Russland hat offenbar Schwierigkeiten, die im Ukraine-Krieg gefallenen und verletzten Soldaten zu ersetzen. Das berichtet das Institut for die Study of War (ISW). Dabei will der Kreml vor allem vermeiden, dass die angespannte Lage im Land explodiert.
Der russische Präsident Wladimir Putin versucht, das derzeitige Tempo der Offensiven im Angriffskrieg gegen die Ukraine aufrecht zu erhalten. Die schweren Verluste seiner Armee an der Front will der Kreml durch begrenzte Zwangsrekrutierungen ausgleichen.
Das berichten Experten des in den USA ansässigen Institute for the Study of War (ISW).
Die Analysten gehen davon aus, dass der Kreml schrittweise die teilweise Zwangsrekrutierung von Reservisten wieder aufnehmen wird, da die bestehenden Mechanismen zur Truppenaufstellung an ihre Grenzen gekommen sind und nicht ausreichen.
Die russische Gesellschaft wird offenbar von den Behörden bereits auf die nächsten Schritte darauf vorbereitet. Am 18. Februar verabschiedete die Staatsduma in Moskau in erster Lesung einen Gesetzentwurf zur Verschärfung der Maßnahmen gegen die "Verfälschung der historischen Wahrheit" und gegen die "Umgehung der Pflicht zur Verteidigung des Vaterlandes".
ISW-Experten gehen davon aus, dass dieses Gesetz dem Kreml eine rechtliche Grundlage für die Verfolgung von Bürgern liefern soll, die die Zwangseinberufung von Reservisten kritisieren.
Der Thinktank stellt fest, dass Putin wahrscheinlich versucht, eine begrenzte, stufenweise Einberufung zu normalisieren. Dalmit solle die Größe der russischen Truppen in der Ukraine aufrecht erhalten, die Armee aber nicht erheblich verstärkt werden.
Angst vor sozialer Explosion in Russland
Aus Angst vor einer sozialen Explosion zögert die russischen Regierung, eine neue Teilmobilisierung wie im September 2022 durchzuführen oder eine allgemeine Wehrpflicht anzukündigen.
Gleichzeitig muss Wlaidmir Putin Wege finden, den Arbeitskräftebedarf der russischen Wirtschaft zu decken. Russische Beamte sagen, dass sie bis 2030 mindestens 2,4 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte finden müssen.
Nächste Schritte von langer Hand vorbereitet
Der Kreml bereitet laut ISW das Terrain für eine ständige Zwangsmobilisierung von Reservisten vor - und dies schon seit Oktober 2025.
Im Oktober 2025 billigte die russische Regierung einen Gesetzesentwurf, der die Entsendung von Reservisten aus der aktiven Reserve außerhalb Russlands zur Erfüllung von Sonderaufgaben in bewaffneten Konflikten und bei Antiterroroperationen ermöglicht.
Im November 2025 unterzeichnete Präsident Putin einen Erlass, der es dem russischen Militär erlaubt, die Einberufung von Wehrpflichtigen ganzjährig und nicht nur zweimal im Jahr durchzuführen.
Im Dezember 2025 gab es einen weiteren Erlass des Staatschefs. Dieser Erlass regelt, dass eine nicht näher bezeichnete Anzahl russischer Reservisten 2026 in den russischen Streitkräften, der Nationalgarde (Rosgvardia), dem Föderalen Sicherheitsdienst (FSB), den militärischen Rettungseinheiten des Ministeriums für Notstandssituationen und anderen staatlichen Sicherheitsbehörden obligatorische "militärische Ausbildungslager" durchlaufen sollen.
Das ISW geht davon aus, dass es dieses Dekret dem Kreml ermöglichen dürfte, "heimlich" Mitglieder seiner strategischen inaktiven Reserve zu rekrutieren.
Gleichzeitig nimmt die Kontrolle über Kommunikationsmittel und Medien in Russland zu. Der Kreml sucht nach neuen Gründen, Telegram einzuschränken, um Kritik an der russischen Regierung und der Kriegsführung gegen die Ukraine zu unterdrücken und zu verschleiern.
Die Behörden hatten zuvor eingeräumt, dass russische Truppen Telegram im Krieg genutzt haben. Doch die offenbar geplanten Beschränkungen sollten im Kriegsgebiet nicht gelten - wahrscheinlich um kriegsbefürwortende Militärblogger zu beschwichtigen, die die Maßnahmen gegen die Plattform kritisieren.
Die Bemühungen des Kreml, die russische Gesellschaft auf eine partielle Mobilisierung der Reservisten vorzubereiten, zeigen, dass Putin vier Jahre nach dem Start der groß angelegten Invasion in der Ukraine vor für ihn schwierigen Entscheidungen steht, wie das Institute for the Study of War schon zuvor aufgezeigt hat.
Der Kreml drängt daher darauf, dass die Ukraine den Gebietsansprüchen Russlands bald nachgibt - um Moskaus militärische Ziele zu sichern, ohne weitere unbequeme Opfer bringen zu müssen.
Medwedew spricht von "übertriebenen Gerüchten"
Am Donnerstag sagte der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, ein ehemaliger russischer Präsident und enger Vertrauter Putins, dass die "Gerüchte über eine Personalkrise übertrieben" seien. Der militärisch-industrielle Komplex Russlands sei "der mächtigste der Welt".
Medwedew erklärte, demobilisierte Kriegsveteranen würden in spezielle "Meisterschulen" geschickt, um berufliche Fähigkeiten zu erlernen.
Doch selbst die Daten russischer Statistiken und nationaler Forschungsinstitute widersprechen den Aussagen des Politikers und zeigen einen Arbeitskräftemangel, der sich vier Jahre nach Beginn des Angriffskrieg gegen die Ukraine zunehmend bemerkbar macht.