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Tatort Kläranlage: Forscher suchen nach Virusmutanten im Abwasser

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Abwasserentnahme in Marseille
Abwasserentnahme in Marseille   -   Copyright  CHRISTOPHE SIMON/AFP or licensors
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Bei der Einschätzung der Coronalage schauen Wissenschaftler und Behörden nicht nur auf die Fallzahlen, sondern das Abwasser.

Die Wasseranalyse ist eine Art Frühwarnsystem: Denn so lassen sich - quasi in konzentrierter Form - erste Spuren des Virus ablesen, die durch menschliche Ausscheidungen ins Wasser gelangt sind.

Schon seit einigen Monaten untersuchen Forscher in ganz Frankreich Abwasserproben und sammeln Daten für das Netzwerk "Obépine".

"Wir entnehmen regelmäßig Proben, die der Menge des Abwassers entsprechen, das alle 24 Stunden in die Anlage gelangt", sagt der Direktor der Kläranlage in Pierre-Bénite bei Lyon, Baptiste Julien.

Die Proben werden anschließend ins Labor geschickt und genauestens analysiert, um die Viruslast und Anwesenheit etwaiger Mutationen genau zu bestimmen.

Der Pandemie um eine Woche voraus

Rund 150 Kläranlagen nehmen an dem nationalen Forschungsprogramm teil. Das kann dabei helfen, die Entwicklungsdynamik der Pandemie besser zu verstehen und vielleicht sogar den nächsten Höhepunkt der Ansteckungen vorherzusehen.

Wissenschaftler glauben, dass die Viruslast im Abwasser der Entwicklung der Pandemie um eine Woche voraus ist.

Veranschaulichen lässt sich dies am Beispiel einer Kläranlage in Marseille zu Beginn der zweiten Coronawelle: Während die Viruslast im Abwasser früh und stetig anzog, schoss die Zahl der positiven Tests erst mehrere Tage später, dafür aber ziemlich abrupt in die Höhe.

In Lyon sank die Viruslast im Abwasser zu Beginn des zweiten Lockdowns, zog im Dezember aber immer wieder an, während die Zahl der positiv getesteten Personen zurückging und bis in den Januar hinein konstant niedrig blieb.

Mutationen im Abwasser

Aktuell werden Abwässer ganz genau beobacht, um neue Virus-Varianten so schnell wie möglich zu identifizieren, erläutert der Virologe und Mitbegründer des "Obépine"-Netzwerks.

"In den Abwässern der Region Île-de-France und Paris war Anfang Januar die sogenannte britische Variante nicht vorhanden oder wurde zumindest nicht nachgewiesen. In den vergangenen Tagen und Woche hat ihr Anteil zugenommen. Heute weisen 25 bis 35 % der im Abwasser entnommenen Virusstämme eine spezifische Mutation auf".

Andere europäische Länder wie die Niederlande, Italien, Spanien, Luxemburg und die Schweiz haben ähnliche Überwachungsprogramme gestartet.

Mit Abwasseranalysen hätte der ursprüngliche Ausbruch der Pandemie schon vorzeitig entdeckt werden können.

Spätere Proben in Barcelona, Mailand und Turin zeigten, dass SARS-COV2- bereits einige Wochen vor den ersten nachgewiesenen Fällen im Abwasser vorhanden war.