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Grüner Bürgermeister von Lyon glaubt: "Fliegen wird zur Ausnahme"

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Grüner Bürgermeister von Lyon glaubt: "Fliegen wird zur Ausnahme"
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Gibt es eine grüne Revolution in Europa? In Frankreich ist Grégory Doucet der erste Grüne, der zum Bürgermeister Lyons, einer der größten Städte des Landes gewählt wurde. Aber er ist nicht der einzige. Bordeaux, Straßburg, Poitiers, in all diesen Städten Frankeichs haben die Grünen gewonnen. Die grüne Welle kommt inmitten einer schweren Wirtschaftskrise, dazu kommt die globale Erwärmung, die immer mehr Spuren hinterlässt. Die Grünen müssen nun beweisen, dass sie die Grenzen lokal, aber vielleicht auch auf europäischer Ebene verschieben können.

Guillaume Petit, Euronews: Grégory Doucet, herzlich willkommen. Sie sind der neue Bürgermeister von Lyon. Vielen Dank, dass ich Sie bei Euronews mit Sitz in Lyon begrüßen kann.

Innerhalb weniger Jahre haben Umweltthemen weltweit größere Bedeutung erlangt, z.B. durch das Pariser Klimaabkommen 2015 und den vielen Klima-Demos im vergangenen Jahr. Jetzt steht der Planet vor einer globalen Gesundheitskrise. Es wird immer häufiger davon gesprochen, die Wirtschaft grüner zu machen. Doch wie können diese wichtigen Veränderungen, die Zeit brauchen, in Einklang stehen mit einer dringend erwarteten wirtschaftlichen Erholung?

Grégory Doucet: Der grüne Wahlsieg ist eine Antwort auf die heutige Wirtschaftskrise. Investionen in neue Dämmungen von Gebäuden schaffen zum Beispiel Arbeitsplätze vor Ort. Im Bauwesen gibt es viel zu tun. Investitionen in öffentliche Verkehrsmittel bedeuten Arbeit für Unternehmen. Es ist die Frage, wie sich Wirtschaft umorientieren kann. Wirtschaftsexperten haben den grünen Übergang bereits mit einbezogen oder wünschen sich mehr grünes Engagement. Es liegt an uns Politikern, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und uns ihre Lösungsvorschläge anzuhören.

Euronews: Aufgrund der Corona-Pandemie stehen Lyon und viele andere europäische Städte, vor einer Tourismuskrise. Sie setzen sich für eine grüne Wiederbelebung ein: Sie schlagen vor, mehr Nachtzüge einzusetzen, so wie es Österreich gemacht hat. Ist es auch notwendig, den Flugverkehr zu reduzieren?

Weg von der Vielfliegerei

Grégory Doucet: Natürlich. Das wird in einigen Jahrzehnten letztendlich so sein. Fliegen wird zur Ausnahme werden. Das ist es, was wir anstreben müssen. Was machen wir heute? Sollen wir 20, 30 Jahre warten, bis wir plötzlich gezwungen sind, das zu tun? Weil die Temperaturen so hoch sein werden, dass wir keine andere Wahl mehr haben? Nein, wir müssen damit jetzt anfangen. Deshalb ist es wichtig, dass der Tourismussektor auf nationaler und europäischer Ebene neu ausgerichtet werden muss. Es sollen natürlich nicht morgen alle Flüge nach Lyon gestrichen werden. Das Ziel soll sein, den Anteil der Flugzeuge schrittweise zu verringern und eine Strategie zu verfolgen, die mehr auf Europa ausgerichtet ist.

Euronews: Es gibt ein weiteres Projekt, das seit Jahren diskutiert wird: die Hochgeschwindigkeitsstrecke Lyon-Turin – ein 8-Milliarden Euro-Projekt. Sie halten das für einen Fehler. Wäre es nicht teurer, das wieder zu stoppen?

Grégory Doucet: In Sachen Infrastruktur müssen neue Entscheidungen getroffen werden. Wollen wir die 8 Milliarden Euro, die Sie erwähnt haben, in eine Infrastruktur zu stecken, die sich mit anderen Infrastrukturen verdoppeln könnte? Heute haben wir in Lyon und im Umland zu wenig in den Güterverkehr und in Züge investiert. Was ich meine, ist, dass mit diesem Projekt verhindert wird, dort zu investieren, wo es viel nötiger ist. Es ist eine Frage, was Priorität haben soll.

Euronews: Die grüne Welle ist nicht nur ein lokales Phänomen. Die Grünen hatten zuletzt bei den Kommunalwahlen in Großbritannien sowie den Europawahlen in Finnland, Deutschland und Frankreich einen Aufschwung. In Österreich sind die Grünen sogar Teil der Regierung geworden. Glauben Sie, dass Großstädte längerfristig in der Lage sein werden, die europäische Politik zu beeinflussen?

Das Netzwerk europäischer Städte soll ausgebaut werden

Grégory Doucet: Ich hoffe es. Zwei Ebenen sind wichtig, um unsere Gesellschaften umzugestalten: Zum einen auf lokaler Ebene. Die Großstädte können etwas bewirken, weil dort viele Menschen wohnen. Und dann gibt es die europäische Ebene. Dort wird heute sehr viel getan, deshalb ist die Arbeit im Europäischen Parlament so wichtig. Das ist bereits der Fall. Die Grünen sind dort mit einer großen Anzahl von Abgeordneten vertreten. Ebenso müssen sich die Städte in Europa besser vernetzen, das möchte ich vorantreiben.

Ein Netzwerk europäischer Städte, die mit gutem Beispiel vorangehen, die Einfluss auf die europäische und nationale Politik haben, um den Weg vorzugeben. Das ist es, was wir wollen: Diskussionen eröffnen, um die EU davon zu überzeugen, dass öffentliche Ausgaben in ein hochwertiges europäisches Eisenbahnnetz investiert werden müssen.

Euronews: Weil heute nicht genug gemacht wird?

Grégory Doucet: Genau, aber das ist wichtig. Das Problem mit den Nachtzügen wird heute von den Grünen behandelt, aber es gibt nicht genügend Unterstützung durch die europäischen Institutionen.

Euronews: Finden Sie nicht, dass der Green Deal von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein Wendepunkt ist?

Doucet: Mehr Einfluss auf europäische Politik

Grégory Doucet: Das Bewusstsein auf europäischer Ebene ist noch nicht ausgeprägt genug. Die Arbeit der Europaabgeordneten ist wichtig, aber vor allem dieses Netzwerk europäischer Städte, das ich anstrebe - so könnte Einfluss auf die europäische Politik genommen werden. So könnten wir sagen: 'Wir sind bereit. Schauen Sie, was wir in unseren Städten tun. Helfen Sie uns, stärker zu sein angesichts der verschiedenen Krisen, die auftreten können'.

Guillaume Petit: Diese Krise zeigt, wie abhängig unsere Industrie von anderen Ländern ist. In Ihrem Programm erwähnten Sie eine "Super-Abhängigkeit von einem globalisierten System", das der Umwelt schädigt. Bedeutet das, dass Europa zu weit gegangen ist, dass wir eher erreichen müssen, dass sich mehr auf lokaler Ebene tut?

Grégory Doucet: Es geht nicht darum, einen Schritt zurück zu gehen, wir müssen vielmehr einen anderen Kurs einlegen. Die Vergangenheit war auch keine Zeit, in der alles großartig war. Das ist nicht der Punkt. Die Volkswirtschaften müssen heute stärker mit ihren Ländern verankert sein und weniger abhängig von der weltweiten Wirtschaft. Zuerst müssen wir aufhören, Waren um den ganzen Planeten zu liefern. Denn durch diese massive Transportindustrie wird viel CO2 freigesetzt. Und natürlich haben wir die Abhängigkeit von anderen Ländern bei der weltweiten Corona-Krise gesehen. Wir müssen zukünftig besser vorbereitet sein, um solchen Ausbrüchen standhalten zu können.

Euronews: Frankreich hat nun einen neuen Premierminister und eine neue Regierung. Bis zur nächsten Präsidentschaftswahl sind es noch zwei Jahre. Glauben Sie, dass Umweltthemen für Emmanuel Macron wirklich Priorität haben?

Grégory Doucet: Der Präsident hat bei mehreren Gelegenheiten darüber gesprochen. Vor einigen Jahren sagte er: 'Macht unseren Planeten wieder groß und stark'. Aber das ist nicht das, was wir heute brauchen. Seit 2002 wurde viel versprochen. Erinnern Sie sich an die Rede des ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac? Er sagte: 'Das Haus brennt und wir schauen in die andere Richtung'. Das war im Jahr 2002. Jetzt haben wir das Jahr 2020. Es waren achtzehn Jahre voller Reden. So etwas brauchen wir nicht. Was wichtig ist, sind konkrete Maßnahmen. Wir müssen mehr in unsere Städte investieren. Wir müssen in öffentliche Verkehrsmittel und in umweltfreundlichen alternativen Verkehr investieren. Wir müssen unsere Städte, aber auch unser Land umgestalten.

Euronews: Gregory Dousset, neuer grüner Bürgermeister von Lyon - vielen Dank, dass Sie bei uns waren.