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Antizyklone, Hitzeglocken und der Klimawandel: Was hinter dem brutalen Hitzesommer in Europa steckt

Ein Dorfbewohner steht auf Rhodos vor den Flammen. Griechenland kämpft gegen anhaltende Waldbrände.
Ein Dorfbewohner steht auf Rhodos vor den Flammen. Griechenland kämpft gegen anhaltende Waldbrände. Copyright Angelos Tzortzinis/AFP
Copyright Angelos Tzortzinis/AFP
Von Lottie Limb
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Hitzewellen in Europa im Juli durch den vom Menschen verursachten Klimawandel mindestens 950 Mal wahrscheinlicher geworden sind. Was noch hinter der brutalen Hitze in Europa steckt, erfahren Sie hier.

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Der Süden Europas leidet aktuell unter einer enormen Hitzewelle, vielerorts sorgen Waldbrände für Chaos. Der Klimawandel ist der treibende Faktor hinter den extremen Temperaturen. Eine Abkühlung des Klimas an Europas Mittelmeerküsten scheint unter den aktuellen Umständen wie Wunschdenken - ist aber durchaus möglich.

Es würde noch lange dauern, bis wir eine solche Abkühlung erleben würden, aber sie ist nicht unerreichbar, sagt Dr. Carlo Buontempo, Direktor des Copernicus Climate Change Service (C3S) der EU.

Durch eine radikale Verringerung der Emissionen könnten wir die Auswirkungen noch zu unseren Lebzeiten sehen, so Buontempo. 

Wenn es uns gelingt, den Klimawandel einzudämmen, können wir zu einem Klima zurückkehren, das dem jetzigen ähnelt und gegen Ende des Jahrhunderts vielleicht sogar kühler ist als heute.
Dr. Carlo Buontempo
Direktor des Copernicus Climate Change Service

Sollte jedoch der Kampf gegen den Klimawandel weiterlaufen wie bisher, dürfte die aktuelle Hitzewelle - die nach Ansicht der Wissenschaftler ohne den vom Menschen verursachten Klimawandel praktisch unmöglich gewesen wäre - in einigen Jahren vergleichsweise kühl erscheinen.

Die verheerenden Waldbrände, Überschwemmungen und die hohe Zahl an Todesopfern der enormen Sommerhitze stimmen alles andere als optimistisch für die Zukunft. Für das kurze Zeitfenster, das im Kampf gegen den Klimawandel bleibt, ist es wichtig, die Fakten zu kennen und zu verstehen - und sie als Ansporn zu nutzen, um zu handeln.

Wir haben mit Dr. Buontempo über die wissenschaftlichen Hintergründe der extremen Wetterverhältnisse in Europa und über das, was uns noch bevorsteht, gesprochen.

Ist der Klimawandel die Ursache der Hitzewelle?

European Union, Copernicus Sentinel-2 imagery
Die jüngsten Waldbrände auf Korfu wurden von einem Satelliten eingefangen. Weiterhin lodern die Flammen in Griechenland ungebremst.European Union, Copernicus Sentinel-2 imagery

In einer neuen Analyse kommt die World Weather Attribution Group zu dem Schluss, dass die jüngsten Hitzewellen in Europa und den USA durch die Erderwärmung 950 bis 4.400 Mal wahrscheinlicher geworden sind.

Auch ohne ausgefeilte Computermodelle lässt sich ein klares Muster erkennen: Die acht wärmsten Jahre seit Beginn der Datenermittlung sind allesamt in den letzten acht Jahren aufgetreten, berichtete die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) der UN bereits im November.

Auch der Sommer 2023 wird den letzten Jahren absehbarerweise in nichts nachstehen. Nach Angaben der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) war der vergangene Monat der heißeste Juni, der jemals weltweit gemessen wurde.

Regionale und nationale Hitzerekorde wurden aufgrund der Hitzewelle in Südeuropa in diesem Monat gebrochen. Der bisherige europäische Rekord - 48,8 °C in Sizilien im Jahr 2021 - könnte bald überboten werden.

Was mich überrascht und besorgt, ist die Tatsache, dass es sich nicht nur um eine klimatische Kuriosität handelt.
Dr. Carlo Buontempo
Direktor des Copernicus Climate Change Service

Natürlich ist es normal, dass Wetter- und Klimarekorde hin und wieder gebrochen werden. "Was mich überrascht und besorgt, ist die Tatsache, dass es sich nicht nur um eine klimatische Kuriosität handelt", erklärt Dr. Buontempo.

Betrachtet man die Daten, wird klar, dass es sich nicht um eine Schwankung handelt, sondern um ein Muster, das in den letzten drei Sommern immer deutlicher wurde. Der Sommer 2021 war der wärmste, der jemals in Europa gemessen wurde - und wurde vom Sommer 2022 um fast ein halbes Grad übertroffen.

C3S/ECMWF/KNMI
Die Lufttemperatur in Europa über Land - Anomalien der Sommer von 1950–2022, im Verhältnis zur Durchschnittsperiode von 1991–2020.C3S/ECMWF/KNMI

"Selbst wenn man den Klimamodellen oder den Aussagen der Klimawissenschaft nicht traut, sollte man den Beobachtungen vertrauen", sagt Buontempo: "Und die Beobachtungen sagen uns eindeutig, dass sich das Klimasystem erwärmt hat und dass sich Extremereignisse häufen und häufiger auftreten als früher."

Obwohl Studien über die Zuordnung von Ereignissen wertvolle Daten liefern, ist der Zusammenhang zwischen der durch fossile Brennstoffe verursachten globalen Erwärmung und Hitzewellen bereits todsicher. Der Zwischenstaatliche Ausschuss der Vereinten Nationen für Klimaänderungen (IPCC) stellt fest, dass "jede zusätzliche Erwärmung um 0,5 °C zu einer deutlich erkennbaren Zunahme der Intensität und Häufigkeit von Hitzeextremen, einschließlich Hitzewellen, führt."

Was sind Antizyklone, und wie beeinflussen sie die Hitzewelle?

GUGLIELMO MANGIAPANE/REUTERS
Obdachlose schlafen unter Bäumen, um der Sonne während der Hitzewelle in Rom zu entkommen.GUGLIELMO MANGIAPANE/REUTERS

Die Form dieser besonderen, aktuellen Hitzewelle ist auf eine sogenannte Antizyklone, ein Hochdruckgebiet über der südlichen Hälfte Europas zurückzuführen.

Eine Antizyklone ist ein Hochdruckgebiet, in dem der Wind im Uhrzeigersinn dreht und schwächere Strömungen nach unten getrieben werden, wobei sich die Luft beim Absinken verdichtet und erwärmt. Es entwickeln sich kaum Wolken, die Luft nahe der Erdoberfläche bleibt weitestgehend stehen. Die Sonne kann also noch stärker auf den Boden scheinen.

Dies hat dazu geführt, dass sich die heiße Luft über Griechenland, Ostspanien, Sardinien, Sizilien und Süditalien zu einer "Hitzeglocke" zusammengezogen hat, in der die Temperaturen in den letzten Tagen auf über 45 °C angestiegen sind.

Antizyklone über Südeuropa können auch großräumige, heiße Winde aus Afrika anziehen, dieser Effekt hat bei den Antizyklonen Charon und Cerberus jedoch keine große Rolle gespielt.

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Die Klimaforscher feilen noch an der Berechnung des Einflusses der Erderwärmung auf Hitzeglocken und die Luftzirkulation, erklärt Dr. Buontempo. Wenn aber die "Grundtemperatur" steigt, werden diese Extremereignisse häufiger und intensiver.

Sind El Niño und die Erwärmung der Ozeane für die Hitzewelle in Europa verantwortlich?

Das natürliche Klimaphänomen El Niño ist nach drei Jahren wieder da und bringt alarmierenden Auswirkungen auf die globalen Temperaturen mit sich. Im Gegensatz zum abkühlenden Phänomen LaNiña erwärmt es das Oberflächenwasser des Pazifik in Tropennähe entlang der mittel- und südamerikanischen Küste, wodurch mehr Wärme in die Atmosphäre abgegeben wird.

"Die direkten Auswirkungen von El Niño auf Europa sind jedoch begrenzt", sagt Dr. Buontempo. Sie hängen davon ab, ob sich das Phänomen zu einem mäßigen oder starken Klimaereignis entwickelt, was erst in einigen Monaten festzustellen sein wird.

Die Hitzewellen im Nordatlantik Ende Juni und Anfang Juli hatten wahrscheinlich einen deutlich stärkeren Einfluss auf die sengenden Temperaturen in Europa.

Copernicus Climate Change Service/ECMWF
Anomalien der Meeresoberflächentemperatur (°C) im Juni 2023, im Verhältnis zur Referenzperiode von 1991-2020.Copernicus Climate Change Service/ECMWF

"Auf globaler Ebene spielen der Nordatlantik und der Pazifik zusammen und treiben die globale Durchschnittstemperatur über alle bisherigen Rekorde", erklärt Dr. Buontempo: "Das haben wir also am 6. Juli [dem heißesten Tag seit Beginn der Aufzeichnungen] gesehen, und ich fand das interessant, weil es nicht nur an El Niño lag. Es war wirklich ein Zusammenspiel zwischen El Niño und dem Nordatlantik und in gewissem Maße auch dem Südlichen Ozean."

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Obwohl es schwierig ist, diese klimatischen Ereignisse auf unserem Planeten voneinander losgelöst zu betrachten, glauben die C3S-Experten nicht, dass El Niño eine wesentliche Rolle bei der Hitzewelle in Europa gespielt hat.

"Wir werden diese Grenze nicht lebend überqueren": Tage mit extremer Hitzebelastung nehmen zu

Besteht angesichts der zunehmenden extremen Wetterereignisse in Europa die Möglichkeit, dass sich die Menschen an sie gewöhnen?

Es möge ein gewisses Maß an Anpassung geben, so Dr. Buontempo, aber letztlich "gibt es einige harte Grenzen, physiologische Grenzen".

"Wir wissen, dass unser Körper bei einer Temperatur von fast 36 °C und einer Luftfeuchtigkeit von 100 % nicht mehr abkühlen kann. Es gibt keine physischen Mechanismen, mit denen wir uns abkühlen können. Das ist also eine harte Grenze für uns. Wir werden diese Grenze nicht lebend oder ohne Klimaanlage überqueren."

C3S/ECMWF
Prozentsatz der Sommertage mit "sehr starker Hitzebelastung" (universeller thermischer Klimaindex zwischen 38 und 46C) in Südeuropa, von 1950 bis 2022.C3S/ECMWF

Hitzebelastung wird in der Klimaberichterstattung häufig übersehen, obwohl auch diese Umweltauswirkung auf den menschlichen Körper zunimmt. In ganz Europa hat die C3S einen Aufwärtstrend bei der Anzahl der Sommertage festgestellt, an denen die maximale Hitzebelastung in die Kategorien "stark" und "sehr stark" fällt.

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Hitzebelastung wird aus mehreren Faktoren berechnet. Nicht nur die Temperatur, sondern auch die Luftfeuchtigkeit, die Windgeschwindigkeit und andere Faktoren spielen eine Rolle. Deshalb gebe es viele Möglichkeiten, die Hitzebelastung zu senken, so Dr. Buontempo.

"Es gibt einige unbedenkliche und relativ kostengünstige Optionen, die auf lokaler Ebene in Betracht gezogen werden können, um die Hitzebelastung zu verringern", fügt er hinzu, zum Beispiel die Bereitstellung von Trinkbrunnen oder das Schaffen von Schattenplätzen.

Werden die Hitzewellen endlich zu einem Umdenken beim Klimaschutz führen?

Die erste große Hitzewelle erreichte Europa im Sommer 2003. Sie traf die Menschen unvorbereitet und führte in Frankreich, Italien und Spanien zu Zehntausenden von Todesfällen. "Klimawissenschaftler haben uns gewarnt, dass diese Art von Sommern bis zum Jahr 2020 viel häufiger, wenn nicht sogar regelmäßig auftreten würde", sagt Dr. Buontempo.

Die Wissenschaftler sollten Recht behalten. Freude bereitet das denjenigen, die schon seit Jahrzehnten Alarm geschlagen haben, jedoch nicht.

"Was sich derzeit überall auf der Welt abspielt, entspricht genau den Erwartungen der Wissenschaftler. Niemand will in dieser Sache Recht haben. Aber wenn ich ehrlich bin, bin ich verblüfft über die Heftigkeit der Auswirkungen, die wir derzeit erleben", kommentiert Dr. Joëlle Gergis, eine leitende Dozentin für Klimawissenschaften, in der australischen Zeitung Guardian.

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Wie geht es Dr. Buontempo, der ständig den Puls des sich verschlechternden Klimas in Europa misst, damit?

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Carlo Buontempo, Direktor des Copernicus Climate Change Service: "Das Ausmaß an Beschimpfungen, das wir auf Twitter abbekommen [...], das ist ziemlich ermüdend"Coperncius

"Um ehrlich zu sein, bin ich manchmal etwas verwirrt. Ich bin ein wenig verblüfft, dass es so viele Menschen gibt, die den Beweisen nicht trauen. Ich denke, Skepsis ist eine ganz natürliche Haltung und auch eine sehr wissenschaftliche. Aber meiner Meinung nach sollte diese Art von Skepsis mit Fakten und Datenbeobachtung beginnen", sagt er.

"Das Ausmaß an Beschimpfungen, das wir auf Twitter abbekommen, in denen uns unterstellt wird, wir hätten eine Agenda oder würden lügen - das ist ehrlich gesagt ziemlich ermüdend. Auch weil ich der Meinung bin, dass wir uns alle von Wissenschaft und Beweisen leiten lassen sollten. Und was wir tun, ist, Beweise zu liefern."

Generell beobachtet er jedoch eine "wachsende Erkenntnis", dass die Klimakrise vor der Tür steht, insbesondere bei den Bürgern in Südeuropa und im Mittelmeerraum.

"Ich denke, dass sich dadurch die Sensibilität der Menschen und ihre Prioritäten ändern", sagt er: "Meiner Meinung nach reagieren die Politiker auf die Ängste, die Prioritäten, die Emotionen und auch auf die rationalen Gedanken der Bevölkerung im Allgemeinen, und diese Verschiebung der Prioritäten sollte auch eine Reaktion bei den politischen Entscheidungsträgern auslösen."

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Damit die Menschen sich selbst ein Bild von der Lage machen können, stellt Copernicus offen die Daten zur Verfügung. Diejenigen, die ihr wissenschaftliches Verständnis vertiefen wollen, könnten mit sogenannten "Reanalyse"-Datensätzen beginnen, schlägt Dr. Buontempo vor. Indem man frühere Beobachtungen und den Stand der Forschung über Klimasysteme kombiniert, kann man sehen, wie sich das Klima in der eigenen Stadt oder Region im Laufe der Zeit verändert hat.

Alle Daten deuten in eine Richtung: "Wenn wir die mit diesen Hitzewellen verbundenen Gefahren mindern wollen, müssen wir so schnell wie möglich Klimaneutralität erreichen."

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