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Tschetschenien: Finanzspritze für den "Brautkauf" in Coronazeiten

Ramsan Kadyrow vor Bild seines Vaters.
Ramsan Kadyrow vor Bild seines Vaters.   -   Copyright  Musa Sadulayev/Copyright 2019 The Associated Press. All rights reserved
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Kein Geld, keine Hochzeit

In Tschetschenien hat die Corona-Pandemie die Hochzeitspläne vieler muslimischer Paare durchkreuzt. Weil die Krise auch hier bei zahlreichen Menschen zu Finanzprobleme geführt hat, können sich viele Männer den traditionellen "Brautkauf" nicht leisten.

Insgesamt 207 Bräutigame sollen laut der geistlichen Führung der Muslime in Tschetschenien davon profitieren, jeder bekommt etwa 650 Euro. Das Geld stammt aus der nach Kadyrows Vater benannten Achmat-Kadyrow-Stiftung.

Ihre Tradition sehen die Muslime als Form der Wertschätzung für die Frau - Vorwürfe, Frauen würden dadurch wie Ware mit einem Preisschild versehen, weisen sie zurück.

Wer nun als "bedürftiger" Bräutigam Hilfe beim Werben um eine Frau braucht, kann sich bei der geistlichen Führung der Muslime in der Republik melden, wie sie bei Instagram mitteilte.

Das Muftiat legt fest, wer auf die Liste kommt. Nach Darstellung der Online-Plattform der Zeitung "Kawkaski Usel" ist fehlendes Geld einer der Gründe für den von Menschenrechtlern kritisierten und im Kaukasus noch verbreiteten Brautraub. Dabei werden oft auch minderjährige Mädchen aus armen Familien entführt und bisweilen gegen ihren Willen verheiratet.

Die Lockdown-Regeln im mehrheitlich muslimischen Tschetschenien gehören zu den strengsten in Russland. Mitte April waren auch traditionelle islamische Hochzeiten verboten worden. Inzwischen sind sie wieder möglich, allerdings mit Einschränkungen.

So ist die Zahl der Gäste begrenzt, ebenso die Anzahl der Autos, die dem Hochzeitswagen folgen dürfen.

Musa Sadulayev/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved
Desinfektionsteam in der tschetschenischen Hauptstadt GrosnyMusa Sadulayev/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved

Kritik an hartem Vorgehen

An der harten Corona-Politik Kadyrows gibt es viel Kritik. Die Journalistin Jelena Milaschina hatte in der Zeitung "Nowaja Gaseta" geschrieben, viele Tschetschenen hätten Angst, mit Symptomen zum Arzt zu gehen. Bei Verstößen gegen die Quarantänemaßnahmen gebe es Festnahmen, hieß es.

Kadyrow nannte den Artikel "provokative und anti-tschetschenische Hetze" und rief die Behörden dazu auf, die Zeitung nicht mehr zu dulden und diese "Unmenschen" zu stoppen. Er wolle nicht zu einem "Verbrechen" gezwungen werden.

Kadyrow verteidigte zudem eine Prügelattacke der Polizei gegen einen Bewohner. Der gesunde Mann soll gegen allgemeine Auflagen der Selbstisolation wegen der Coronavirus-Pandemie verstoßen haben und wurde dafür geschlagen.

"Lieber einen schlagen..."

"Lieber einen schlagen, als Tausend begraben", sagte Kadyrow in einem bei Instagram veröffentlichten Video. "Wer es nötig hat, den verprügele ich mit dem Schlagstock, wer es nötig hat, den schmeiße ich ins Gefängnis und in den Keller, aber ich werde mein Volk schützen", sagte er.

Im Mai berichtete unter anderem Ria Novosti, Kadyrow sei selbst mit dem Coronavirus infiziert und zur Behandlung nach Moskau geflogen worden.

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Grosny in Corona-Zeiten.Musa Sadulayev/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.

Kadyrow verstößt selbst gegen Auflagen

Der Politiker führt die Republik im Nordkaukasus wie eine Diktatur. Bürgerrechtler beklagen immer wieder schwerste Menschenrechtsverstöße, darunter Folter und Willkürjustiz. Kadyrow beteuert zwar seine Kremltreue, regiert aber weitgehend unbeeindruckt von Vorgaben aus Moskau.

"Kawskaski Usel" berichtete, dass die tschetschenische Bevölkerung verwundert sei, dass Kadyrow selbst gegen die Auflagen wegen der Corona-Krise verstoße.

Zu sehen war er etwa beim Gebet in der Moschee, obwohl diese Massenveranstaltungen im Grunde in ganz Russland untersagt sind.