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EU-Rettungspakete: Wie reagieren Unternehmen und Finanzmärkte?

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EU-Rettungspakete: Wie reagieren Unternehmen und  Finanzmärkte?
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Die EU finanziert ihre Pandemie-Rettungspläne durch die Ausgabe von Anleihen in Milliardenhöhe - was bedeutet das für kleine Unternehmen und für die europäischen Finanzmärkte? Das ist das Thema dieser Folge von Real Economy.

Ein Jahr nach dem Pandemie-Ausbruch und Lockdowns in ganz Europa recherchiert Real Economy, was die EU-Rettungspläne nicht nur für kleine Unternehmen bedeuten, sondern auch für die europäischen Finanzmärkte. Euronews-Reporter Guillaume Desjardins hat sich in Slowenien angeschaut, wie die EU-Initiative SURE dabei hilft, Menschen in Arbeit zu halten.

Wie werden die milliardenschweren EU-Rettungspakete finanziert?

Aber zuerst geben wir Ihnen einen Überblick darüber, wie die milliardenschweren EU-Rettungspakete finanziert werden.

Die Corona-Pandemie hat die europäische Wirtschaft erschüttert. Die EU-Konjunkturpakete SURE und NextGenerationEU (Europäischer Aufbauplan) helfen den Ländern beim Aufbau widerstandsfähigerer Volkswirtschaften.

Um sie zu finanzieren, nimmt die Europäische Union in den nächsten 5 Jahren Anleihen im Wert von bis zu 850 Milliarden Euro auf. Die Kreditaufnahme auf europäischer Ebene bedeutet, dass die Volkswirtschaften aller EU-Länder eine Unterstützung erhalten.

Es ist das erste Mal, dass die EU Anleihen in einem so großen Umfang aufnimmt. Das macht sie zum neuen Big Player auf dem Markt für Staatsanleihen. Und das hilft, die internationale Position des Euro zu untermauern. Die hohe Kreditwürdigkeit der EU und ihre Einstufung als sehr zuverlässiger Schuldner hat zur Folge, dass Investoren mehr Vertrauen in den Kauf von EU-Anleihen haben.

Diese beinhalten soziale und grüne Anleihen, d.h. diese Mittel werden für soziale oder grüne Projekte eingesetzt. Sie werden bis 2058 zurückgezahlt.

Slowenien hat bisher mehr als 1 Milliarde Euro an Notkrediten erhalten

Rund 2 Millionen Unternehmen konnten ihre Mitarbeiter weiter beschäftigen - dank der SURE-Initiative der Europäischen Kommission. Slowenien gehört zu den 18 Ländern, die davon profitieren - und bisher mehr als eine Milliarde Euro an Notkrediten erhalten haben. Eronews-Reporter Guillaume Desjardins hat eine Pizzeria in der Hauptstadt besucht, die trotz des neuen Lockdowns für Bestellungen geöffnet ist.

Greg Yurkovich kehrte 2010 aus den USA in seine Heimat Slowenien zurück. Er eröffnete zunächst ein Restaurant, dann ein weiteres in Ljubljana. Ein Jahr später hatte er dreißig Mitarbeiter. Dann kam die Pandemie und der Lockdown. Seine Angestellten mussten sechs Wochen zu Hause bleiben. Der Restaurantbesitzer wollte seine eingespielten Mitarbeiter so lang wie möglich halten:

"Wir mussten unsere Leute aus vielen Gründen halten: Wir haben eine Fürsorgepflicht für sie und wie sollen wir wiedereröffnen, wenn wir sie entlassen? Wie sollen wir sonst das Geschäft am Laufen halten?"

Als die Restaurants wieder öffneten, waren seine Angestellten sofort verfügbar, wie die Bedienung im Pop's Place Saša Cencič bestätigt: "Oh ja! Natürlich, vor allem mit einer Firma, die einem hilft, das macht es einfacher, sofort wieder zur Arbeit zu gehen."

Die slowenische Regierung konnte auch dank des Sure-Programms der EU Kurzarbeitsregelungen einführen. Das hilft Unternehmen, ihre Mitarbeiter in der Coronakrise zu halten.

SURE hat bereits Millionen Arbeitsplätze gesichert

Neben diesen Kellnern und Köchen konnten in den 18 Ländern, die bisher SURE-Mittel erhalten haben, zwischen 25 und 30 Millionen Arbeitsplätze in der Coronakrise gesichert werden.

Finanzierung durch Euro-Anleihen

Der nächste Schritt ist das EU-Konjunkturprogramm - bekannt als NextGenerationEU.

Diesmal sind es nicht 100 Milliarden Euro, sondern sogar 750 Milliarden Euro - in Form von Zuschüssen und Darlehen - die an die EU-Länder verteilt werden.

Die SURE-Initiative wird durch die Ausgabe von EU-Anleihen in einem noch nie dagewesenen Umfang finanziert.

Die Finanzierung des Aufbauplans wird breiter gefächert sein, aber auch weitgehend durch die Ausgabe von Anleihen auf EU-Ebene finanziert. Guillaume Menuet, leitender Ökonom für den Euroraum bei der Citigroup:

"Wir erwarten, dass wir für jeden Euro, den wir ausgeben, innerhalb von 5 oder 10 Jahren 2, 3, 4 Euro zurückbekommen werden, je nach Investitionsentscheidungen. Diese Kredite werden natürlich durch erhöhtes Wirtschaftswachstum zurückgezahlt werden, aber auch durch neue Besteuerungsformen, die die EU derzeit vorschlägt. Wir warten den nächsten EU-Haushalt ab, bevor wir uns darüber Gedanken machen."

Diese EU-Anleihen sind öffentliche Schulden. Aber nicht die der einzelnen EU-Länder - sondern der Europäischen Union als Ganzes. Jetzt kann man sich fragen - ist die EU nicht die Summe ihrer Mitgliedstaaten? Ja - aber die Kreditaufnahme unter der Flagge der EU beruhigt die Investoren. Es bedeutet auch, dass alle EU-Länder gleichermaßen vom Aufschwung profitieren können.

Das führt auch zu niedrigeren Zinssätzen und in der Folge zu niedrigeren Kosten für die Erholung. Die Nachfrage nach SURE-Anleihen war bisher mehr als 10-mal so groß wie das Angebot - ein gutes Vorzeichen für die EU-Anleihen des Aufbauplans. Sie sollen bereits in diesem Sommer ausgegeben werden - wenn die Europäische Kommission grünes Licht gibt.

Interview mit dem EU-Kommissar für Haushalt und Verwaltung Johannes Hahn

In Brüssel spricht euronews-Reporterin Naomi Lloyd mit dem EU-Kommissar für Haushalt und Verwaltung Johannes Hahn über die Kreditaufnahme der EU zur Finanzierung der Konjunkturpakete.

Euronews:

Herr Kommissar, vielen Dank, dass Sie unser Gast bei Real Economy sind. Wann wird die Kommission mit der Kreditaufnahme für den Konjunkturfonds beginnen?

Johannes Hahn, EU-Kommissar für Haushalt und Verwaltung:

Aus unserer internen Sicht sind wir bis Anfang Juni bereit. Ich hoffe, und es gibt bisher nichts, was dieses Ziel infrage stellt, dass wir zu Beginn des zweiten Halbjahres anfangen können, an die Kapitalmärkte zu gehen.

Euronews:

Sie sagen, es gibt bisher nichts, was das in Fage stellt, aber es gibt zwei Probleme: Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat den Corona-Wiederaufbaufonds vorerst gestoppt. Und Polen droht, ihn nicht zu ratifizieren. Wie ernst nehmen Sie diese Drohungen?

Johannes Hahn:

Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass er auch von Karlsruhe bestätigt werden wird - aber zunächst einmal ist es wichtig, dass sie ihre Vorbehalte aufgeben. Und auch in diesem Punkt bin ich zuversichtlich, dass das zu gegebener Zeit geschehen wird. Wenn man in der Politik ist, muss man optimistisch sein, und meistens liege ich damit richtig.

Euronews:

Die Anleihen, die für SURE ausgegeben wurden, waren sehr erfolgreich. Wie zuversichtlich sind Sie, dass das Interesse der Investoren auch für NextGenerationEU anhalten wird?

**Johannes Hahn:

**

Alles in allem gab und gibt es ein riesiges Interesse, weil man den Euro und die Europäische Union auch als eine sichere Anlage, als einen sicheren Hafen betrachtet. Und das ist in Zeiten wie diesen sehr wichtig. Es gibt offenbar auch ein starkes Interesse daran, eine Alternative zum Dollar zu schaffen, nicht um zu konkurrieren, sondern um wirklich eine Alternative zu haben.

Euronews:

Welche internationalen Auswirkungen hat das für den Euro?

Johannes Hahn:

Es wird enorme Auswirkungen geben. Wir werden mehr als 800 Milliarden ausgeben - in Euro-Anleihen - und das in einer Größenordnung, wie wir es in der Vergangenheit nie getan haben. Das wird sicherlich einen enormen Einfluss auf die Rolle des Euro haben. Auch am Kapitalmarkt weltweit – das wird den Euro als echte Alternativwährung stärken. Und deshalb hat der Wiederaufbaufonds nicht nur eine sehr starke wirtschaftliche, sondern auch eine politische Tragweite.

Cutter • Sebastien Leroy

Weitere Quellen • Produktion: Camille Cadet; Kamera Brüssel: Pierre Holland & Jorne Van Damme; Kamera Ljubljana: Matthieu Bacques; Motion Design: NEWIC (https://www.agence-newic.com/)