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Weltkrebstag: Können Impfstoffe die andere Pandemie des 21. Jahrhunderts ausrotten?

Archiv: Mädchen wird gegen humane Papillomaviren geimpft, 2007
Archiv: Mädchen wird gegen humane Papillomaviren geimpft, 2007   -   Copyright  John Amis/AP
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2020 starben rund 10 Millionen Menschen an Krebs, mehr als fünfmal so viele wie am neuen Coronavirus, wie die anlässlich des Weltkrebstages veröffentlichten Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) enthüllen.

Patienten wurden Opfer der Corona-geschuldeten Notsituation - sie mussten miterleben, wie sie aufgrund der Überlastung der Gesundheitssysteme eine späte Diagnose erhielten oder sich der Beginn ihrer Behandlung verzögerte.

Bei 19,3 Millionen Menschen weltweit wurde im vergangenen Jahr eine Krebserkrankung diagnostiziert. Derzeit erkrankt einer von fünf Menschen im Laufe seines Lebens an Krebs. Die WHO warnt, dass diese Zahl bis 2040 um bis zu 50% steigen kann.

Könnten Impfstoffe - aktueller denn ja - nicht nur der Coronavirus-Pandemie ein Ende setzen?

Impfstoffe werden verabreicht, um eine dauerhafte Immunität zu erreichen, indem abgeschwächte oder inaktivierte Teile einer Krankheit geimpft werden, damit das Immunsystem lernt, sich selbst zu verteidigen.

Die einzige Krankheit, die durch eine Impfung vollständig ausgerottet wurde, waren die Pocken, ein Virus mit hoher Sterblichkeitsrate - 30% der Infizierten starben - und die durch das Auftreten von Pusteln gekennzeichnet waren, die eine tödliche Entzündungsreaktion auslösen konnten.

Die letzte Person wurde 1977 mit dieser Krankheit diagnostiziert, drei Jahre später bestätigte die WHO ihre Ausrottung.

Der Pocken-Impfstoff wurde aus Pferden isoliert: das den Pocken ähnliche Vacciniavirus wurde dann gesunden Menschen injiziert. Damit wurde ein milder Krankheitsverlauf erzeugt und das Immunsystem trainiert, bevor es von dem tödlichen Virus infiziert wurde.

Obwohl die Ausrottung der Pocken als Erfolgsgeschichte gilt, ist die Liste der Krankheiten, deren Verbreitung durch eine Impfung auf ein Minimum reduziert werden konnten, lang. Dazu zählen unter anderem Diphtherie, Poliomyelitis, Masern, Tetanus.

Impfstoffe gegen Krebs

Derzeit gibt es bereits Impfstoffe, die einige Arten von Krebs verhindern können. Die Herausforderung ist, dass die meisten Krebserkrankungen ihren Ursprung nicht in einem infektiösen Erreger wie einem Virus oder einer Bakterie haben, erklärt der Forscher Rubén Pío, Direktor des Solid Tumors Program an der Universität Navarra gegenüber Euronews.

"Wir müssen zwischen präventiven und therapeutischen Impfstoffen unterscheiden", sagt Pío, "der COVID-Impfstoff zum Beispiel ist präventiv, weil man ihn erhält, wenn man gesund ist, um die Abwehrmechanismen gegen den Infektionserreger zu aktivieren".

Das Immunsystem kann auch trainiert werden, sich gegen Viren zu verteidigen, die Krebs verursachen können, aber nur 25 Prozent der Krebsfälle werden nach Angaben der WHO durch eine Infektion verursacht. Daher gibt es nur wenige vorbeugende Impfungen gegen Krebs.

Am weitesten verbreitet sei der Impfstoff gegen das humane Papillomavirus (HPV), sagt Pío, eine Infektion, die unter anderem Gebärmutterhals- oder Rachenkrebs verursachen kann. Ein weiterer Impfstoff, der einige Fälle von Krebs, insbesondere Leberkrebs, verhindern kann, ist der Impfstoff gegen Hepatitis B.

Doch die Möglichkeiten der Impfung gegen Krebs beschränken sich nicht nur auf die Prävention. "Man kann auch therapeutische Impfstoffe verwenden, die dem Immunsystem beibringen, den Tumor zu erkennen, wenn er bereits vorhanden ist", erklärt der Forscher.

Pío nennt als Beispiel den Impfstoff Heberprovac zur Behandlung von fortgeschrittenem Prostatakrebs, der von kubanischen Wissenschaftlern entwickelt wurde und dessen klinische Studie 2019 verlängert wurde.

Ein weiteres Beispiel, so der Forscher, ist die Bacillus-Calmette-Guérin (BCG)-Therapie, eigentlich ein Lebendimpfstoff gegen Tuberkulose, der auch zur Behandlung von Blasenkrebs eingesetzt wird, "indem ein abgeschwächter Virus ähnlich dem der Tuberkulose injiziert wird, um eine Immunantwort zu erzeugen, die den Tumor angreift".

Unterschiedliche Krankheit für unterschiedliche Menschen

Eine große Hürde für eine Impfung gegen Krebs ist, dass die Krankheit sich im Genom jeder Person anders auswirkt, und nicht wie beim Coronavirus, das universell ist.

Bei Krebs, erklärt Pío, ist die geschädigte DNA von Mensch zu Mensch verschieden. Daher braucht man etwas Spezifisches für einen Tumor, um einen Impfstoff herzustellen, zum Beispiel gibt es kein universelles Antigen für alle Lungenkrebsarten.

"Nicht nur, dass kein Krebs dem anderen gleicht, er entwickelt sich auch bei ein und derselben Person weiter", sagt der Forscher, weshalb es Behandlungen gibt, die bei manchen Patienten nach einer Weile nicht mehr wirken. "In der Wissenschaft kann man nie nie sagen, aber es scheint schwierig zu sein, die Veränderungen eines spezifischen Tumors zu sequenzieren, um einen universellen Impfstoff herzustellen".

Die Forschung schreitet in Richtung personalisierte onkologische Medizin voran, dank des stetig wachsenden Wissens über das menschliche Genom und dank den Technologien, die eine Sequenzierung der spezifischen Veränderungen jedes Patienten ermöglichen, erklärt Pío.

Der Schlüssel zu all diesen Fortschritten - die in den Bereich der Immuntherapie fallen - ist zu verstehen, wie die körpereigene Abwehr auf den Angriff von Tumorzellen reagiert. Impfstoffe sind nur eine der Strategien, wie Pío betont.

Hoffnung in das Immunsystem

Krebs ist seit einem halben Jahrhundert die häufigste Todesursache, begann der japanische Immunologe Tasuku Honjo seine Dankesrede für den Nobelpreis für Medizin, und der Trend geht dahin, dass durch die gestiegene durchschnittliche Lebenserwartung immer mehr Menschen daran erkranken.

Es liege in der Entschlüsselung der Geheimnisse unseres hochentwickelten Immunsystems, dass diese Prognose nicht düster sei.

Das erklärte Hojo, als er 2018 die höchste Auszeichnung im Bereich der Medizin für seine Durchbrüche in der Krebsbehandlung durch Immuntherapie erhielt:

"Wie konnten wir ein so ausgeklügeltes Immunerkennungssystem entwickeln, das die Neuanordnung von Genen nutzt? Der Mechanismus dieser genetischen Neuanordnung muss sich zufällig entwickelt haben, wahrscheinlich vor etwa einer halben Milliarde Jahren, als sich die Wirbeltiere entwickelten. Von da an muss sie sich durch natürliche Selektion aufgrund des Vorteils, Infektionskrankheiten zu überleben, erhalten haben".

Er schlussfolgerte: "Wenn man bedenkt, dass die Wahrscheinlichkeit einer solchen Mutation und Selektion unglaublich gering sein muss, hat der Mensch großes Glück".

Die Fortschritte in der Medizin konzentrieren sich auf die Möglichkeit, dass uns unser "Glück" eines Tages gegen alle Arten von Krebs immunisieren kann.