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„Kultur der Demütigung“: Empörung über Gewaltbilder aus Syrien

Frauen demonstrierten am Donnerstag, den 22. Januar 2026, in der Stadt Qamischli im Nordosten Syriens, um die Verbreitung eines Videos zu verurteilen, das angeblich einen syrischen Regierungskämpfer zeigt, der einen Zopf packt
Frauen demonstrierten am Donnerstag, den 22. Januar 2026, in der Stadt Qamischli im Nordosten Syriens, um die Verbreitung eines Videos zu verurteilen, das angeblich einen syrischen Regierungskämpfer zeigt, der einen Zopf packt Copyright  Baderkhan Ahmad/Copyright 2026 The AP. All rights reserved
Copyright Baderkhan Ahmad/Copyright 2026 The AP. All rights reserved
Von Euronews
Zuerst veröffentlicht am
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Ein Video, das einen bewaffneten Mann mit einem mutmaßlich abgeschnittenen Haarzopf zeigt, hat in Syrien und darüber hinaus Entsetzen ausgelöst. Der Vorfall wird nicht als Einzelfall gesehen, sondern als Teil eines größeren Problems fehlender Rechenschaft.

Ein in den vergangenen Tagen weit verbreiteter Videoclip hat die Debatte über mutmaßliche Verstöße syrischer Regierungstruppen erneut entfacht. Er zeigt einen bewaffneten Mann, der mutmaßlich damit prahlt, einen Haarzopf in der Hand zu halten, der angeblich einer Kämpferin der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) gehörte. Die Szene löste weitverbreitete Wut und Verurteilung aus und wurde als eklatante Beleidigung von Frauen sowie als schwere Verletzung der Menschenwürde gewertet.

Der Vorfall wurde nicht als isoliertes Einzelverhalten betrachtet, sondern reiht sich in eine Serie von Praktiken ein, die seit der Machtübernahme der derzeitigen Regierung Ende 2024 durch Zeugenaussagen und Videos dokumentiert wurden. Sie werfen Fragen zum Verhalten dieser Kräfte, zu internen Mechanismen der Rechenschaftspflicht sowie zu den Grenzen der Verantwortung der politischen Autorität auf.

Die Verbreitung des Videos löste auf Social-Media-Plattformen große Empörung aus, die sich rasch zu einer grenzüberschreitenden Solidaritätskampagne entwickelte. Frauen und Mädchen in Syrien, im Irak und in weiteren Ländern flechten dabei symbolisch ihre Haare zu Zöpfen, um auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen und die Instrumentalisierung des weiblichen Körpers zur Demütigung von Opfern oder zur Machtdemonstration der Täter zurückzuweisen.

Aktivisten, die sich an der Kampagne beteiligen, betonen, dass sich die Initiative nicht auf einen einzelnen Vorfall beschränkt. Ziel sei es vielmehr, auf systematische Gewalt hinzuweisen, Rechenschaft von den Verantwortlichen einzufordern und sich gegen weitverbreitete Hassrede in sozialen Netzwerken zu wenden, die solche Praktiken rechtfertigt oder verherrlicht.

Rechtfertigungen, die die Straße nicht überzeugt haben

Eine Person namens Rami Yousef al-Dahsh veröffentlichte das Video zunächst auf seinem Facebook-Account, zog es später jedoch zurück. Er behauptete, der gezeigte Zopf sei „künstlich“ gewesen, das Geschehen lediglich ein „Scherz“ und das Video ohne sein Wissen veröffentlicht worden. Diese Darstellung stieß jedoch auf breite Skepsis, insbesondere angesichts von Informationen über seine frühere Verbindung zu Hayat Tahrir al-Sham, der früheren al-Nusra-Front. Dies verstärkte die Kontroverse und die öffentliche Empörung zusätzlich.

Trotz der Versuche, den Vorfall herunterzuspielen, konnten diese Rechtfertigungen die Wirkung der Tat nicht abschwächen. Aktivisten werteten sie vielmehr als Ausdruck einer Kultur der Straflosigkeit und als Missachtung der Würde der Opfer sowie der Gefühle ihrer Angehörigen.

Mahnwachen und Aufrufe, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen

Die Empörung beschränkte sich nicht auf den digitalen Raum, sondern schlug sich auch in Aktionen vor Ort nieder: In Städten wie Sulaymaniyah in der irakischen Region Kurdistan und Qamishli im Osten Syriens fanden Mahnwachen statt, an denen Hunderte von Frauen teilnahmen. Sie forderten besseren Schutz für Frauen, ein Ende der Übergriffe sowie strengere Gesetze zur Verhinderung geschlechtsspezifischer Gewalt.

Aktivistinnen und Menschenrechtsverteidigerinnen verlangten zudem rasche und transparente Ermittlungen sowie härtere rechtliche Schritte gegen alle, die derartige Taten begehen, fördern oder öffentlich damit prahlen. Die Verbreitung entsprechender Szenen stelle eine Bedrohung für moralische und menschliche Werte dar und trage zur Verfestigung einer Kultur der Gewalt bei.

Die Solidaritätsbotschaft von Shaimaa

In einer symbolischen Geste brachte eine syrische Bürgerin namens Shaimaa ihre Solidarität mit der kurdischen Kämpferin zum Ausdruck, die durch das Abschneiden ihrer Haare gedemütigt worden war. In einem Video, das sie auf Instagram veröffentlichte, trug Shaimaa einen arabischen Umhang und entschuldigte sich für das, was sie als Verletzungen bezeichnete, die unter dem Deckmantel von „Arabismus und Islam“ begangen worden seien.

„Haare sind wertlos, wenn die Würde mit Füßen getreten wird“, sagte sie in ihrer Botschaft und brachte damit die wachsende Ablehnung in der Bevölkerung zum Ausdruck, Identität oder Religion mit gewalttätigen und erniedrigenden Praktiken zu verknüpfen.

Auch die kurdische Journalistin Soraya Hussein veröffentlichte ein Video zu dem Vorfall und bekundete ihre Solidarität mit der kurdischen Kämpferin. Sie betonte, dass diese Szene alle kurdischen Frauen verletze.

Das Abschneiden der Schnurrbärte der Scheichs von Suwayda

Dieser Vorfall ist nicht der erste seiner Art. Die Erstürmung von Sweida im vergangenen Sommer wurde von ähnlichen Szenen begleitet, als Videos von Regierungstruppen und bewaffneten Stammesangehörigen viral gingen, die Älteren und Jugendlichen in der mehrheitlich drusischen Stadt die Schnurrbärte abschnitten. Dieses Verhalten wurde als direkte Beleidigung sozialer und religiöser Symbole gewertet und als Handlung angesehen, die den Institutionen, welche die Autorität des Staates repräsentieren sollen, nicht angemessen ist.

Die Aufnahmen lösten damals weit verbreitete Kritik aus, da es weder öffentliche Rechenschaft noch klare abschreckende Maßnahmen gab.

Die Geschichte von Umm Ayman und die Ereignisse an der syrischen Küste

Als Regierungstruppen an der syrischen Küste in Gebiete vordrangen, die überwiegend von der alawitischen Bevölkerung bewohnt sind, tauchten Aufnahmen auf, die schwerwiegende Verstöße dokumentieren. Dazu zählen die Verstümmelung von Leichen, die Zwangsbehandlung von Zivilisten mit entwürdigenden Praktiken sowie Szenen mit eindeutig sektiererischem Charakter.

Ein Video zeigt eine Frau namens „Um Ayman“, deren Söhne vor ihren Augen getötet wurden und der es anschließend verwehrt wurde, sie zu begraben. In benommenem Zustand wurden ihr dabei sektiererische Parolen zugerufen – eine Szene, die von Beobachtern als erschütternder moralischer und humanitärer Tiefpunkt beschrieben wurde.

Nach Einschätzung von Beobachtern spiegeln diese Vorfälle ein beunruhigendes Muster wider, das über individuelles Fehlverhalten hinausgeht. Sie verweisen auf strukturelle Defizite bei der Kontrolle des Verhaltens von Militär- und Sicherheitskräften sowie auf das Fehlen wirksamer Mechanismen der Rechenschaftspflicht in einem Land, das durch jahrelange bewaffnete Konflikte, Gewalt und gesellschaftliche Spaltung geschwächt ist.

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