Lieber Mauritius als Mallorca? Wie die Hitzewellen unseren Sommerurlaub verändern

Strand von Alcudia auf Mallorca (Archivfoto)
Strand von Alcudia auf Mallorca (Archivfoto) Copyright Christof Stache /AP
Von Thomas GahdeIlaria Federico, dpa
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Hat der klassische Sommerurlaub am Mittelmeer noch eine Zukunft? Das fragen sich nicht nur deutsche Reisende, die gerade bei Temperaturen um 40 Grad Celsius in südeuropäischen Gefilden Erholung suchen. Die Antworten liefern Experten im Euronews-Interview.

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Die Tourismusindustrie, die einen wesentlichen Beitrag zum europäischen Bruttoinlandsprodukt leistet, könnte durch den Klimawandel erheblichen Belastungen ausgesetzt sein. 

Diese Annahme ist mehr als eine bloße Befürchtung, denn sie wird von einer Studie der EU-Kommission mit Zahlen und Fakten unterstützt.

Das könnte den Kontinent perspektivisch hart treffen, zumal die jüngsten Hitzewellen mit Temperaturen um und sogar über 40 Grad Celsius im Mittelmeerraum für große Unsicherheit hinsichtlich der Buchungszahlen gesorgt haben. 

Spanien, Italien und Griechenland gehören zu den EU-Ländern, deren Wirtschaft besonders stark auf den Tourismussektor ausgerichtet ist. 

Die Studie der EU-Kommission wurde durchgeführt von David Garcia León, Analyst für Klimaauswirkungen und -anpassungspolitik bei der Europäischen Kommission. Er stellte für Europa ein klares Nord-Süd-Muster bei der Veränderung der touristischen Nachfrage fest, wobei die nördlichen Regionen vom Klimawandel profitieren und die südlichen Regionen mit einem erheblichen Rückgang der touristischen Nachfrage konfrontiert sind.

"Kein Rückgang, aber Veränderung"

Jean-Pierre Mas, Präsident des französischen Reisebüroverbandes "Entreprises de Voyage", widerspricht: "Es wird keinen dramatischen Rückgang geben. Stattdessen wird es eine allmähliche Veränderung geben. Wie wird diese Veränderung ablaufen? Sie wird in zwei Bewegungen oder in zwei Phasen erfolgen, wenn ich das so sagen darf. Einerseits werden die Franzosen, die in diesem Sommer sehr unter der Hitze gelitten haben, versuchen, etwas weniger heiße Reiseziele zu finden, d. h. weniger in Richtung Süden und etwas mehr in Richtung Norden, sei es Nordfrankreich, aber auch in Nordeuropa, d. h. Reiseziele, in denen es im Juli und August nicht so heiß ist. 

Mauritius zum Beispiel ist heute das neuntwichtigste Sommerreiseziel der Franzosen, obwohl in Mauritius im Juli und August Winter herrscht. Es gibt also Verhaltensänderungen, die sich langsam vollziehen. Das bedeutet aber nicht, dass der Tourismus in Ländern wie Griechenland, Spanien und Italien zusammenbrechen wird. Die Saison wird sich nicht auf Juli und August beschränken. Sie wird sich über den Frühling und den Herbst erstrecken. Was bedeutet das? Im Frühling wird man nach Andalusien reisen, im Frühling oder Herbst auf die griechischen Inseln und im Sommer etwas weniger."

Europa ist nach Berechnungen der Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) die meistbesuchte Region der Welt. Im Jahr 2020 wurden in Europa 41 Prozent aller Einnahmen des Weltgeschäfts generiert und 51 Prozent aller internationalen Ankünfte registriert - das entspricht 582 Millionen Touristen. 

Wenn Lauterbach aus dem Italien-Urlaub twittert...

Für Irritationen sorgte in Italien ein Tweet des deutschen Gesundheitsministers Karl Lauterbach, der sich aus seinem Urlaub in der Toskana meldete. Lauterbach schrieb:

"Die Hitzewelle ist spektakulär hier. Wenn es so weiter geht werden diese Urlaubsziele langfristig keine Zukunft haben. Der Klimawandel zerstört den Süden Europas. Eine Ära geht zu Ende." 

Lauterbach berief sich in seinem Tweet auf eine Europa-Wetterkarte der Helmholtz-Klima-Initiative.

Gregorio Borgia/AP
Urlaubende suchen in Rom händeringend Abkühlung am Eingang zum Kolosseum am 18. Juli 2023Gregorio Borgia/AP

Italien zerstreut deutsche Bedenken

Die Reaktion von Italiens Tourismusministerin Daniela Santanchè folgte prompt: "Ich möchte dem deutschen Gesundheitsminister dafür danken, dass er Italien als Reiseziel gewählt hat, das ja schon immer das bevorzugte Urlaubsziel seiner Landsleute war. Wir sind uns sicher, dass die Deutschen den Italienurlaub immer weiter schätzen werden." Man sei sich in Italien des Klimawandels bewusst, der nicht nur Südeuropa, sondern den gesamten Planeten betreffe. 

Italiens Tourismusverband: "Schwer, noch einen Platz zu finden"

Noch selbstbewusster und optimistischer äußerte sich der Präsident des Italienischen Reise- und Tourismusverbandes Fiavet, Giuseppe Ciminnisi: "Sicherlich hat sich der Tourismus im Namen einer größeren Nachhaltigkeit verändert, aber als organisierte Tourismusunternehmen versichern wir Minister Karl Lauterbach, dass er, wenn er weiter in den Süden reisen möchte, etwa nach Sizilien, Apulien, Kalabrien, selbst in diesem heißen Klima nur schwer einen Platz finden wird."

Italiens Devise: Bange machen gilt nicht

Ciminnisi fuhr fort: "Die klimatischen Veränderungen werden die Menschen nicht davon abhalten, ans Meer, in die Berge oder an den See zu fahren, Städte zu erleben, die zum Weltkulturerbe gehören, neue Orte zu entdecken und Speisen zu probieren, die es anderswo nicht gibt. Seit Odysseus ist das Reisen im Mittelmeerraum ein unverzichtbarer Faktor für die Bereicherung des Menschen."

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Touristen warten in der Mittagshitze auf dem Petersplatz, um einen Blick auf Papst Franziskus zu erhaschenAndrew Medichini/Copyright 2023 The AP. All rights reserved

Keine abrupte Verlagerung von Süd nach Nord

Dennoch verlagere sich das Interesse vieler Urlauber in Europa, zwar sehr langsam, aber spürbar, sagte der Präsident des französischen Reisebüroverbandes, Jean-Pierre Mas im Euronews-Interview:

"In diesem Sommer sind die gewählten Reiseziele (der Franzosen Anm. d. Red.) an erster Stelle Griechenland, an zweiter Spanien und an dritter Tunesien, also die drei heißesten Länder, und die Antillen. Ja, es gab einen Anstieg der Besucherzahlen z. B. in Skandinavien, und es gab für den französischsprachigen Tourismus einen Anstieg der Besucherzahlen in Hauts de France, dem nördlichen Teil Frankreichs, oder im Elsaß. Aber man kann nicht sagen, dass es eine Rückzugsbewegung vom Süden in den Norden gegeben hat. Diese Bewegung wird allmählich erfolgen und nicht auf einen Schlag,es wird keinen abrupten Prozess geben. Aber die Tourismusfachleute in Ländern wie Spanien, Griechenland und Tunesien müssen sich darauf einstellen, dass die Besucherzahlen im Juli oder August geringer und im Juni und September sicherlich künftig höher sein werden."

"Relativ guter Sommer für Spanien, Griechenland und Italien"

Es gibt aber auch noch einen anderen, ganz einfachen Grund, warum die südeuropäische Tourismusindustrie nicht in Pessimismus verfällt. Das sind die Gewohnheiten der Urlauber, die oft monatelang im Voraus ihre Reise buchen. 

Olivier Ponti von der Beratungsfirma Forward Keys erläuterte im Euronews-Interview: "Ich denke, die Situation ist ermutigend für Reiseziele wie Spanien, Griechenland und Italien, die trotz allem einen relativ guten Sommer haben dürften. Warum? Weil die Buchungen für die Sommersaison in der ersten Jahreshälfte getätigt wurden, so dass sich die aktuellen Ereignisse vor allem auf Last-Minute-Buchungen auswirken werden, und diese machen eine Minderheit der Buchungen aus. Ich denke also, dass Reisebüros und Reiseveranstalter in diesen Gebieten in der Lage sein sollten, im Sommer gute Geschäfte zu machen. An den am stärksten betroffenen Orten, ich denke da an Orte wie Rhodos oder Sizilien, wird die Situation natürlich schwieriger sein, denn dort gibt es in der Tat massive Stornierungswellen, einfach weil es unter den derzeitigen Umständen nicht möglich ist, einen angenehmen Sommerurlaub zu verbringen."

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Die Aussicht auf angenehmere Sommerwetterlagen ist eher bescheiden: "Man muss sich generell darauf einstellen, dass es noch heißer und tendenziell trockener wird", sagte der Klimaexperte Hans-Martin Füssel von der EU-Umweltagentur EEA in Kopenhagen.

Zudem heizten sich viele der beliebten Städte im Süden besonders schnell auf, so dass deren Einwohner selbst an die Küsten oder in die Siesta fliehen. Wetterlagen hielten sich im Sommer in Europa auch immer länger, sagte Füssel: "Eine Hitzewelle ist dann nicht nach ein, zwei, drei Tagen vorbei, sondern hält deutlich länger an." Hinzu kämen heftigere Regenfälle.

Der Deutschen liebste Urlaubsländer

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden bestätigte am 17. Juli 2023: Die beliebtesten Ziele der Deutschen für Reisen ins Ausland im Jahr 2022 waren Italien (14 %), Österreich (14 %), Spanien (11 %), Frankreich (7 %) und die Niederlande (7 %). 

Diese fünf Länder behaupteten sich sowohl vor als auch während und nach der Pandemie als die Top-Auslandsziele der Reisenden aus Deutschland. 

Massenhafte Stornierungen angesichts der Hitzewellen in Teilen Spaniens und Italiens gebe es nicht, sagte Reisespezialist Olivier Ponti im Euronews-Interview: "Überall dort, wo die Temperaturen hoch sind, sehen wir keine Stornierungswellen, aber deutlich weniger neue Buchungen. Und es gibt eine Verschiebung hin zu den Reisezielen, die es den Besuchern ermöglichen, ihren Urlaub zu genießen, ohne die meiste Zeit in klimatisierten Räumen verbringen zu müssen. Man darf nicht vergessen, dass wir uns immer noch in einer Phase der Erholung nach der COVID-Krise befinden. Reiseziele wie Südeuropa, Italien, Spanien und Griechenland profitieren sehr stark vom Wiederaufschwung der Reisenachfrage. Im Falle Griechenlands werden bereits mehr Besucher erwartet als vor der Pandemie. Und im Falle Italiens und Spaniens haben diese Länder das Niveau von vor der Pandemie fast wieder erreicht. Das Gesamtbild war also für diese Reiseziele sehr positiv. Und die meisten Besucher halten sich auch an ihre Buchungen. Ich denke also, dass die Sommersaison unabhängig von den Hitzewellen, den Waldbränden und den Regenfällen gut verlaufen wird. Die katastrophalen klimatischen Ereignisse, die wir derzeit erleben, werden sich vor allem auf die Last-Minute-Buchungen auswirken, nicht aber auf den Großteil der Buchungen. Ich denke also, dass es eine gute Saison werden dürfte."

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Wichtiger Wirtschaftsfaktor: Urlauber aus Übersee

Auch nach Angaben der European Travel Commission, einer Nichtregierungsorganisation, die weltweit für Europa als Reiseziel wirbt, ist der europäische Reisemarkt grundsätzlich im Aufwind. Bezogen auf Ankünfte von Reisenden in Europa habe man in diesem Jahr bereits 95 Prozent des Niveaus von 2019 erreicht. 

Die hohe Verbrauchernachfrage halte sich trotz hartnäckiger Inflation und steigender Reisekosten. Dies sei auch Urlaubern aus den USA geschuldet, die vor allem vom günstigen Wechselkurs profitierten. Besonders große Zuwächse von Touristen aus den USA erleben laut der European Travel Commission Portugal (+79%), die Türkei (+78%), und Montenegro (+43%).

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Der Strand von Oeiras nahe Lissabon am 19. Juli 2023Armando Franca/Copyright 2023 The AP. All rights reserved

Generell liegen Länder im Trend, denen ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis nachgesagt wird. Auswertungen der European Travel Commission bis einschließlich Mai 2023 haben ergeben, dass besonders vier Länder von diesem Ruf profitieren:Serbien (mit 27% Zuwachs im laufenden Jahr), Bulgarien (+21%), Montenegro (+12%) und die Türkei (+9%).

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