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Afghanistan: "Humanitäre Hilfe steht unter Beschuss"

Afghanistan: "Humanitäre Hilfe steht unter Beschuss"
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Zunehmende Anschläge, immer häufigere Luftangriffe und immer mehr zivile Opfer. 18 Jahre nach der US-Intervention in Afghanistan verschärft sich der Konflikt. Die Taliban und andere bewaffnete Gruppen kontrollieren über 50 Prozent des Landes, so viel wie nie zuvor seit 2001. Humanitäre Hilfe zu leisten, wird immer schwieriger und kostspieliger.

Laut Schätzungen wurden in den vergangenen 18 Kriegsjahren 147.000 Menschen getötet. Taliban und bewaffnete Gruppen auf der einen Seite, die von der NATO unterstützte afghanische Regierung auf der anderen.

2018 wurden fast 11.000 Zivilisten getötet oder verletzt. Eine Zahl, die sich in neun Jahren fast verdoppelt hat. Die zunehmenden Selbstmordattentate der Regierungsfeinde und die Luftangriffe der regierungsfreundlichen Kräfte wirkten sich direkt auf den Anstieg der zivilen Opfer im vergangenen Jahr aus.

Gefährliches Kabul

In Kabul kann es jederzeit einen Angriff geben, "Security Incidents" gehören zum Alltag. Fast die Hälfte der Selbstmordattentate wurden im vergangenen Jahr in der afghanischen Hauptstadt verübt.

Das Operationszentrum der internationalen NGO Emergency in Kabul ist ein sicherer Hafen für Kriegsopfer aus dem ganzen Land. Jeden Tag werden dort Dutzende Patienten behandelt, ruhige Nächte sind selten. Bei der Morgenübergabe wird eine Liste komplexer kriegsbezogener Fälle besprochen. Die Intensivstation ist nie leer.

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"Normalerweise bekommen wir Patienten mit einer Brust- oder Bauchverletzung verursacht durch eine Kugel oder einen anderen Gegenstand"_, erzählt der Chirurg Mohammad Abed Faizi von Emergency, _"Hier liegt ein Patient nach einer Bauch-OP, und auch bei diesem Patienten führten wir eine Laparotomie nach einem Bauchschuss durch."
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Viele Kinder sind unter den Opfern

2018 wurden fast tausend Kinder in Afghanistan getötet. Von den zweitausend Verletzten wurden gut die Hälfte in diesem Zentrum behandelt. Mustafa geriet in ein Kreuzfeuer. Die Behandlung seiner gelähmten Beine zeigt langsam Ergebnisse. Laut den Ärzten kann der 12-Jährige bald wieder laufen.

"Ich habe auf dem Feld gearbeitet, als ich von einer Kugel getroffen wurde", berichtet Mustafa. "Die Kugel traf mich auf der rechten Seite und blieb in der linken Schulter stecken. Nach meiner Entlassung will ich als Erstes wieder zur Schule gehen."

In dem Zentrum wird rund um die Uhr gearbeitet

In dem Zentrum arbeitet ein Team von fast 400 Ärzten, Physiotherapeuten und Krankenschwestern rund um die Uhr. Viele der Patienten sind lebensgefährlich verletzt. Vor zwei Jahren wurden nach einer Explosion 130 Verwundete auf einmal eingeliefert. Danach wurde das Zentrum erweitert und das Personal geschult, um die steigende Opferzahl zu bewältigen.

"Jedes Organ kann verletzt sein, man muss schnelle Entscheidungen treffen und sofort etwas tun. In diesem Krankenhaus muss man sich gleichzeitig um alles kümmern. Normalerweise haben Krankenhäuser verschiedene Abteilungen. Aber einen Kriegsverletzten kann man nicht auf verschiedene Stationen schicken. Wir würden ihn verlieren, weil das zu lange dauert. Ein Unfallchirurg kann sich um all diese Dinge gleichzeitig kümmern", erklärt der Arzt Hedayatullah Heydayat.

Kriegsspuren fürs ganze Leben

Einige der Opfer werden ihr Leben lang vom Krieg gezeichnet sein. Abdul wurde bei einem Selbstmordanschlag in Kabul Anfang Juni verletzt: Der Vater von sieben Kindern saß in einem Bus, der Verwaltungsangestellte nach Hause fuhr, als neben dem Fahrzeug eine Autobombe explodierte.

"Ich spürte, dass meine Beine weg waren. Ich kroch und schob mich aus dem Bus. Mein Bruder, der hinten saß, schaffte es, herauszuspringen", erzählt Abdul Whahab. "Ich bat ihn um Hilfe, denn ich brannte. Er rettete an diesem Tag drei weitere Leben. Nicht meinen Onkel. Ich sah, wie er verbrannte."

EU verstärkt humanitäre Hilfe

Europa unterstützt lebensrettende Einrichtungen in Afghanistan. Die EU hat die humanitäre Hilfe für Traumabehandlungen verstärkt und unterstützt die Gesundheitsversorgung in Gebieten, in denen reguläre Dienste zerstört wurden.

"Etwa 25 Prozent unseres Gesamtbudgets gehen derzeit in den Bereich Kriegstrauma-Behandlungen", erklärt Esmee De Jong, vom Europäischen Amt für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz. "Es wird immer schwieriger. Die humanitäre Hilfsmission steht wirklich unter Beschuss. Seit Anfang des Jahres wurden über 100 Einrichtungen angegriffen, d.h. viele Menschen verlieren den Zugang zu medizinischer Versorgung, und für das Personal wird es immer gefährlicher, in diesen Einrichtungen zu arbeiten."

Fachwissen und Technologie machen vieles möglich: Bei einer Explosion verlor Attagul einen Teil seines Schädels und seines Gehirns. Nach mehreren Operationen ist er in der Rehabilitation. Aber Patienten mit Behinderungen müssen nach ihrer Entlassung in einem Land zurechtkommen, dass keine Sozialhilfe kennt und in dem 55 Prozent der Bevölkerung in Armut leben.