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China als Vorbild? Autor Christian Y. Schmidt zu Covid-19-Toten

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Von Kirsten Ripper  & Euronews
Autor und Journalist Christian Y. Schmidt in Berlin am Stierbrunnen
Autor und Journalist Christian Y. Schmidt in Berlin am Stierbrunnen   -   Copyright  Veronika Radulovic
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Eigentlich wäre der Journalist, Schriftsteller und China-Kenner Christian Y. Schmidt lieber bei seiner Frau Gong Yingxin - in China. Der ehemalige TITANIC-Redakteur ist im vergangenen Februar mit dem damals letzten Flug aus Peking nach Deutschland gekommen. Jetzt sitzt der Autor in Berlin fest - und organisiert seit dem Nikolaustag Gedenkveranstaltungen am Stierbrunnen am Arnswerder Platz unter dem Motto "Coronatote sichtbar machen". In den sozialen Medien, in vielen anderen deutschen Städten, aber auch in der Schweiz und in Österreich haben sich Menschen zu ähnlichen Gruppen zusammengetan.

"Kerzen zeigen, dass wir mit Corona-Leugnern nicht einverstanden sind"

Christian Y. Schmidt erklärt seine Motivation gegenüber Euronews so: "Als in Deutschland im Herbst die zweite Covid-19-Infektionswelle immer mehr Tote zu fordern begann, stellten wir fest, dass die Reaktion der deutschen Medien und damit auch der deutschen Öffentlichkeit recht verhalten war. Im Frühjahr, bei der ersten Welle, sah die Reaktion noch ganz anders aus. Angesichts der dramatischen Sterbezahlen anderswo – erst in Wuhan, dann in Norditalien, Spanien, Frankreich oder in New York – gab es in den deutschen Medien täglich Bilder und dramatische Berichte von dem Geschehen. Jetzt, bei der zweiten Welle, wurden jeden Morgen die neue Infektionszahlen gemeldet. Dann folgten lapidar die Zahl der Corona-Toten, meistens verbunden mit einer Konjunktion wie "außerdem" oder "zudem". Mehr nicht.

Gleichzeitig wurden den Corona-Leugnern in den Medien relativ viel Platz eingeräumt, weil die mit ihren Demonstrationen die stärkeren Bilder produzierten. Dem wollten wir etwas entgegensetzen. Und da uns klar war, dass wir in einer Pandemie nicht selbst demonstrieren konnten, kamen wir auf die Idee mit den Kerzen. Die Kerzen sollten zusammenstehen, an möglichst vielen Plätzen, jeden Sonntag ab 16 Uhr, und nicht die Menschen. Die Kerzen sollten sowohl die Corona-Toten betrauern und sie sichtbar machen. Sie sollten aber auch zeigen, dass wir mit den Corona-Leugnern nicht einverstanden sind, und gleichzeitig die deutsche Politik ermahnen, endlich wirklich nachhaltig gegen die Ausbreitung der Pandemie vorzugehen."

Tatsächlich wirft der 64-jährige Autor zusammen mit seinen Mitstreitern der Bundes- und den Landesregierungen in Deutschland vor, sie hätten die Pandemie viel zu lange nicht ernst genommen.

Der langjährige China-Korrespondent sagt: "Eigentlich war klar, dass das Virus hochgefährlich ist, als die chinesische Regierung am 23. Januar einen Lockdown über Wuhan verhängte. Doch als ich selbst am 12. Februar mit dem letzten Flug von Peking nach Berlin kam, gab es bei der Einreise keinerlei Gesundheitskontrollen. Keine Corona-Tests, keine noch so kurzfristige Quarantäne. Und so ging das immer weiter. Alle Maßnahmen wurden viel zu spät ergriffen und es wurde nur schleppend und zum Teil sehr schlecht informiert. Noch Anfang März hieß selbst aus dem Robert-Koch-Institut, Alltagsmasken seien überflüssig. Statt staatlicherseits alle auf Corona durchzutesten, die getestet werden wollen, muss man sich bis heute häufig selbst um Tests bemühen, bei privaten Stellen, wo man seine Tests selbst bezahlen muss. Es gibt bis heute keine überwachte Quarantäne; ob ein Infizierter wirklich zu Hause bleibt oder nicht, ist Glücksache. Und selbst nach 10 Monaten Pandemie gibt es jedes Wochenende keine verlässlichen Infektionszahlen, weil viele Gesundheitsämter finanziell schlecht ausgestattet und überfordert sind."

Auf die Einwohner umgerechnet mehr Tote in Deutschland als in China

Christian Y. Schmidt rechnet die derzeit mehr als 40.000 Corona-Toten in Deutschland um und vergleicht mit China: "Das sind im Moment fast 500 Corona-Tote pro eine Million Einwohner. In China sind 3 Corona-Tote pro eine Million Einwohner zu beklagen. Das heit, in Deutschland gibt es mehr als 160 mal so viele Corona-Tote wie in China, umgerechnet auf die Gesamtzahl der Bevölkerung. Dabei ist die Pandemie in China ausgebrochen. Dieses Verhältnis ist eigentlich unvorstellbar."

China als Vorbild?

Doch auch der Schriftsteller ist sich dessen bewusst, dass China nur bedingt als Vorbild gelten kann. "Wir sagen nicht, dass man alles in Deutschland hätte genauso machen sollen wie in China. Wir wissen, dass einige Sachen nicht gehen. Aber Menschen, die getestet werden wollen, kostenlos auf das Virus zu testen, an Grenzen zu testen und Quarantäne zu verhängen, Lockdowns auch kurzfristig auf Fabriken und Büros auszudehnen – also, dass die Leute während eines Lockdowns nicht zur Arbeit müssen - und einiges mehr, das ist auch in Deutschland möglich. Hätten die Regierungen diese Maßnahmen frühzeitig verhängt, wären Deutschland viele Corona-Tote erspart geblieben."

Veronika Radulovic
Autor Christian Y. Schmidt in BerlinVeronika Radulovic

"Mein Deutschlandbild hat sich verschlechtert"

Christian Y. Schmidt hat seine Sicht auf China in der Pandemie nicht verändert: "Ich war nach dem ersten Schreck doch recht zuversichtlich, dass man dort mit der Pandemie fertig werden würde. Mein Deutschlandbild hat sich allerdings verschlechtert. Ich war wirklich nicht darauf gefasst, wie dilettantisch man hier auf diese Herausforderung reagieren würde. Ich hatte fest erwartet, dass die Politik sei besser aufgestellt. Das war offenbar ein Irrtum."

Sobald es geht, will der Journalist zurück zu seiner Frau nach China. Er sagt: "Wenn die im Moment sehr teuren Flüge nach China wieder günstiger werden, werde ich mich sofort ins Flugzeug setzen und nach Peking fliegen. Ich kann es kaum erwarten."