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Heute vor 50 Jahren: Als "Schwarzer September" die Olympischen Spiele von München stahl

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Von Anja Bencze  & Euronews
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Hostessen und Besucher stehen neben den Olympischen Ringen anlässlich des 50. Jahrestages der Olympischen Sommerspiele 1972 in München
Hostessen und Besucher stehen neben den Olympischen Ringen anlässlich des 50. Jahrestages der Olympischen Sommerspiele 1972 in München   -   Copyright  Christof STACHE / AFP

Für meinen Vater ging 1972 ein Lebenstraum in Erfüllung: Er durfte die Olympischen Spiele in München live miterleben - als Fernsehtechniker hinter den Kulissen. 

Für den Sportfan und Ingenieur, der als TV-Pionier beim SFB quasi die Enstehung des modernen Fernsehens mitgestaltete, war es der absolute Höhepunkt seiner Karriere. 

Das traf sich gut, denn München sollte das schönste und größte Olympiafest der Neuzeit werden, dank gigantischer Übertragungstechnik und waghalsiger Architektur Spiel, Spaß und Freude in alle Welt bringen.

Doch dann bereitete der Anschlag des palästinensischen Terror-Kommandos "Schwarzer September" auf die israelische Olympia-Mannschaft den "heiteren Spielen" ein jähes Ende. Es begann als Geiselnahme am Morgen des 5. September 1972 und endete mit der Ermordung aller elf israelischen Geiseln sowie mit dem Tod von fünf Geiselnehmern und einem Polizisten - vor den Augen der Welt. 

Ein einschneidendes Erlebnis, das bis heute bewegt, 50 Jahre danach. Mein Vater, Gábor Bencze, Jahrgang 1936, erinnert sich an den bewegendsten Sommer seines Lebens.

Olympia im Fernsehen - ein Kraftakt

Olympia in München sollte in vielerlei Hinsicht Geschichte schreiben, auch als multimediales Großereignis. Ein Spiegel-Artikel von Januar 1972 berichtete vom technischen Aufwand: 26 Farb-Übertragungswagen aus fünf Ländern , 40 Kamera-Teams, 150 elektronische Farbkameras, 380 Sprecherplätze für TV-Reporter, 32 Schneideräume, acht Farbstudios und 1450 bundesdeutsche Fernsehleute.

Mein Vater war einer von ihnen, gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen vom damaligen Berliner Rundfunksender SFB. 

"Die Spiele gingen vom 26.8. bis 11.9., ich war etwa zwei Wochen vor Beginn vor Ort, also insgesamt 4 Wochen. Der SFB betreute alles, was für Deutschland produziert und gesendet wurde. ARD und ZDF sendeten in täglichem Wechsel rund 16 Stunden am Tag. Das heißt, die Technik und das Equipment blieb, aber die Journalisten und Moderatoren wechselten. Zusätzlich gab es das sogenannte Weltprogramm, für das von allen Sportstätten alles aufgezeichnet und gesendet wurde, die EBU usw.

Wir waren im Deutschen Olympia-Zentrum (DOZ) untergebracht, auf dem Gelände des Olympiaparks. Alle deutschen Anstalten hatten da ihre Leute und ihre Technik hindelegiert. Da wurden kilometerweise Video- und Ton- und Steuerkabel verlegt. Dann kamen die Maschinen und die Kameras.  Das waren damals noch große 'Klopper', Ü-Wagen und Kameras und natürlich Videoaufzeichnungsanlagen, zum Teil noch mit Röhrentechnik."

imago sportfotodienst/imago/ZUMA Press/Keystone
Damals hoch modern: Das olympische Pressezentrum © Münchner Stadtmuseumimago sportfotodienst/imago/ZUMA Press/Keystone

WG mit Besuchszimmer

In Olympia-München zeigte sich Deutschland 36 Jahre nach der Nazi-Olympiade in Berlin von seiner entspanntesten Schokoladenseite: Es waren die 70er, alles schön bunt, Schlaghosen, Miniröcke, Langhaarfrisuren. 

Die Unterbringung erfolgte in frisch für die Spiele erbauten Wohnungen. Für das junge TV-Team ein Riesenspaß. Es wurde gemeinsam gearbeitet, gekocht und die Welt verändert, wie in einer echten WG.

"Diese vielen Leute mussten dort natürlich untergebracht werden, 20 bis 30 Menschen alleine aus Berlin vom SFB jeglichen Geschlechts, Cutterinnen und Cutter, Ingenieure.

Gleichzeitig mit dem Olympiapark mit den Gebäuden für die Sportlerinnen und Sportler, dem olympischen Dorf mit Krankenhaus usw. wurde direkt am Olympiagelände ein kleiner Stadtteil gebaut mit Wohnungen, die haben wir sozusagen 'trocken gewohnt'. Vorher wurde nach einem Plan verteilt, welche Kolleginnen und Kollegen zusammen wohnen wollten, vier bis 6 Personen maximal. Wir hatten ein Plus-Zimmer für Besucher. Es kamen regelmäßig die Partner:innen der Kolleg:innen." 

Astrid VELLGUTH / AFP
Wohngebäude und Bungalows im olypischen Dorf, die heute als Studentenwohnungen genutzt werden,Astrid VELLGUTH / AFP

Ausflüge und Autogramme, Stimmung heiter

"Wir waren alle sehr begeistert. Ganz München war ja aufgekratzt und fröhlich. Wir haben versucht, es so zu organisieren, dass wir gleichzeitig frei haben und gemeinsam die Sportstätten besuchten oder Ausflüge machten. 

Alle Mitarbeiter von der Technik aber auch vom Sport waren nach einem bestimmten Farbschema eingekleidet. Wir die Techniker hatten so silberfarbene Anoraks und Hosen und grüne Hemden, diese berühmten Schiebermützen, Olympiamützen.

Einmal sind wir gemeinsam an einem Wochende eingekleidet in unseren Olympiaanzügen nach Andechs gefahren. Da ist ein Kloster mit einer Bierbrauerei mit Biergarten. Und als wir dann mit der S-Bahn zurückfuhren, haben wir Autogramme an die Mitfahrenden verteilt, weil sie dachten wir sind berühmte Sportler - weil wir die Uniform anhatten."

© Münchner Stadtmuseum
Werbeprospekt "Die Olympia-Sonnenbrillen", Metzler international© Münchner Stadtmuseum

Eine gewisse Ähnlichkeit mit Mark Spitz

Einer der Helden der Spiele war der Ausnahmeschwimmer Mark Spitz, der in München Sportgeschichte schrieb und insgesamt sieben Goldmedaillen holte. Darüber freute sich nicht nur er. 

"Ich hatte irgendwie eine kleine Ähnlichkeit mit Mark Spitz, weil ich auch so einen schwarzen Schnurrbart hatte und welliges schwarzes Haar. Und es gab in den Supermärkten olympische Medaillen aus Schokolade, aber in Goldfolie eingewickelt. Und immer, wenn der Mark Spitz eine neue olympische Medaille gewonnen hat, habe ich mir eine aus Schokolade umgehängt."

AP/1972 AP
Mark SpitzAP/1972 AP

Und dann kam der 5. September:  "Es war gespenstisch"

Hatte es im Vorfeld igrendwelche Warnungen gegeben, Sicherheitshinweise oder gar ein spezielles Training? Mein Vater kann sich an nichts dergleichen erinnern. "Nichts, überhaupt nichts. Das waren ja die fröhlichen Spiele - und die sollten auch so bleiben."

"Von der Geiselnahme erfuhr ich, als ich früh Morgens zum Dienst ging. Oder vielleicht hatte die Schicht schon begonnen. Jedenfalls, ich habe es miterlebt, als es passiert war, und es war gespentisch. In kürzester Zeit wurde die ganze journalistische Besatzung ausgetauscht. 

Vorher waren die Sportreporter da, und die haben auch angefangen zu berichten, und plötzlich kamen dann die berühmten politischen Reporter und Moderatoren. Die Spiele wurden in kürzester Zeit unterbrochen - und es war für uns gespenstisch."

Kurt Strumpf /Copyright 2016 The Associated Press
Terrorist auf dem BalkonKurt Strumpf /Copyright 2016 The Associated Press

Dachkamera filmt Terroristen live

"Unser Studio war fast gegenüber dem Gebäude, wo die Geiselnahme stattfand. Man konnte natürlich aus dem Fenster nicht rausgucken. Studios sind ja ohne Fenster.

Es wurde sofort eine Kamera aufs Dach gestellt, auf das Studiodach und der berühmte Balkon ständig aufgenommen, wo immer wieder dieser schreckliche maskierte Terrorist rauskam."

Schnell waren andere Kamerateams rund um das Gebäude positioniert und filmten das Geschehen live. Ein fataler Fehler.

"Es hat ein bis zwei Tage gedauert, ich kann nicht genau sagen, wie lange, bis jemandem eingefallen ist, dass das, was wir sehen, eingespeist wurde in das Kabelnetz von Olympiapark. Das heißt, die Terroristen konnten sich selbst sehen - auf dem Fernsehmonitor - und wussten ganz genau, was man von ihnen weiß. Das hat man dann gekappt."

AP/1972 AP
Ausgbrannter Hubschrauber nach der gescheiterten GeiselnahmeAP/1972 AP

Blutiger Ausgang des Geiseldramas

"Am Ende der Schicht sind wir in voller Angst und Entsetzen wieder nach Hause gegangen und haben natürlich nichts anderes als Thema gehabt, was jetzt zu machen ist. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange das Ganze gedauert hat, ein zwei Tage.

Wir haben dennoch einen gemeinsam Ausflug gemacht, vielleicht nach Bad Füssen oder nochmal zur Brauerei Andechs. Jedenfalls dort unterwegs haben wir im Radio plötzlich die befreiende Nachricht gehört, dass alle Geiseln befreit sind. Was eine Falschmeldung war. Fast alle waren abgemurkst. Es war schlimm."

Auf einen derartigen Anschlag war München nicht vorbereitet und kaum Einsatzkräfte vor Ort, auch, weil man der Welt ein friedliebendes Deutschland zeigen wollte und keine bis auf die Zähne bewaffneten Polizisten. Und weil ein Attentat von der Größenordnung völlig undenkbar schien. 

Nach der kurzen Unterbrechung beschloss das Olympische Kommitee, die Spiele fortzusetzen, starker Kritik zum Trotz. Israel hatte der Fortsetzung zugestimmt. Aber mehrere israelische Athleten reisten dennoch ab.

AP/AP
Trauerveranstaltung nach dem Attentat in MünchenAP/AP

Danach: Normal weiter mit Tunnelblick

"Mussten wir ja. Wir haben so weiter gemacht aber natürlich die Stimmung war betrübt. Es war erschütternd. Und wir fanden es entsetzlich, dass die Behörden das so dilettantisch gehandhabt haben.

Damit war schlagartig die ganze fröhliche Stimmung beendet. Aber die Sportler, die haben ja den Tunnelblick, die haben ihre Wettkämpfe weiter durchgezogen. Und im Fernsehen wurde auch einfach weiter gesendet. Es musste ja alles versendet werden.

Es war der Beginn der großen Geiselnahmen für Deutschland. Etwas Ähnliches hatte es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben, das machte die RAF erst ein paar 5 Jahre später." 

Als Folge dieses Attentates wurde die GSG9 gegründet, eine Spezialtruppe, die für solche Geiselbefreiungen ausgebildet war. Sie sollte dann auch im Ausland eingesetzt wurden.

Es war auch das erste Attentat gegen Juden in Deutschland seit dem Ende des 2. Weltkriegs. Unfassbar für jene, die die Nazi-Zeit miterlebt und überlebt hatten. Nie wieder sollten jüdische Mitmenschen auf deutschem Boden bedroht oder verfolgt werden. 

Wie konnte das nur geschehen? Um das Andenken, die Verantwortung der Deutschen und eine angemessene Entschädigung kämpften die Angehörigen der Opfer jahrzehntelang und hatten zunächst eine Beteiligung an der diesjährigen Gedenkfeier ausgeschlossen. Nur wenige Tage vor dem 50. Jahrestag kam es dann doch zu einer Einigung zwischen der Bundesregierung und Vertretern der Familien über eine Entschädigung in Höhe von rund 28 Millionen Euro - wohl auch, um den Weg für eine Beteilgung an der Gedenkfeier freizumachen.

AP Photo/Martin Meissner
Junge Menschen genießen das warme Sommerwetter am Abend vor dem Olympiastadion während der Europameisterschaft in München, (11. AUgust 2022)AP Photo/Martin Meissner

Ein Lebenstraum, bei Olympia dabei zu sein

Die Ereignisse in München, der Zwiespalt zwischen wunderbarsten Erlebnissen und erschütternstem Horror sollten meinen Vater, ein Kriegskind, 1936 in Budapest geboren, 1956 nach Deutschland geflohen, noch lange beschäftigen.

Trotzdem freut sich der Sport- und Technikfan bis heute, in München mit dabei gewesen zu sein.

"Wir haben versucht, möglichst viel von den interessanten Sportkämpfen mitzuerleben. Auch in der Schwimmhalle, da wurden ja unzählige Weltrekorde gebrochen.

Ich habe damals immer gesagt: Ich bin 1936 geboren, als in Deutschland die Olympischen Spiele waren, dann 36 Jahre später war ich 1972 München, und wenn dann wieder in Deutschland Olympia ist, das habe ich nach einigen Jahren gesagt, als Deutschland sich beworben hat im Jahr 2000, da bin ich wieder dabei und dann höre ich auf zu arbeiten. Und leider hat Berlin nicht die Spiele bekommen, aber ich habe aufgehört zu arbeiten. 2000."