenüber mittlerweile nicht mehr äußern. Das sei eine Schutzmaßnahme, so die Pressestelle des Bezirks, die sich nach eigenen Angaben seit Tagen mit keinem anderen Thema mehr befasst.

Null-Toleranz-Politik hatte keinen Erfolg

Das Bezirksamt betont, dass es auch viele Fortschritte im Park gegeben habe. Seit 2016 bemüht sich das Amt darum, den Görlitzer Park für alle Nutzerinnen und Nutzer angenehmer zu gestalten. Es seien zum Beispiel neue Toiletten aufgestellt und ein separater Hundeauslauf eingerichtet worden. Außerdem bemüht sich das Bezirksamt, alle Seiten mit einzubeziehen. So gibt es etwa einen Parkrat aus Anwohnerinnen und Anwohnern und neben dem Parkmanager auch sogenannte ParkläuferInnen, die zwischen verschiedenen Parteien schlichten sollen und auch im Austausch mit den Drogenverkäufern stehen.

Bis 2016 galt gegenüber den Verkäufern eine Null-Toleranz-Politik, was die Verkäufe jedoch nicht beendete. Polizistinnen und Polizisten gingen damals auch gegen DrogenkonsumentInnen vor und beschlagnahmten sogar einzelne Joints. Einige Anwohnerinnen und Anwohner stört die Polizeipräsenz auch heute noch mehr als die Dealer: „Viel schlimmer als die Drogengeschäfte ist es doch, wenn die Polizei die Menschen durch den Park jagt“, sagte die Parkbesucherin Lucie Bauer gegenüber euronews.

In einer Pressemeldung verweist das Bezirksamt außerdem darauf, dass die Farbe wasserlöslich sei. So könnte sich die Debatte schon bald im Regen auflösen.