Noch nie wurden so viele Seeleute von ihren Reedereien im Stich gelassen wie im Jahr 2025. Verantwortlich dafür ist vor allem Russlands Schattenflotte.
Das Problem der im Stich gelassenen Seeleute in der internationalen Schifffahrt verschärft sich, und die jüngsten Zahlen zeigen, dass die Lage weltweit immer weiter verschlimmert.
Nach Angaben der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) wurden in nur einem Jahr auf 410 Schiffen mehr als 6.223 Seeleute im Stich gelassen. Diese Zahlen der Organisation, die 16,5 Millionen Beschäftigt vertritt, deutet das wahre Ausmaß einer Krise an, die sich in der internationalen Schifffahrt schleichend entwickelt.
Das Jahr 2025 ist das Jahr, in dem die bisher meisten Besatzungsmitglieder zurückgelassen wurden. Das Phänomen nimmt inzwischen strukturelle Züge an. Und die menschliche Dimension der Krise wieder tritt stärker in den Vordergrund.
Sowohl die ITF als auch die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) weisen darauf hin, dass Schiffe mit undurchsichtigen Eigentumsverhältnissen, unzureichender Versicherung und Billigflaggen immer häufiger in Fälle verwickelt sind, bei denen Seeleute unbezahlt irgendwo auf der Welt stranden und monatelang ausharren müssen.
Sogenannte "Billigflaggenschiffe" werden oft einfach zurückgelassen. 337 Schiffe wurden im Jahr 2025 insgesamt aufgegeben, in 82 Prozent der Fälle - waren die Schiffe unter Billigflagge unterwegs.
Die ITF schätzt, dass rund 30 Prozent der gesamten Welthandelsflotte, d. h. 100.000 Schiffe, unter Billigflaggen fahren. 2024 hat die Organisation Gabun und Eswatini zur Liste der Billigflaggenländer hinzugefügt.
Die Internationale Transportarbeiter-Föderation setzt sich seit über 75 Jahren gegen Billigflaggen ein und warnt vor der Bedrohung, die diese für die Rechte der Seeleute darstellen, sowie vor den illegalen und unlauteren Aktivitäten, die das Billigflaggensystem ermöglicht.
Schattenflotte verschärft das Problem der zurückgelassenen Seeleute
Durch Aktionen gegen Tanker der Schattenflotte, die ihre Flagge oft wechseln, wurde das Problem in den vergangenen Monaten noch deutlicher.
Die 2025 insgesamt 6.223 Seeleute, die auf 410 Schiffen im Stich gelassen wurden, stellen einen neuen Rekord dar. Dies ist das sechste Jahr in Folge, in dem die Zahl der aufgegebenen Schiffe gestiegen ist, und das vierte Jahr in Folge, in dem der Rekord für die Gesamtzahl der aufgegebenen Seeleute gebrochen wurde.
Im Vergleich zu 2024 stieg die Zahl der zurückgelassenen Handelsschiffe um 31 Prozent und die der zurückgelassenen Seeleute um 32 Prozent, was bestätigt, dass das Problem nicht nur fortbesteht, sondern sich noch verschärft.
Seeleute aus Indien besonders stark betroffen
Besonders ist die Situation offenbar für indische Crews zu sein, die mit mehr als 1.000 zurückgelassenen Seeleuten die am stärksten betroffene Nationalität sind. Dies wird noch deutlicher, wenn man die ersten Zahlen für das Jahr 2026 berücksichtigt, in dem die Gesamtzahl der verlassenen Seeleute bereits über 6.000 liegt, was auf eine noch bedrohlichere Zukunft hindeutet.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise sind ebenso aufschlussreich. Für das Jahr 2025 beträgt die Summe der nach der Aufgabe der Schiffe nicht an die Seeleute ausgezahlten Heuer insgesamt 25,8 Millionen Dollar.
Davon konnte die ITF 16,5 Millionen Dollar zurückerhalten und an die Seeleute weiterleiten, was sowohl das Ausmaß des Problems als auch die Grenzen des internationalen Schutzes verdeutlicht.
Stille humanitäre Krise
Das Beweismaterial der ITF soll der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) auf der diesjährigen Tagung des Rechtsausschusses vorgelegt werden. Die internationale Schifffahrtsgemeinschaft ist aufgefordert, sich nicht nur mit ökologischen und geopolitischen Herausforderungen auseinanderzusetzen, sondern auch mit einer tiefgreifenden humanitären Krise, die sich im Stillen auf den Decks der Schiffe abspielt.
Die harte Realität für Tausende von Seeleuten spiegelt sich in den detaillierten Zahlen für das Jahr 2025 wider, die von der ITF aufgeführt wird. Den Daten zufolge sind indische Seeleute am stärksten betroffen mit 1.125 zurückgelassenen Personen, eine Zahl, mit der sie weltweit mit Abstand an erster Stelle stehen. Es folgen Filipinos mit 539 zurückgelassenen Seeleuten, Syrer mit 309, Indonesier mit 274, Ukrainer mit 248, Aseris mit 203, Pakistaner mit 179, Venezolaner mit 144, Ägypter mit 130 und Russen mit 123 Seeleuten.
Diese Zahlen machen deutlich, dass das Phänomen vor allem Besatzungen aus Ländern mit einer starken Präsenz auf dem internationalen maritimen Arbeitsmarkt betrifft.
Die schlimmste Region für die Aufgabe von Seeleuten war der Nahe Osten, gefolgt von Europa. Die beiden Länder mit der höchsten Zahl an aufgegebenen Schiffen waren die Türkei (61) und die Vereinigten Arabischen Emirate (54).
2025 beantragten insgesamt 4.595 Seeleute Unterstützung durch die ITF - wobei zu beachten ist, dass nicht alle zurückgelassenen Seeleute um Hilfe bitten und nicht alle Anträge auf Unterstützung mit aufgegebenen Schiffen zusammenhängen.
Die ITF verfolgt die Gesamtzahl der zurückgelassenen Seeleute seit 2022 - seither ist diese Zahl jedes Jahr gestiegen.
"Beschämende Praxis" und "verzweifelte Situationen"
In einer klaren Botschaft an die internationale maritime Gemeinschaft machte der Generalsekretär der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF), Stephen Cotton, auf die menschlichen Kosten der zurückgelassenen Seeleute aufmerksam. Er sprach von einer "beschämende Praxis", von der weiterhin Tausende Beschäftigte auf See betroffen seien.
"Wie viele Seeleute müssen noch unter dem Leid der Zurücklassung leiden, bevor wir die Veränderungen sehen, von denen wir wissen, dass sie notwendig sind, um diese beschämende Praxis zu beenden?", fragte Cotton. Wie der ITF-Chef betonte, stehen hinter den Zahlen Menschen: "Es geht nicht nur um Statistiken. Es geht um Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die die Weltwirtschaft am Laufen halten und die gezwungen sind, absolut verzweifelte Situationen zu erleben, weit weg von ihrer Heimat und oft ohne klare Aussicht auf eine Lösung."
Lösungen sind laut Cotton bekannt und möglich, vorausgesetzt, es gibt eine sinnvolle Verantwortlichkeit in der Branche. Es gehe um eine sinnvolle Rechenschaftspflicht und darum, dass sich die Schiffseigner nicht ihrer Verantwortung entziehen könnten.