Während im Iran seit Wochen protestiert wird, antwortet das Regime mit tödlicher Gewalt und einem Internet-Blackout. Die deutsch-iranische Ärztin und Künstlerin Maryam spricht mit Euronews über Angst, Hoffnung und Deutschlands Verantwortung.
Seit fast einem Monat protestieren Iraner und Iranerinnen gegen das Mullah-Regime. Ausgelöst wurden die Proteste Berichten zufolge am 28. Dezember 2025, als die Bazaar-Händler aufgrund der Wirtschaftskrise anfingen zu streiken.
Kurz darauf haben die Proteste sich landesweit ausgebreitet. Grund dafür waren neben der Wirtschaftskrise auch die Korruption innerhalb des Regimes.
Die Protestbewegung wurde mit schierer Gewalt und einem "digitalen Blackout" gekontert, bei dem die Regierung das Internet abgeschaltet hatte.
"Völkermord in digitaler Finsternis"
Die deutsch-iranische Künstlerin und Ärztin Maryam erklärt im Gespräch mit Euronews, dass "man erst mal greifen muss, was im Iran passiert und wie sich die Proteste exponentiell krass entwickelt haben" und ergänzt, dass das Ausmaß nicht sofort absehbar war.
"Aber natürlich trägt man gleichzeitig eine Spannung, Angst und Hoffnung mit sich. Jedes Mal, wenn so eine Protestwelle anbricht, denkt man, ist jetzt der Moment, ist jetzt der Tag gekommen, an dem das Ende für das Regime einbricht, oder schaffen die das wieder, alles kurz und klein zu schlagen? Ist es jetzt das letzte Mal, dass dieser Kampf um die Freiheit stattfindet und kann er dieses Mal gewonnen werden?" fragt Maryam, die in der Musikbranche unter ihrem Künstlernamen Maryam.fyi bekannt ist.
Einem Bericht der britischen Times zufolge wurden innerhalb des – wie in dem Bericht genannten – "Völkermord in digitaler Finsternis" mindestens 16.500 Menschen getötet. Augenzeugen sprechen von brutaler Gewalt, tausenden Toten und Verletzten und Straßen, die nach Blut riechen. Eine genaue Zahl der Toten und Verletzten ist nicht bekannt. Aktivisten gehen von Schätzungen bis zu 20.000 aus.
Der Iran-Experte Ali Fathollah-Nejad sprach am Montagmorgen im ZDF Morgenmagazin von einem "Massaker historischen Umfangs". "Auch für jemanden, der seit über zwanzig Jahren zu dieser Region arbeitet, habe ich so etwas innerhalb so einer kurzen Zeit noch nicht erlebt. Wir haben mittlerweile Augenzeugenberichte, die unbeschreibliche Szenen beschreiben", so Fathollah-Nejad.
Berichten zufolge wurde vor kurzem eine "phasenweise Wiederherstellung" des Internets versprochen, doch viele Iraner und Iranerinnen sind weiterhin vom Rest der Welt abgeschottet. Für Angehörige außerhalb des Irans bleibt die quälende Ungewissheit über das Schicksal von Verwandten, Freunden und Landsleuten bestehen.
Maryam beschreibt die Gefühle, die diese Ungewissheit in ihr auslösen als "beklemmend" und "bedrückend". Sie selber hat aufgrund ihrer öffentlichen und medialen Aussagen nur noch wenige Kontakte in dem Iran, da sie niemanden in Gefahr bringen möchte.
Dennoch erlebt sie, wie viele ihrer Freunde und Freundinnen ihre Familien nicht erreichen können, oder erfahren haben, dass Verwandte bei den Protesten ermordet wurden. "Das ist einfach nur schlimm, was man erfährt", sagt Maryam.
"Komplettes Missbrauchen von allen möglichen Grundsätzen"
Tausende Protestierende wurden von den Sicherheitskräften des Regimes getötet, weitere tausende verletzt. Ähnlich wie bei den Protesten 2022 wurde auch hier erneut vermehrt von Kopf- und Augenverletzungen berichtet.
Einer Analyse von The Conversation zufolge sind Kopf- und Augenverletzungen eine Form politischer Unterdrückung, die in einer langen Kulturgeschichte verwurzelt ist, in der das Ausstechen der Augen die Entmachtung und Entlegitimisierung symbolisiert. Heute zielt diese Taktik nicht nur darauf ab, Einzelpersonen zu bestrafen, sondern sie daran zu hindern, staatliche Gewalt zu sehen, zu dokumentieren und aufzudecken.
"Das Regime schießt ja gezielt auf lebensgefährdende Bereiche im Körper und sorgt auch damit dafür, erstens, dass zum Beispiel Blut spritzt, dass dann für Angst und Schrecken sorgt", erklärt Maryam. Viele Verletzte haben ihre Wunden jedoch aus Angst nicht im Krankenhaus behandeln lassen, da sich Berichte häuften, dass das Regime Protestierende aus dem Krankenhaus aus verhaftet.
"Das ist natürlich komplettes Missbrauchen von allen möglichen Grundsätzen, die hinter so einem Beruf stehen", merkt Maryam an, die selber auch Ärztin ist. Sie erinnert sich auch an Geschichten, dass bei der Einlieferung von Verletzten geprüft wurde, wodurch sie verletzt wurden und sie dann dementsprechend abgelehnt wurden, wenn es Schussverletzungen seien.
"Weil man davon ausging, dass es Protestierende sind und die sind ja als Terroristinnen zum Abschuss freigegeben sind", so Maryam, die bekräftigt, dass das "natürlich was ist, was mir sehr schmerzhaft aufstößt und auch allem widerspricht, mit dem ich mich als Mensch nicht mehr nur in der Berufsgruppe, sondern als Mensch identifizieren möchte."
"Hilfe ist unterwegs"
Nach dem Ausbruch der Massenproteste hat US-amerikanische Präsident Donald Trump den Protestierenden seine Hilfe versprochen, sollte das Regime Demonstranten töten oder hinrichten. "Hilfe ist unterwegs", sagte er und forderte die Menschen im Iran auf, weiter zu protestieren.
Angriffe hat das US-Militär nicht gestartet, so Trump, da ihm versichert wurde, dass vorerst keine Hinrichtungen stattfinden würden. Ob keine Hinrichtungen stattgefunden haben oder werden, kann Euronews nicht unabhängig verifizieren.
Maryam war von Beginn an von einer militärischen Intervention nicht überzeugt, sinnvoller für sie wäre die Menschen mit Zugriff auf das Internet und Handynetz zu unterstützen, "damit sie sich selber organisieren können".
"Jetzt sind diese ganzen Menschen, die bereit sind, für ihre Freiheit und die Revolution zu sterben vom Internet abgeschnitten und können sich nicht organisieren. Das ist das, was es so schlimm macht. Die Menschen werden da jetzt in Angst mit Propaganda zugeschallt, weil das Regime sich dadurch am Leben hält und sie können sich nicht organisieren", erklärt Maryam im Gespräch mit Euronews.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz war der Überzeugung, dass das iranische Regime "faktisch am Ende" sei und somit ein Regimewechsel kurz bevorstehen würde. Maryam nimmt Merz die Anteilnahme "nicht ganz ab". "Unsere Bundesregierung hatte vor drei Jahren und auch schon zuvor die Möglichkeiten, das Volk zu unterstützen, die haben sie nicht genutzt und weiterhin Geschäfte mit dem Iran gemacht. Es ist keine Neuigkeit, dass das Volk im Iran von einem islamistischen Regime unterdrückt wird", so Maryam.
"Deutschland war noch immer einer der stärksten Handelspartner des Iran in den letzten paar Jahren. So eine Aussage fühlt sich für mich sehr nach Heuchelei an." Ihrer Meinung nach könnte man stattdessen "längst die Asylanträge für Menschen aus dem Iran viel einfacher gestalten", "die Abschiebungen stoppen", oder "den iranischen Botschafter zur Ausreise bitten."
"Man könnte so viele Dinge tun, aber die geschehen nicht. Deswegen, bis da nicht was geschieht, nehme ich da außer Lippenbekenntnissen wirklich nicht war."
Bis Ende 2023 galt in Deutschland ein bundesweiter Abschiebestopp in den Iran, der seit Januar 2024 aufgehoben wurde. Seitdem hängt die tatsächliche Rückführung einzelner Iraner von individuellen Asyl- beziehungsweise Aufenthaltsentscheidungen ab.
2024 wurden nach den BAMF-Zahlen rund 5.817 Asylanträge von Iranern gestellt, mit 2.249 Schutzstatuserteilungen und 3.880 Ablehnungen.
Trotz der anhaltenden Internetsperre dringen Bilder und Videos der Proteste nach Außen: blutverschmierte Menschen, Leichensäcke auf den Straßen und Sicherheitskräfte, die durch die Straßen patrouillieren.
Berichten des _BR_s zufolge soll die Protestwelle zwar abgeschwächt sein, jedoch würden weiterhin bewaffnete Milizen die Straßen kontrollieren. Auch die Kosten für Alltagswaren sind offenbar weiter gestiegen – von einer wirtschaftlichen Entlastung für die Menschen kann daher keine Rede sein.
"Sowohl die iranische Diaspora als auch deutsche Politiker und Politikerinnen ihre Uneinigkeiten müssen hier überkommen und geeint für die Freiheit des iranischen Volkes alles in ihrer Macht stehende tun müssen aus moralischer Verpflichtung, so wie unsere Gesellschaft aus Solidarität in größtmöglicher Zahl auf der Straße sein müsste jetzt um für ein Ende dieser gräueltaten einzustehen", schließt Maryam.