Die Menschen im Iran riskieren ihr Leben für die Freiheit – ähnlich wie DDR-Zeitzeugin Christine Bartels in Ost-Berlin. Mit Euronews hat sie über ihre Erinnerungen gesprochen und darüber, was sie Demonstranten im Iran rät.
Als am Abend des 9. November 1989 in der Berliner Brunnenstraße plötzlich die Lichter angingen, wusste Christine Bartels noch nicht, dass dieser Moment Geschichte schreiben würde. Die Mauer stand nur wenige Meter von ihrer Wohnung entfernt. Geboren 1955 in Ost-Berlin prägte die Teilung ihr Leben.
Wie hunderttausende andere ging Bartels in den Monaten vor dem Mauerfall trotz Sorge vor Vergeltung auf die Straße. Sie wollte endlich frei sein. "Um Berlin waren Tausende von russischen Soldaten stationiert, ein Handstreich hätte genügt und alles wäre vorbei gewesen. Und trotzdem sind wir einfach dort geblieben", sagt die damalige Lehrerin. Dass ihre Proteste das Ende der Unterdrückung einläuten würden, das war damals noch nicht absehbar.
Auch heute riskieren Frauen und Männer ihr Leben für die Freiheit, für ihre Rechte und gegen Unterdrückung. In diesen Tagen gehen tausende Menschen im Iran auf die Straße, werden teils brutal getötet.
Mehr als 2.500 Demonstranten sollen bei den regimekritischen Protesten bereits ihr Leben verloren haben, so die US-amerikanische NGO "Human Rights Activist Agency".
Wenn die Angst ihre Macht verliert
Damals gab es Montagsdemo und Menschenketten. Die internationale Aufmerksamkeit half, Mut zu machen. Und ähnlich wie heute waren die Menschen von der Außenwelt abgeschnitten - zumindest offiziell. Über DDR-Medien kamen nur vorselektierte Informationen ins Land. Doch aus dem Westfernsehen schöpfte Bartels Hoffnung. Es machte ihr Mut.
Im Iran kämpfen die Menschen unter noch härteren Bedingungen. Medien werden zensiert, das Internet abgeschaltet, Gewalt ist allgegenwärtig. Dennoch: Das Volk zeigt, dass es sich nicht mehr einschüchtern lässt. "Es ist bedrückend, aber die Mechanismen ähneln sich. Unterdrückung funktioniert nur bis zu einem gewissen Punkt. Irgendwann kippt die kritische Masse", sagt Bartels.
In Deutschland wächst die Solidarität mit den Demonstrierenden. Roderich Kiesewetter, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, fordert auf X, härter durchzugreifen: "Statt das Unrechts- und Terrorregime im Iran weiter durch 'Diplomatie' zu legitimieren, sollte Deutschland Botschafter und Diplomaten des Regimes ausweisen."
"Gewalt des Regimes gegen das eigene Volk ist kein Ausdruck von Stärke, sondern von Schwäche. Sie muss sofort enden", so Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf X. "Um dem Nachdruck zu verleihen, arbeiten wir an weiteren Sanktionen der EU." Merz rechnet mit einem baldigen Ende des Mullah-Regimes, wie er am Rande seiner Indien-Reise sagte.
Mut kann ansteckend sein
Was damals in Berlin und Ostdeutschland funktionierte, funktioniere für Unterdrückte auch heute, so Bartels: Sichtbar sein, Präsenz zeigen, solidarisch handeln. "Jeder Einzelne kann etwas tun. Schon das Stehen auf der Straße oder kleine Aktionen können Wirkung zeigen", erklärt sie. "Es reicht, dass Menschen merken: Wir sind nicht allein. Das Volk steht auf."
Für die DDR-Zeitzeugin war 1989 ein Moment der Euphorie: "Wir konnten endlich selbst wählen, unser Leben gestalten." Heute ist sie realistischer: Bürokratie, politische Glasdecken, harte Realität – aber die Freiheit bleibt.
Und für den Iran? "Ich wünsche mir, dass die Menschen dort friedlich in Freiheit kommen. Dass ihr Mauerfall-Moment nicht in Gewalt endet, sondern in einer besseren Zukunft."