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Ohne Evakuierungsplan: 70.000 Italiener auf Ischia leben auf einem aktiven Vulkan

Ein Plan zur Evakuierung Ischias gibt es nicht
Ein Plan zur Evakuierung Ischias gibt es nicht -
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Filippo Poltronieri
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Ischia ist die größte Insel im Golf von Neapel und eines der beliebtesten Reiseziele für Touristen in Italien. Doch ihre 70.000 Einwohner leben unter der realen Bedrohung durch ein mögliches Erdbeben oder einen Vulkanausbruch - und einen Evakuierungsplan gibt es nicht.

Ischia ist größer als Capri und Procida und hat den Tourismus auch wegen seiner vulkanischen Ursprünge entwickelt. Selbst im Winter kommen ältere Menschen für Thermalbehandlungen, während jüngere und abenteuerlustige Besucher den Epomeo besteigen - den Gipfel von Ischia, der aus vulkanischer Aktivität enstand.

Beim Rundgang durch die sechs auf der Insel verstreuten Städte kann man die kleinen Wolken aus weißem Rauch kaum übersehen. Die sogenannten Fumarolen steigen aus Rissen in der Erde auf und bestehen aus Wasserdampf oder vulkanischen Gasen.

"Ischia ist eine Vulkaninsel, der Hafen selbst liegt auf einem alten Krater", erklärt Francesca Bianco, Direktorin der Sektion Neapel des Vesuvobservatoriums des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV). Das INGV überwacht Veränderungen der Kontrollparameter im neapolitanischen Vulkangebiet, einem Gebiet, das den Vesuv, Ischia und die Phlegräischen Felder (Campi Flegrei) umfasst.

"Im Moment verzeichnen wir keine aktive vulkanische Aktivität für Ischia - also der Vulkan ist aktiv, aber es gibt keine Anomalien. Stattdessen erleben wir eine Phase des Aufschwungs und haben die Alarmstufe für die Phlegräischen Felder erhöht", fügte sie hinzu.

Filippo Poltronieri

Tanz auf dem Vulkan

Der Unterwasservulkan ist nicht die unmittelbare Sorge der Forscher, aber Ischia muss sich weiterhin den Bedrohungen durch seismische Bewegungen stellen, die indirekt mit dem Vulkan verbunden sind.

Im August 2017 gab es auf der Insel ein Erdbeben, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen, mehr als 40 weitere wurden verletzt und viele Häuser zerstört.

"Wir können Erdbeben nicht vorhersagen, aber wir kennen die seismische Geschichte der Insel", so Bianco. "Das Ereignis 2017 ist nicht mit magmatischen Phänomenen verbunden, aber wir wissen, dass die Insel aufgrund der Anwesenheit des Vulkans und seines Gewichts sinkt und Brüche verursacht. Es ist offensichtlich, dass die vulkanische Aktivität das seismische Risiko von Ischia erhöht."

Das Erdbeben hat auch gezeigt, wie schwierig eine Notfallsituation auf der Insel ist. In der Nacht damals kamen etwa 20.000 Menschen - Einheimische und Touristen - in den Hafen, um evakuiert zu werden, aber es gab nicht genug Fähren.

Wir legen unser Schicksal in die Hände des Allmächtigen. Was sollen wir sonst tun?
Einwohner von Ischia

Dennoch scheinen sich die Ischitaner nicht allzu sehr zu sorgen und leben im Risiko - mit einem Hauch von typisch neapolitanischem Fatalismus.

"Es ist ein büchstäblicher Tanz auf dem Vulkan, wir geben unser Schicksal in die Hände des Allmächtigen, was sollen wir sonst tun?", sagte ein älterer Herr, der am Straßenrand Käse und Mozzarella verkauft.

"Wir sind vom Meer umgeben, wohin sollen wir gehen? Wenn es einen Ausbruch gibt, werden wir entweder auf der Insel oder auf See sterben. Es ist unmöglich, hier schnell wegzukommen", sagte ein anderer Bewohner.

Kein offizieller Plan

Fabio Mattera vom lokalen Katastrophenschutz sagte Euronews, dass es "auf der Insel keinen integrierten Plan für Vulkanausbrüche und Erdbeben gibt", obwohl "das Beben 2017 uns völlig unvorbereitet erwischt hat". Er arbeitet in einem kleinen Büro, das in einem früheren Thermalzentrum enstand, und heute für andere Funktionen genutzt wird.

"Die Region Kampanien hat kürzlich eine Ausschreibung für die Gemeinden zur Finanzierung von Evakuierungsplänen veröffentlicht. Jetzt sollte jede einzelne Gemeinde ihren eigenen Plan ausarbeiten", erklärt Mattera, das sei "Unsinn".

"Wenn es zu einer Katastrophe kommt, wird die ganze Insel betroffen sein, deswegen sollte es eine gemeinsame Strategie geben", schloss er.

Francesco Emilio Borreli, Landesrat der Grünen, kritisiert seit Jahren die mangelnde Vorbereitung.

"Die drei vom INGV beobachteten Gebiete sind sehr urbanisiert", betonte er. "Der Vesuv betrifft 700.000 Menschen, es gibt einen Evakuierungsplan, aber es gibt keine Notfallsimulationen mehr."

"In Pozzuoli (Campi Flegrei) haben sie einen Evakuierungsplan erstellt und mit einigen Tests begonnen, aber wir sind sehr weit von der Möglichkeit entfernt, tatsächlich 500.000 Menschen zu retten. In Ischia scheint es kein Interesse zu geben, vielleicht denken sie, dass es unmöglich ist, die Bewohner zu retten", so Borreli.

Filippo Poltronieri
Blick aus Ischia vom Wasser ausFilippo Poltronieri

Mensch gegen Natur

Phänomene wie Erdbeben und Vulkanausbrüche sind oft unvorhersehbar und naturbedingt, aber einige der schwerwiegenden Folgen des Erdbebens von 2017 sind ausschließlich auf menschliches Handeln zurückzuführen.

Die vulkanischen Gebiete des neapolitanischen Territoriums wurden im Laufe der Jahre bebaut und die Verwaltungen haben es selten geschafft haben, sich den Bauspekulationen zu widersetzen.

Vesuv, Campi Flegrei und Ischia beherbergen über 1% der italienischen Bevölkerung, die in einer eventuellen Katastrophensituation nicht so schnell evakuiert werden können.

Zwar ist das Risiko bekannt, dennoch wuchs die Bevölkerung von Ischia exponentiell von 23.511 Einwohnern im Jahr 1861 auf 34.201 im Jahr 1961 und 64.031 im Jahr 2016.

In den letzten 50 Jahren sind die urbanisierten Gebiete der Insel von 9% des gesamten Territoriums auf 30% angewachsen, eine Zahl, die dreimal so hoch ist wie der nationale Durchschnitt, so Forscher der Universität von L'Aquila. Auch der Tourismus wächst nach einem kurzen Rückgang nach dem Erdbeben mit über 3 Millionen Besuchern pro Jahr wieder.

"Es gibt Dutzende von Erdbeben der Stärke 4 in Italien. Das Beben in Ischia von 2017 ist das einzige, an das ich mich erinnern kann, dass solche Schäden verursacht hat", erklärte Bianco. "Der Schaden dieses Phänomens ist in diesem Fall eher auf die Entscheidung der Menschen zurückzuführen, zu bauen, als auf die Natur", schloss sie.

"Die Natur wird tun, was wir nicht schaffen"

Borelli beschrieb die Situation als "wirklich tödlich". "Wir haben eine ähnliche Situation wie Japan. Wir sprechen von dem Gebiet mit der höchsten Anzahl von Vulkanen in Italien und gleichzeitig der am dichtesten besiedelten und hoch urbanisierten Zone", betonte er.

"Das Fehlen eines Evakuierungsplans für Ischia erklärt sich durch eine unverantwortliche Politik. Die Natur ist zyklisch, wir wissen, dass wir anderen Erdbeben ausgesetzt sein werden, vielleicht einem Ausbruch, vielleicht in einem Jahrhundert, in einem Jahrtausend. Wir brauchen eine Politik, die auf morgen ausgerichtet ist. Dafür wäre es notwendig, die Verwaltungen und Bürger vor die Tatsache zu stellen, dass einige Gebiete vollständig evakuiert werden müssen", fuhr er fort.

Ein Fischer am Ufer des Hafens schlug gegenüber Euronews vor, dass eine einzige Verwaltung geschaffen werden sollte, um einen einheitlichen Evakuierungsplan für die gesamte Insel zu erstellen. Dafür müssten die Bürgermeister der sechs Gemeinden zusammenarbeiten.

"Ich denke, wenn sie es nicht tun, wird die Natur tun, was wir nicht tun können. Epomeo wird explodieren, sechs Lavaströme werden ausbrechen, und sie werden es schaffen, eine einzige Gemeinde zu bilden".

Filippo Poltronieri
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