Der Drohnenkrieg in der Ukraine zwingt alle Seiten zu raschen Innovationen. Eine finnische Garnisonsstadt will dabei künftig eine Schlüsselrolle spielen: In Riihimäki entsteht ein Netzwerk, das militärische, industrielle und wissenschaftliche Akteure zusammenbringt - mitten im Wettlauf mit Russland.
Drohnen und andere unbemannte Technologien prägen zunehmend das Kriegsgeschehen in der Ukraine. Sie kommen in der Luftverteidigung, beim Transport von Versorgungsgütern und für Tiefflugangriffe hinter feindlichen Linien zum Einsatz.
Besonders relevant werden sie dort, wo das Personal an der Front stark belastet ist.
Die finnische Garnisonsstadt Riihimäki verfolgt das Ziel, sich als zentraler Standort für die Entwicklung solcher Verteidigungsinnovationen innerhalb der NATO zu positionieren.
Dafür wurde das Defence Innovation Network Finland (DEFINE) eingerichtet - ein von der Stadt Riihimäki initiiertes Netzwerk im Verteidigungs- und Sicherheitssektor.
Ziel ist der Aufbau eines internationalen Netzwerks, das militärische, industrielle und wissenschaftliche Akteure zusammenführt. DEFINE bündelt vorhandene Expertise, um neue sicherheitsrelevante Technologien zu entwickeln.
Kompetenzzentrum im Süden Finnlands
Das Kompetenzzentrum befindet sich Süden Finnlands und greift auf bereits etablierte Strukturen zurück: Dort liegt unter anderem das Kompetenzzentrum der Finnischen Streitkräfte für Cybersicherheit, Digitalisierung und Führungssysteme, in dem Ausbildung, Forschung und Entwicklung stattfinden.
Eine der Technologien, die in diesem Umfeld entstanden sind, wird inzwischen in der Ukraine genutzt und basiert auf unbemannten Fahrzeugen des Unternehmens Arx Robotics.
Der mögliche Einsatznutzen solcher Systeme sei breit gefächert, sagt Roberta Randera, Leiterin der Geschäftsentwicklung bei Arx Robotics, zu Euronews: "Beim Transport verwundeter Soldaten oder bei Aufklärungs- und Überwachungsaufgaben, bei denen feindliche Aktivitäten erkannt werden müssen."
Russland zieht technologisch nach
Russland entwickelt jedoch ebenso schnell neue Technologien. Nach Einschätzung von Gediminas Guoba, CEO des litauischen Start-ups Granta Autonomy, ist Russland derzeit sogar im Vorteil gegenüber der NATO. "Sie haben einen Krieg gegen die Ukraine begonnen und sie entwickeln Technologien viel schneller als andere Länder", erklärt Guoba im Gespräch mit Euronews.
Der ehemalige Militäringenieur gründete sein Unternehmen 2015. Seitdem entwickelt Guoba ferngesteuerte Aufklärungsdrohnen, leichte Gimbals und eine eigene Datalink-Software. Granta Autonomy spezialisiert sich auf vollautonome UAVs für Nachrichten-, Überwachungs- und Aufklärungsmissionen.
Seine handgeführten Hornet-Drohnen werden an Streitkräfte in ganz Europa geliefert, darunter auch an die ukrainischen Truppen, die sie derzeit an der Front einsetzen.
Dort ist auch Oleksander Voitko, stellvertretender Kommandeur der ukrainischen Streitkräfte, im Einsatz.
Er berichtet Euronews, dass Drohnen für die Ukraine angesichts des Personalmangels von zentraler Bedeutung seien. Auch er warnt davor, Russland zu unterschätzen:
"Die Russen lernen ständig dazu. Sie haben ihre Drohnen ebenfalls verbessert. Es ist also kein dummer Feind, sondern ein sehr intelligenter."
"Keine Frontlinie, wie wir sie kennen"
Unternehmer Jan-Erik Saarinen zeigt sich beeindruckt davon, wie entschlossen die Ukrainer trotz der schwierigen Umstände weiterkämpfen.
Der 59-Jährige ist CEO von Double-Tap Investments und derzeit ebenfalls in Riihimäki.
Seine in Finnland ansässige Investmentgesellschaft konzentriert sich auf transformative Technologiesektoren und ist unter anderem auch in der Ukraine aktiv.
Dadurch weiß Saarinen, wie stark die ukrainischen Streitkräfte derzeit unter Druck stehen. "Die Todeszone wird immer dichter. Das bedeutet, dass es keine klassische Frontlinie mehr gibt."
Dass die ukrainischen Streitkräfte trotz der Belastungen standhalten und weiterkämpfen, wisse er zu schätzen, sagte Saarinen zu Euronews. Nach seiner Einschätzung verschafft die Ukraine damit Europa Zeit, um die eigenen Verteidigungsfähigkeiten zu stärken.
NATO testet verstärkt neue Verteidigungstechnologien
Um die gewonnene Zeit zu nutzen, will die NATO die Erprobung neuer Verteidigungstechnologien deutlich ausweiten. Dazu zählen Übungen wie REPMUS und DYMS, die Ende Oktober in Portugal stattfanden.
Dort testeten Streitkräfte, Unternehmen und Forschungseinrichtungen Prototypen unbemannter Systeme zu Land, zu Wasser und in der Luft. An den Formaten beteiligen sich regelmäßig Akteure aus mehr als 25 Staaten - insgesamt rund 2.500 Teilnehmende und 250 Systeme.
Die Übungen zeigen, welche Funktion experimentelle Formate haben können, um Technologien unter realistischen Bedingungen zu prüfen.
Gleichzeitig braucht es dafür nicht nur Großübungen, sondern auch lokale Innovationsstrukturen.
Beispiele wie Riihimäki in Finnland verdeutlichen, dass auch kleinere, spezialisierte Standorte zur Entwicklung und Erprobung sicherheitsrelevanter Technologien beitragen können.