Das Phänomen "Muttermord" macht in Spanien jetzt Schlagzeilen. Was steckt dahinter?
Innerhalb von nur einer Woche haben zwei Morde eine extreme Gewalttat innerhalb von Familien in Spanien ins Rampenlicht gerückt: den Muttermord. Auf Teneriffa nahm die Guardia Civil Anfang Februar einen Mann fest, der seine über 80-jährige Mutter in ihrem Haus ermordet haben soll. Einige Tage zuvor wurde in Algeciras eine 75-jährige Frau mit einem Messer erstochen, die Polizei ermittelte ihren Sohn als mutmaßlichen Täter.
Zwei verschiedene Fälle, an verschiedenen Orten, aber mit dem gleichen Muster: Mütter, die offenbar im familiären Umfeld ermordet wurden. Dies sind keine Einzelfälle. Im vergangenen Jahr kamen in Spanien mindestens ein Dutzend Frauen unter ähnlichen Umständen ums Leben.
Die Morde an Müttern ereigneten sich in größeren und in kleinen Gemeinden, fast immer zu Hause, ohne dass vorher Anzeige erstattet wurde und meist weit entfernt von den vermeintlichen Brennpunkten geschlechtsspezifischer Gewalt.
Es sind Fälle, die in die Schlagzeilen geraten und ebenso schnell wieder aus der öffentlichen Debatte verschwinden. Sie passen nicht in die üblichen Kategorien, werden nicht gesondert erfasst und selten als Phänomen analysiert. Es handelt sich um reale Gewalt, aber sie wird nur fragmentiert, Ereignis für Ereignis erklärt, ohne eine Gesamtbetrachtung.
"Jeder Fall ist einzigartig", sagt die Gerichtspsychologin Ruth Pérez Enríquez im Gespräch mit Euronews. "Ich wünschte, wir hätten ein Profil, um das Risiko einschätzen zu können, aber das haben wir nicht".
Ein seltenes, aber zutiefst beunruhigendes Phänomen
Der Fachbegriff lautet "Muttermord": die Ermordung - oder der Mordversuch - einer Mutter durch ihren Sohn oder ihre Tochter. Trotz der Brutalität der jüngsten Fälle sind sich die Experten in Spanien einig, dass es sich weder um ein häufiges Phänomen noch um eine zunehmende Gewalt handelt.
"Es handelt sich nicht um ein gewöhnliches Verbrechen", betont Ruth Pérez Enríquez. "Es handelt sich um extrem auffällige Morde, die sehr grausam sind und deshalb ein großes soziales Aufsehen erregen. Und die Psychologin fügt einen zentralen Schlüssel zum Verständnis hinzu: "Der Muttermord ist besonders beunruhigend, weil er das wichtigste Band zerreißt, das wir im Leben haben: das mit der Mutter, die uns das Leben geschenkt hat".
Im Laufe des Jahres 2025 und Anfang 2026 haben die Medien über diese Art von Verbrechen in Orten wie Barakaldo, Irún, Soria, Turís, Colmenar Viejo, Torelló, Vilagarcía de Arousa oder Las Palmas de Gran Canaria berichtet. In den meisten Fällen handelte es sich bei den Opfern um ältere Frauen, die mit ihren erwachsenen Kindern zusammenlebten.
Ständig unter Stress: Wenn Mütter, die ihre erwachsenen Kinder pflegen
In vielen dieser Fälle wiederholt sich derselbe Kontext: ältere Mütter, die sich hauptsächlich - und manchmal als einzige - um ihre erwachsenen Kinder kümmern, die finanziell abhängig sind, psychische Probleme haben oder in ihrer Autonomie stark eingeschränkt sind.
Diese Familien leben oft fast ohne soziale Kontakte und mit wenig externer Aufsicht. Es kommt zu einer extremen emotionalen Belastung, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hat. Längeres Zusammenleben, Isolation und mangelnde Unterstützung machen den häuslichen Bereich zu einem Umfeld, das ständig unter Stress steht. Hinzu kommt nach Ansicht von Experten ein strukturelles Defizit in der psychiatrischen Versorgung und bei den Überwachungssystemen.
"Es laufen viele Dinge falsch", sagte Ruth Pérez Enríquez zu Euronews. "Es mangelt an Ressourcen, an Fachpersonal und an der Überwachung. Viele Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen nehmen ihre Medikamente nicht mehr, weil sie sich schlecht fühlen oder weil es keine angemessene Nachsorge gibt, und wenn das passiert, treten die Symptome wieder auf".
Die Überlastung des Gesundheits- und Justizsystems in Spanien verschärft das Problem. "Gerichte und psychologische und forensische Teams sind überfordert. Wir brauchen mehr Fachleute, die ausgebildet sind, um diese Fälle zu erkennen, zu beurteilen und zu begleiten, bevor die Gewalt eskaliert", fordert die Psychologin.
Die Gewalt, die dem Verbrechen vorausgeht
In vielen Fällen geht Gewalt dem Tötungsdelikt voraus. Laut dem Bericht über Gewalt gegen Eltern in Spanien, der von der Amigo-Stiftung erstellt wurde, gab es im Jahr 2023 insgesamt 4.416 aufgezeichnete Berichte über Aggressionen von Kindern gegen ihre Eltern.
Fachleute warnen jedoch, dass nur ein Bruchteil der Fälle angezeigt wird. Viele Mütter schweigen aus Angst, Scham oder weil sie ihren Kindern nicht schaden wollen. Diese Gewalt kann sich über Jahre hinweg in Form von Beleidigungen, Drohungen, Kontrolle, Einschüchterung oder körperlicher Aggression äußern.
Nicht alle diese Episoden enden mit einem Mord, aber sie zeichnen ein Bild extremer Verletzlichkeit, die oft im familiären Umfeld verborgen bleibt.
Die Belastung durch psychische Erkrankungen
Aus forensischer Sicht ist das häufigste Muster bei Muttermorden nicht das eines geplanten Verbrechens oder einer Racheaktion, sondern das einer schweren psychischen Erkrankung. "In den meisten Fällen handelt es sich um Männer, die an psychotischen Störungen wie Schizophrenie leiden", erklärt Pérez Enríquez. "Das sind Krankheiten, die die Realitätswahrnehmung verändern und dazu führen, dass die Person sich ihrer Handlungen nicht vollständig bewusst ist."
Die Psychologin räumt mit einem der am weitesten verbreiteten Vorurteile auf: "Es stimmt nicht, dass in den meisten Fällen eine Missbrauchsgeschichte durch die Mutter vorliegt. Es gibt diese Vorstellung, dass 'sie ihm etwas angetan haben könnte', aber in der forensischen Praxis bestätigt sich diese nicht".
Was häufig vorkommt, sind alltägliche Konflikte, die sich aus dem Zusammenleben ergeben: Streitigkeiten über Geld, Hausordnung, Medikamentenkontrolle oder Situationen emotionaler Überlastung. "In einem psychotischen Ausbruch oder einem Wutanfall kann es zu Straftaten kommen. Wir sprechen hier nicht von Psychopathie oder dem Bösen".
Gleichzeitig betont die Expertin, dass "die überwiegende Mehrheit der Menschen mit psychischen Erkrankungen weder diese noch andere Verbrechen begehen". Das Problem sei nicht die Häufigkeit solcher Morde, sondern dass "wenn sie auftreten, zuvor bereits auf vielen Ebenen versagt wurde".