Europa wirkt im Zollstreit mit Donald Trump oft wie der schwächere Partner, doch ein neues Forschungspapier zeichnet ein anderes Bild: Von US-Tech-Wachstum über LNG bis zu Uran und Gasturbinen sieht es mehrere Hebel, mit denen die EU in künftigen Verhandlungen Druck aufbauen könnte.
Der Zollkonflikt zwischen der EU und den USA hat 2025 die transatlantischen Beziehungen stark belastet. Zeitweise stand in Washington im Raum, ab August deutlich höhere Abgaben auf EU-Waren zu erheben, bis hin zu 30 Prozent. Der schließlich erzielte Kompromiss sollte eine Eskalation bremsen: 15 Prozent Zoll auf viele europäische Produkte, während für Stahl und Aluminium weiterhin 50 Prozent gelten sollten. Parallel bereitete die EU-Kommission Gegenzölle auf US-Waren im Umfang von 93 Milliarden Euro vor.
Doch nicht überall stieß Ursula von der Leyens ausgehandelter Deal auf Zustimmung: Der deutsche Außenhandelsverband nannte die Einigung einen "schmerzhaften Kompromiss" und warnte, der Zollaufschlag könne für viele Händler existenzbedrohend sein.
Ein neues Forschungspapier argumentiert nun, dass Europas Ausgangslage weniger schwach ist, als sie oft wirkt. Unter dem Titel "Europas Trümpfe gegen Trump" beschreiben die Ökonomen Philippa Sigl-Glöckner und Maximilian Paleschke von der Denkfabrik "Dezernat Zukunft" mehrere Bereiche, in denen die USA von Europa abhängen. Das Institut beschäftigt sich mit Geld-, Finanz- und Wirtschaftspolitik.
Amerikanische Techkonzerne brauchen EU-Binnenmarkt
Der Ausgangspunkt der Autoren ist eine wichtige Unterscheidung: Größe ist nicht automatisch ein Druckmittel. Wirksam wird Macht erst dann, wenn es einen "Hebel" gibt, also die glaubhafte Möglichkeit, der Gegenseite im Streitfall mehr zu schaden, als man selbst getroffen wird. Um solche Hebel zu identifizieren, prüfen die Ökonomen die Beziehungen zwischen EU und USA in fünf Dimensionen: gesamtwirtschaftlich, im Finanzmarkt, in der Digitalwirtschaft, im Energiesektor und bei einzelnen Produkten.
Ein zentraler Punkt ist der Zugang zum europäischen Markt. Ohne den Binnenmarkt könnten US-Techkonzerne ihre Wachstumserwartungen nicht in gleicher Weise aufrechterhalten, schreiben die Autoren. Würden diese Erwartungen enttäuscht, könnten Aktienkurse fallen, mit Folgen auch für breite Teile der US-Bevölkerung.
Das Papier verknüpft den Aktienmarkt ausdrücklich mit sozialer Wirkung. In den USA hängt die Altersvorsorge vieler Menschen an sogenannten 401(k)-Plänen, die stark vom Börsengeschehen beeinflusst werden. Fallen Kurse, kann das laut Forschungspapier die spätere Rente reduzieren.
Europas Spielraum beim Flüssiggas
Auch beim Flüssiggas (LNG) sehen die Autoren Spielraum für Europa: Wenn durch neue US-Anlagen viel LNG auf den Markt kommt, mehr Gas kurzfristig über Spotmärkte (Käufe zum aktuellen Tagespreis statt über langfristig festgelegte Verträge) gehandelt wird und US-Anbieter weiter auf Europas zahlungskräftigen Markt angewiesen sind, können europäische Käufer eher beim Preis und bei den Bedingungen mitreden. Der Befund ist nicht, dass Europa in jedem Szenario überlegen ist, sondern dass sich Marktmacht verschieben kann, wenn Anbieter dauerhaft auf einen Absatzmarkt angewiesen bleiben.
Schlüsselprodukte: Uran und Turbinen
Besonders konkret wird das Papier bei strategischen Gütern. Für den Ausbau der Kernenergie benötigen die USA schwach angereichertes Uran, sie hätten aber kaum Kapazitäten zur eigenen Herstellung. Steigender Bedarf werde daher durch Europa und weiterhin auch Russland gedeckt.
Außerdem verweisen die Autoren auf europäische Technik bei Gas-Turbinen. Turbinen seien für Rechenzentren wichtig, weil diese nach Darstellung des Papiers derzeit schneller wachsen als das Stromnetz. Damit verbinden sie den Zollkonflikt mit dem KI-Ausbau, der nicht nur an Software, sondern auch an Infrastruktur hängt.
EU als wichtiger Lieferant für die USA
Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kommt in einer Auswertung von US-Handelsdaten im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass Washington bei vielen Importen stärker auf Europa angewiesen ist, als es im Zollstreit oft dargestellt wird.
Demnach gab es 2024 insgesamt 3.120 Warengruppen, bei denen mindestens die Hälfte der US-Importe aus der EU stammte, das entspricht rund 17,5 Prozent aller erfassten Warengruppen. Der kumulierte Importwert dieser Warengruppen lag laut IW bei rund 290 Milliarden US-Dollar; zum Vergleich nennt die IW-Studie für China 2.925 Warengruppen im Wert von 247 Milliarden US-Dollar. Besonders häufig betreffe die EU-Dominanz chemische Produkte, außerdem Maschinen, Geräte und elektrotechnische Waren sowie unedle Metalle; die Bandbreite reiche laut Berichten über die Studie von speziellen Hormonen und Insulinpräparaten bis zu Baumaschinen und Röntgenröhren.
Die Studie, die durch das Auswärtige Amt gefördert wurde, zeigt zudem: die US-Abhängigkeit von EU-Importen habe seit 2010 stark zugenommen, während sich die Importabhängigkeit von China im Zeitverlauf verringert habe, auch im Zuge eines De-Risking-Ansatzes.
Ein zentrales EU-Werkzeug
Damit solche Abhängigkeiten politisch nutzbar werden, braucht es handlungsfähige Entscheidungen. Das aktuelle Forschungspapier verweist auf das 2023 eingeführte Anti-Coercion-Instrument, mit dem Mitgliedstaaten der EU-Kommission ermöglichen können, handelspolitische Restriktionen zu ergreifen. Der Katalog reicht laut den Autoren von Import- und Exportbeschränkungen bis zu Kapitalmarktkontrollen und Maßnahmen im Bereich öffentlicher Beschaffung.
Ob die EU-Regierungen das Instrument im Streitfall aktivieren, hängt laut Philippa Sigl-Glöckner und Maximilian Paleschke von Vertrauen und internen Ausgleichsmechanismen ab. Sie sprechen von "transparente Kuhhandel", also offenen Kompensationsabsprachen zwischen Mitgliedstaaten, um gemeinsame Entscheidungen abzusichern.
Ein weiterer Hebel: US-Staatsanleihen
Die Autoren sehen auch beim US-Schuldenmarkt einen möglichen Druckpunkt: Seit 2014 werden US-Staatsanleihen ihrer Darstellung nach weniger für Währungsreserven gekauft, sondern zunehmend von Hedgefonds, die damit Geld verdienen wollen. Weil viele dieser Fonds in London sitzen und die Bank of England die Geschäfte für riskant hält, halten sie strengere Regeln für denkbar, was die Kreditaufnahme der USA verteuern und damit politischen Druck in Washington erhöhen könnte.
Langfristig plädieren die WIrtschaftsexperten dafür, den Euro als Reservewährung zu stärken. Dafür brauche es mehr "sichere" Anleihen, also Papiere, denen Investoren weltweit vertrauen. Sie verweisen in diesem Zusammenhang auf die Idee von Eurobonds. Gemeint sind Anleihen, die nicht ein einzelner Staat ausgibt, sondern die Eurozone oder die EU gemeinsam, sodass Investoren ein großes, als besonders verlässlich gedachtes Wertpapier bekommen und die beteiligten Staaten gemeinsam für Zins und Rückzahlung geradestehen.