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Angst vor 2. Welle: Warum der R-Wert in Deutschland auf 2,88 gestiegen ist

Helfer des Roten Kreuz verteilen Brot in Verl (NRW) nach dem Coronavirus-Ausbruch bei Tönnies
Helfer des Roten Kreuz verteilen Brot in Verl (NRW) nach dem Coronavirus-Ausbruch bei Tönnies   -   Copyright  David Inderlied/dpa via AP
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(Eine Aktualisierung des R-Werts und der RKI-Lageeinschätzung befindet sich unter dem Artikel).

Auf den ersten Blick sind es beunruhigende Zahlen, die das RKI am Sonntag veröffentlicht hat. Der R-Wert für die Sars-CoV-2-Epidemie in Deutschland wurde am 21.06 um 0.00 Uhr auf 2,88 geschätzt. Die Reproduktionszahl gibt an, wie viele Coronavirus-Neuinfektionen von einer positiv getesteten Person ausgehen.

Derzeit steckt also eine kranke Person im Schnitt 2,88 weitere Personen an. Um eine Epidemie im Griff zu haben, muss der R-Wert Experten zufolge unter 1 liegen.

Allerdings ist bei dem Wert auch immer zu beachten, dass größere Ausbrüche, wie die in der fleischverarbeitenden Industrie - zuletzt bei Tönnies in NRW - vor allem bei einer geringen Grundzahl an Ansteckungen hohe Auswirkungen auf die Reproduktionszahl haben.

Das RKI weist zudem darauf hin, dass der Prozess durch Testen, Meldung an örtliche Behörden und Übermittlung an das RKI sich stark unterscheidet. Im Situationsbericht für Sonntag schreibt das Institut, dass der R-Wert "sensibel" ist. Die Zahl 2,88 bezog sich auf ein 4-Tage-Mittel und bildete nach Angaben des RKI das Infektionsgeschehen vor etwa einer bis zwei Wochen ab.

"Dieser Wert reagiert auf kurzfristige Änderungen der Fallzahlen empfindlich, wie sie etwa durch einzelne Ausbruchsgeschehen verursacht werden können. Dies kann insbesondere bei einer insgesamt kleinen Anzahl von Neuerkrankungen zu verhältnismäßig großen Schwankungen führen."

Durch das sogenannte Nowcasting wird zusätzlich versucht, den Infektionsverlauf statistisch nachzumodellieren - durch Schätzung. Auf einer Basis von 7 Tagen ergab der am Sonntag berechnete R-Wert 2,03. Allerdings ist sowohl dieser Wert als auch das 4-Tage-R nur ein Mittel: Die Schätzung liegt zwischen 2,16 – 3,73 und für das 7-Tage-Mittel zwischen 1,60 – 2,49.

Der hohe R-Wert basiert daher auf "lokalen Häufungen", "insbesondere" der Massenausbruch in der Fleischfabrik Tönnies spiele hier eine Rolle.

"Da die Fallzahlen in Deutschland insgesamt auf niedrigem Niveau liegen, beeinflussen diese lokalen Ausbrüche den Wert der Reproduktionszahl relativ stark."

Ein weiterer Grund, aus dem der hohe R-Wert und teilweise aussagekräftig ist, ist dass Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen für die neue Erhebung keine Daten an das RKI übermittelt haben, es fehlen also Zahlen in der Statistik, die diese - vorausgesetzt die Infektionszahlen sind stabil geblieben - glätten könnten.

Von den 687 neuen erfassten Fällen von Sars-CoV-2 kommen 549 aus NRW und 71 aus Berlin, wo es einen Cluster in einer Mietskaserne in Neukölln gibt. Kein anderes Bundesland hat mehr als 19 neue Infektionen an das RKI gemeldet.

Dennoch müsse die Lage in Deutschland genau beobachtet werden, so das RKI. Wenn auch neben diesen Massenausbrüchen immer mehr Coronavirus-Ansteckungen gemeldet werden, schätzen die Experten die Lage neu ein. Eine Gefahr für eine zweite Welle, die sich Deutschlandweit verbreitet, besteht vorerst also wohl nicht.

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Aktualisierung

In einer neuen Lageeinschätzung vom Montag, 22. Juni 2020, schätzt das RKI den 4-Tage-R-Wert auf 2,76 (2,10 – 3,42), für die letzten 7 Tage liegt die statistisch bereinigte Reproduktionszahl demnach geschätzt bei 1,83 (1,51 – 2,17).

Allerdings ist wieder zu bedenken, dass auch am Montag einige Bundesländer keine neuen Fälle an das RKI gemeldet haben. Zudem ist der Anstieg des R-Werts laut Situationsbericht auf mehrere Cluster zurückzuführen. Dazu zählt weiter der Massenausbruch in den Landkreisen Gütersloh und Warendorf in einem fleischverarbeitenden Unternehmen.

In Göttingen haben nach Angaben das RKI wohl private Familienfeiern zu einem Anstieg der Infektionszahlen geführt. Und Veranstaltungen von Religionsgemeinschaften haben in Berlin Neukölln und Orten in Hessen und Mecklenburg-Vorpommern zu Coronavirus-Ausbrüchen geführt.

Grund zur Panik gibt es laut Robert-Koch-Institut aber nach wie vor nicht. In dem Bericht, der am Montagabend veröffentlicht wurde, heißt es erneut, dass die Fallzahlen in Deutschland insgesamt auf niedrigem Niveau liegen, und lokalen Ausbrüche den Wert der Reproduktionszahl relativ stark beeinflussen.

"Die weitere Entwicklung muss in den nächsten Tagen beobachtet werden, insbesondere in Bezug auf die Frage, ob es auch außerhalb der beschriebenen Ausbrüche zu einem Anstieg der Fallzahlen kommt."