Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Teilmobilmachung und Zwangsrekrutierungen in Russland

Access to the comments Kommentare
Von Julika Herzog  mit dpa, AP, AFP
euronews_icons_loading
Mehr Verkehr an der Finnischen Grenze- viele Russen wollen einer Zwangsrekrutierung entgehen
Mehr Verkehr an der Finnischen Grenze- viele Russen wollen einer Zwangsrekrutierung entgehen   -   Copyright  Lauri Heino/Lehtikuva via AP

Szenen wie diese sieht man gerade in ganz Russland: Eine Mutter verabschiedet sich von ihrem Sohn, der zum kämpfen an die Front in die Ukraine geht.

Nicht verifizierte Videos im Internet zeigen, dass die russischen  Behörden in den sibirischen Teilrepubliken Burjatien und Sacha (Jakutien) schon am Donnerstag viele junge Männer zum Militär eingezogen haben.

Selenskyj ruft Russen zum Protest gegen Mobilmachung auf

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Russen dazu aufgerufen, sich gegen die Teilmobilmachung im Land zu stellen. «Protestiert! Kämpft! Lauft weg! Oder begebt Euch in ukrainische Kriegsgefangenschaft! Das sind die Varianten für Euch zu überleben», wandte sich Selenskyj am Donnerstag in seiner täglichen Videoansprache auf Russisch an die vor der Mobilisierung stehenden Menschen in Russland. Seinen Angaben nach sind bereits 55 000 russische Soldaten in der Ukraine ums Leben gekommen.

Selenskyj richtete auch einen Appell an die Mütter und Ehefrauen der Einberufenen. "Zweifelt nicht daran, dass die Kinder der Führung Eures Staats nicht am Krieg gegen die Ukraine teilnehmen. Diejenigen, die die Entscheidungen in Eurem Land treffen, schützen ihre Kinder. Und Eure Kinder werden nicht einmal beerdigt", sagte er.

Das Team rund um den Oppositionellen Alexej Nawalny hat mit einem fingierten Telefonat genau das zeigen wollen: dass die russische Elite von der Teilmobilisierung unberührt bleibt. Der Sohn von Kremlsprecher Dmitri Peskow will sich anscheinend der Mobilmachung entziehen.

Viele junge Russen haben dagegen bereits ihren Einberufungsbescheid erhalten. Wegen der Teilmobilmachung der russischen Truppen werden gerade Zehntausende eingezogen, laut Kreml insgesamt 300.000 Mann.

Kreml dementiert höhere Zahlen zu Mobilisierung

Berichte der russischen Zeitung im Exil "Nowaja Gaseta", die sich auf Quellen im russischen Präsidialamt bezieht und von Hackern, die behaupten sich in die Webseite des russischen Verteidigungsministeriums gehackt zu habe, nach denen Wladimir Putin in seinem Erlass vom Mittwoch dem Verteidigungsministerium freie Hand zur Mobilisierung von bis zu einer Million Mann gegeben haben soll, dementierte Moskau.

"Übrigens wird in der Ukraine seit vielen Jahren eine totale Mobilisierung der gesamten erwachsenen Bevölkerung durchgeführt, auch der Frauen, um sie für die Reihen der ukrainischen nationalistischen Bataillone und der ukrainischen Streitkräfte zu rekrutieren", so der russische Außenminister Sergej Lawrow bei der UN-Vollversammlung in New York.

Viele Russen protestieren gegen Putins Kriegszwang

Angesichts der vom Kreml verkündeten Zwangsmobilisierung versuchen viele junge Männer, sich aus Russland abzusetzen. Flüge waren ausgebucht oder kaum bezahlbar. An den Grenzen zu Finnland, wohin es nur mit Visum geht, oder in die Südkaukasusrepublik Georgien hat der Grenzverkehr zugenommen.

Allerdings dementierte der finnische Grenzschutz Berichte aus sozialen Medien, in denen von 35 Kilometern Stau vor der russisch-finnischen Grenze die Rede war. Die entsprechenden Videos seien früher entstanden und nun aus dem Zusammenhang gerissen worden, so die Behörde.

Die baltischen Länder und Polen hatten am Montag ihre Grenzen für russische Touristen geschlossen. Finnland bietet derzeit die einzige Landesgrenze, über die Russen mit einem Touristenvisum in die EU einreisen dürfen. In Deutschland machen sich bereits Politiker der Koalition und der Opposition für eine erleichterte Aufnahme russischer Kriegsdienstverweigerer und Deserteure stark.

In Moskau, Sankt Petersburg und anderen Städten des Landes gab es Proteste gegen den erzwungenen Dienst an der Waffe - und Hunderte Festnahmen. Unabhängige russische Medien berichten auch, dass Russland unter denjenigen, die bei Antikriegsprotesten festgenommen wurden, Zwangsrekrutierungen durchführt. Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete es als rechtens, dass dort Festgenommenen direkt auch der Einberufungsbescheid überreicht wurde.