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Judenhass in Deutschland! Rabbiner fordert Taten nach den Reden

Reichspogromnacht 2025: Landesrabbiner zieht düstere Bilanz
Reichspogromnacht 2025: Landesrabbiner zieht düstere Bilanz Copyright  AP Photo
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Von Diana Resnik
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Die Gedenkveranstaltungen am 9. November, 87 Jahre nach der Reichspogromnacht, sind wichtig. Aber in Zeiten immer niedrigerer Hemmschwellen und immer jüngerer Täter stellt sich auch die Frage: Was folgt am Tag nach dem Gedenken?

Der 9. November ist symbolisch für Deutschland: 1938 brennen an diesem Tag überall im Land die Synagogen. Jüdische Einrichtungen werden geplündert. Es herrschen Szenen beispielloser Gewalt.

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Politiker fordern zum Einsatz gegen den Extremismus auf. Doch tun sie genug, um gegen den Judenhass im Land vorzugehen?

"Im Judentum beurteilt man nicht nach Worten, sondern nach Taten", sagt Yuriy Kadnykov, Landesrabbiner in Mecklenburg-Vorpommern.

"Die Novemberpogrome 1938 bedeuteten das Ende des jüdischen Lebens in Deutschland", erzählt Kadnykov. Der Landesrabbiner sieht Parallelen zur heutigen Zeit.

"Der Judenhass in der Gesellschaft steigt"

Vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten lebten 1933 etwa 560.000 Juden und Jüdinnen im Deutschen Reich. Nach der Shoah zählte die Bundesrepublik Deutschland nur noch 15.000 jüdische Mitbürger. Heute ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland die drittgrößte in Europa. Aktuell leben etwa 200.000 Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland.

87 Jahre später ist die Shoah noch immer aktuell. "Der Judenhass in der Gesellschaft steigt und das macht uns große Sorgen", sagt der Landesrabbiner. "Die Hemmschwelle unter jungen Menschen wird immer niedriger. Die Gewaltbereitschaft steigt."

Kadnykov warnt: Kräfte aus der rechten und linken Szene würden versuchen, junge Menschen zu missbrauchen. "Wir haben gelernt, wie man mit Rechtsextremismus umgeht", sagt Kadnykov. Die große "Baustelle" sei der Linksextremismus.

Der Islamismus ist "ganz stark" geworden

Ein weiteres Problem: der Islamismus.

Nach dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 gab es in Deutschland bereits sehr früh, schon im Oktober, pro-palästinensische Demonstrationen und Kundgebungen, etwa in Berlin oder Düsseldorf.

Dabei wurden viele Menschen in Israel entführt. "In den Kibbuzim und beim Nova-Festival wurden Frauen und Kinder abgeschlachtet", erinnert der Landesrabbiner.

 Ein Foto hängt an einem Kühlschrank neben Einschusslöchern in einem Haus im Kibbuz Kissufim im Süden Israels, Samstag, 21. Oktober 2023.
Ein Foto hängt an einem Kühlschrank neben Einschusslöchern in einem Haus im Kibbuz Kissufim im Süden Israels, Samstag, 21. Oktober 2023. AP/AP

"Schon da wurden islamistische Demos zusammen mit der extremen Linken veranstaltet", so Kadnykov. Besonders im linken Spektrum werde ein Narrativ benutzt, das die Hamas ebenfalls verbreitet.

"Es wird nur die halbe Wahrheit erzählt." Die Palästinenser sind Opfer der Hamas und das werde nicht konsequent dargestellt, so der Landesrabbiner.

"Den Informationskrieg hat Israel verloren", sagt Kadnykov. Algorithmen auf Plattformen wie TikTok verbreiten ein bestimmtes antisemitisches bzw. antiisraelisches Narrativ. Das findet er gefährlich: "Die Menschen schauen dort bestimmte Inhalte, aber es gibt kaum Gegenmeinungen."

Der Landesrabbiner glaubt, der Dialog sei ein wichtiges Mittel, um Vorurteile abzubauen. Doch nicht alle machen mit. "Von islamischen Gemeinden fühlen wir in der letzten Zeit eine gewisse Kälte und Feindseligkeit", erzählt Kadnykov.

Der Islamismus sei mit der Neueinwanderung nach 2014 "ganz stark" geworden, bemerkt der Landesrabbiner. Er erklärt, woran das liegt: "Die Menschen kommen mit diesen Vorstellungen zu uns." In vielen der Herkunftsländer von Geflüchteten sei Judenfeindlichkeit Teil des Schulprogramms gewesen, sagt Kadnykov.

"Wir haben schon damals unsere Landesregierung davor gewarnt: Da muss man etwas unternehmen." Die Menschen müssten die Möglichkeit bekommen, sich in Deutschland mit diesem Thema auseinanderzusetzen, findet der Landesrabbiner.

Ein Nährboden für Judenfeindlichkeit

Vertreter der AfD positionieren sich gegen den politischen Islam. Sie betonen, sie seien pro-israelisch und pro-jüdisch. Doch Kadnykov warnt vor dem extremen Flügel innerhalb der Partei, etwa um Björn Höcke. Auch Teile der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), die sich in "Die Heimat" umbenannt haben, hätten zur AfD gewechselt.

"Wir kennen die AfD nur als eine Oppositionspartei", sagt Kadnykov. "Nach meiner Erfahrung gibt es einen großen Unterschied, ob jemand in der Opposition ist, oder an der Macht."

Das Wort Jude ist am 19. Juni 1938 auf die Fensterscheiben eines juedischen Geschaeftes in Berlin geschmiert.
Das Wort Jude ist am 19. Juni 1938 auf die Fensterscheiben eines juedischen Geschaeftes in Berlin geschmiert. AP/AP

Die Auseinandersetzung zeichnet ein deutliches Bild: Das jüdische Leben in Deutschland scheint eingeschlossen zwischen Rechts- und Linksextremismus auf der einen und dem Islamismus auf der anderen Seite - ein Nährboden für Judenfeindlichkeit.

Doch, wie kann unter diesen Voraussetzungen der Judenhass in Deutschland bekämpft und die Erinnerungskultur aufrechterhalten werden, zumal es kaum noch Shoah-Überlebende gibt. Es gäbe verschiedene Bildungsprogramme, in denen Shoah-Überlebende in Videos über ihre Erfahrungen berichteten, sagt Kadnykov.

Doch es sei auch wichtig, zu verstehen, warum das passierte. "Wir müssten auch Interviews mit Tätern machen", sagt er. "Wir müssen verstehen, wie diese Mechanismen in der Gesellschaft funktionieren und wie eine Person zum Täter oder zum Mitläufer wird."

Der Landesrabbiner hat eine Botschaft

Trotz allem glaubt der Landesrabbiner, dass jüdisches Leben in Deutschland eine Zukunft hat. Jüdisches Leben sei Teil des deutschen Lebens, sagt Kadnykov. Jüdische Gemeinden haben vieles zur deutschen Kultur beigetragen. "Juden leben seit 1700 Jahren in Deutschland. An einigen Orten leben Juden sogar länger als die Deutschen", so Kadnykov. Doch damals wurde das jüdische Leben komplett zerstört, nicht nur hier in Deutschland, sondern insgesamt in Europa.

Der Landesrabbiner hat eine Botschaft: "1938 hatten viele Deutsche zugeschaut, wie die Synagogen brannten. Sie haben sich tief in ihren Herzen gefreut, dass sie das Ende des jüdischen Lebens sahen. Aber was sie nicht bedacht haben, ist, dass es das Ende des deutschen Lebens war. Sie haben nicht Fremde angegriffen, sondern Deutsche jüdischen Glaubens. Die ganze Gesellschaft wurde angegriffen. Das müssen die Menschen verstehen."

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