Der deutsche Philosoph Richard David Precht hält es für möglich, dass Alice Weidel 2029 Kanzlerin wird. Als Treiber nennt er vor allem den Reformstau. Im „Superwahljahr“ 2026 mit fünf Landtagswahlen und AfD-Werten um 26 Prozent rückt damit auch ein CDU-AfD-Szenario stärker in den Fokus.
Der deutsche Philosoph und Buchautor Richard David Precht sorgt mit seiner provokativen Prognose für Aufsehen: Alice Weidel könnte in drei Jahren Kanzlerin werden. Eine Aussage, die genau im „Superwahljahr 2026“ fällt, wenn fünf Landtagswahlen in ostdeutschen Schlüsselländern wie Sachsen-Anhalt die Stimmung vor der Bundestagswahl 2029 testen.
Aktuelle Umfragen sehen die AfD bei 26 Prozent und deuten auf verbreitete Unzufriedenheit in Teilen der Wählerschaft hin. Der Philosoph Precht verweist dabei auf aus seiner Sicht strukturelle Ursachen und skizziert als mögliches Szenario eine Annäherung zwischen CDU und AfD.
Zusätzliche Entwicklungen – etwa die stärkere Präsenz der AfD auf internationaler Ebene – rücken diese Debatte in den Fokus und werfen Fragen nach Abgrenzung, Brandmauern und möglichen Koalitionsoptionen auf.
Prechts Kernthese: Reformlähmung als AfD-Treiber
Im ausführlichen Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung entwirft Richard David Precht ein detailliertes Szenario, das die AfD zur stärksten Kraft bei der nächsten Bundestagswahl macht: „Ich halte es für denkbar, dass Alice Weidel in drei Jahren Kanzlerin ist“.
Er beschreibt Deutschland als „rostigen Tanker auf einer Sandbank“, der durch strukturelle Lähmung manövrierunfähig ist. Abgesehen von Gerhard Schröders Hartz-IV-Reformen in den 2000er Jahren fallen Precht keine substanzielle Veränderungen ein; stattdessen wachse ein politischer Stillstand, der enttäuschte Wähler gezielt zu AfD und Linken treibt, während etablierte Parteien wie CDU, SPD und Grüne an Glaubwürdigkeit verlieren.
Precht prognostiziert für 2029 eine Zwangskoalition: SPD und Grüne reichten arithmetisch nicht für Mehrheiten, eine Linken-Beteiligung würde die CDU „erschießen“ und ihre Kernwähler vertreiben – weshalb die Union unter Führung von etwa Jens Spahn als Juniorpartner in eine AfD-Regierung eintreten könnte.
Er erwartet zudem eine taktische Reifung der AfD: Weniger provokante Russlandnähe – wie Weidels kürzliche Blockade von Abgeordnetenreisen nach Moskau belegt – gepaart mit abnehmender medialer Aggression, sobald eine Regierungsbeteiligung realistisch wird.
Grundsätzliche Einwände gegen eine Zusammenarbeit weist er zurück: „Die AfD ist keine verbotene Partei und wird es vermutlich auch in drei Jahren nicht sein“ – stattdessen müssten alle demokratisch legitimen Kräfte koalitionsfähig sein. Die Partei werde in den kommenden Jahren „viel Kreide fressen“, um den Nazi-Vorwurf verblassen zu lassen.
Richard David Prechts politischer Wandel
Prechts Werdegang deutet auf eine spürbare Verschiebung hin: 1964 in Solingen geboren, in einem linksalternativen Umfeld aufgewachsen und 1994 in Philosophie promoviert, wurde er später mit dem Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“ (2007) sowie durch seine ZDF-Sendung „Precht“ zu einer prägenden Stimme des linksliberalen Spektrums.
Inzwischen betont er stärker, dass die Meinungsfreiheit weniger durch staatliche Verbote als durch sozialen Konformitätsdruck in Medien und Gesellschaft unter Druck gerate – und dass dieser Mechanismus auch politische Stimmungen und Wahlentscheidungen verschiebe.
Mittlerweile grenzt er sich von Teilen der heutigen Linken ab, insbesondere auch von den Grünen: Deren Kurs – etwa bei „Wokeness“ und dem Bruch mit pazifistischen Traditionen – erscheint ihm nicht mehr als klassisch links.
Umfragen und Sachsen-Anhalt stützen den Trend
Aktuelle Umfragen liefern empirischen Rückenwind für Prechts Prognose: Die neueste INSA-Sonntagsfrage im Auftrag von „BILD am Sonntag“ platziert die AfD mit 26 Prozent knapp vor der Union (25 Prozent), gefolgt von SPD (15 Prozent), Grünen (11 Prozent), Linken (10 Prozent) sowie BSW und FDP mit je 4 Prozent. Trotz leichter SPD-Zuwächse hätte schwarz-rot nur eine knappe Mehrheit.
Precht verweist exemplarisch auf Sachsen-Anhalt, wo am 6. September 2026 gewählt wird und die AfD „mutmaßlich über 40 Prozent“ holen könnte – ein Ergebnis, das alle anderen Parteien zu einer „demokratietheoretisch problematischen“ Koalition zwinge, die das Prinzip „Stärkster stellt den Regierungschef“ unterläuft.
Münchner Sicherheitskonferenz: Normalisierung der AfD?
Die AfD will auch international mitspielen– und vor allem als Gesprächspartner wahrgenommen werden. Dass die Partei 2026 wieder mit Fachpolitikern bei der Münchner Sicherheitskonferenz vertreten sein soll, nachdem sie in den beiden Vorjahren nicht eingeladen war, passt in dieses Bemühen um Bühne und Anschlussfähigkeit.
In Prechts Lesart fügt sich das in eine Strategie der Selbstnormalisierung: Die AfD versuche, Angriffsflächen zu reduzieren, die sie auf dem außenpolitischen Parkett isolieren könnten – etwa indem Alice Weidel interne Vorstöße bremse, die das Image einer künftigen Regierungspartei beschädigen würden.
Gleichzeitig, so Precht, werde auch die Union in Teilen pragmatischer und weniger kategorisch. Das könne die Zahl möglicher Schnittmengen vergrößern. Sein Punkt: Wenn die AfD nicht nur in Umfragen wächst, sondern auch in Formaten auftaucht, die lange als „Establishment“ galten, verändert das das politische Gefüge. Dann wird die Koalitionsdebatte auch über Deutschland hinaus relevanter.