Deutschland rüstet auf, doch bei präzisen Langstreckenschlägen bleibt eine Lücke. Neue Systeme sollen sie schließen – oft mit US-Technologie, was die Abhängigkeit erhöht. Eigene europäische Projekte laufen, werden aber erst in den 2030er-Jahren verfügbar sein.
Die deutschen Streitkräfte werden massiv aufgerüstet, doch eine wichtige Fähigkeit fehlt der Bundeswehr: die sogenannten "Deep Strike Capabilities". Darunter versteht man Präzisionsschläge aus großer Entfernung, also die Fähigkeit, hochrangige militärische und infrastrukturelle Ziele mehrere hundert bis tausende Kilometer hinter der Front präzise zu treffen.
Momentan besitzt die Bundeswehr nur eine Waffe, die man in die untere bis mittlere Deep-Strike-Kategorie einteilen kann: den Taurus-Marschflugkörper, ein deutsch-schwedisches Produkt. Der Taurus liegt mit über 500 Kilometern am unteren bis mittleren Ende dieser Waffengattung.
Künftig soll die Truppe jedoch noch besser in der Lage sein, solche potenziellen Ziele auch über größere Entfernungen präzise zu treffen.
Für den neuen Kampfjet F-35 soll beispielsweise der Marschflugkörper JASSM-ER beschafft werden, der mit einer Reichweite von rund 1.000 Kilometern deutlich weiter reicht als bisherige Systeme. Sowohl das Kampfflugzeug als auch der Marschflugkörper werden von der US-Firma Lockheed Martin hergestellt.
Mit solchen Beschaffungen wächst jedoch auch die Abhängigkeit von den USA. In der Vergangenheit wurde in diesem Zusammenhang sogar spekuliert, ob ein möglicher "Kill Switch" in dem Kampfflugzeug eingebaut sein könnte – ein Szenario, das für die europäischen Käufer erhebliche Risiken bergen würde. Unter einem "Kill Switch" verteht man eine Funktion, die ein System, eine Verbindung oder ein Gerät bei Bedarf abschaltet. Die Existenz eines solchen Mechanismus wurde bislang allerdings nicht belegt.
Unabhängig davon verweist die Diskussion auf ein grundlegenderes Problem: die tiefe strukturelle Bindung an amerikanische Systeme und die Kontrolle die die USA dadurch über die Waffen haben.
"Diese Abhängigkeiten sind langfristig – man kann sich nicht schnell davon distanzieren", sagt die Politikwissenschaftlerin Dr. Jana Puglierin zu Euronews.
Diese Abhängigkeit war Puglierin zufolge bis vor kurzem "gewollt": "Man hat ja gedacht, dass man sich, indem man amerikanische Waffensysteme kauft und der Rüstungsindustrie eng kooperiert, insofern auch amerikanische Wirtschaftsinteressen dadurch bedient, dass man sich dadurch amerikanischen Schutz einkaufen kann", erklärt sie.
"Und jetzt sieht man, dass es vielleicht nicht unbedingt so eine Kausalkette gibt. Aber also der Fokus ist ja jetzt sehr groß darauf zu sagen, wir kaufen jetzt europäisch-deutsche Sachen, bei manchen geht es natürlich nicht, wie zum Beispiel beim F-35."
Trotzdem prüft die Regierung zusätzlich, den amerikanischen Marschflugkörper Tomahawk einzuführen, der sowohl von Land als auch von See eingesetzt werden kann und Reichweiten von bis zu 2.500 Kilometern erreicht. Bereits im Jahr 2024 haben Deutschland und die USA vereinbart, ab 2026 zeitweise US-Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland zu stationieren.
Vereinbart wurde die Stationierung noch unter US-Präsident Joe Biden. Zuletzt bekräftigten jedoch sowohl NATO-Generalsekretär Mark Rutte als auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), dass sie weiterhin damit rechnen.
Deutscher Marschflugkörper "auf Steroiden"
Der Taurus könnte perspektivisch durch den Taurus Neo weiterentwickelt werden, der vom Fachmagazin Hartpunkt nicht ohne Grund als "Taurus auf Steroiden" bezeichnet wird.
Während das aktuelle System trotz Modernisierungen noch auf einer Variante aus den frühen 2000er-Jahren basiert, macht der Neo vor allem bei Elektronik, Sensorik und Navigation einen deutlichen Fortschritt. Im Fokus stehen leistungsfähigere Rechner, robustere bild- und geländegestützte Navigation auch bei einer Störung des Satellitensystems GPS sowie eine effizientere Missionsplanung.
Am Grundprinzip dürfte sich hingegen wenig ändern: Form und Wirkung bleiben weitgehend gleich, was die Integration erleichtern würde. Es wird jedoch erwartet, dass Reichweite, Überlebensfähigkeit und möglicherweise auch Selbstschutzfähigkeiten verbessert werden, auch wenn dazu bislang keine offiziellen Details vorliegen.
Darüber hinaus arbeitet Deutschland gemeinsam mit Norwegen an einem neuen Flugkörper namens "Tyrfing", der ebenfalls sowohl gegen See- als auch Landziele eingesetzt werden kann.
In Kooperation mit den Briten ist zudem eine neue Langstreckenrakete in Planung. Im Fokus steht ein "Deep Precision Strike"-Programm, das erstmals auch deutsche Kapazitäten für Angriffe über mehr als 2.000 Kilometer hinweg schaffen soll.
Die Initiative, die auf dem deutsch-britischen Trinity-House-Abkommen von Oktober 2024 aufbaut, umfasst eine neue Generation von Marschflugkörpern und Hyperschallwaffen.
Diese sollen ab den 2030er-Jahren einsatzbereit sein – und könnten eine zentrale Lücke in Europas Abschreckungsarchitektur schließen, wie es laut der britischen National Armaments Director Group heißt, die zum britischen Verteidigungsministerium gehört.
Wie der Labour-Minister Luke Pollard, der vor wenigen Tagen den Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, Jens Plötner, getroffen hat, in einem LinkedIn-Beitrag sagt: "Wir statten unser Militär nicht nur mit den besten Waffen aus, um eine möglichst starke Abschreckung für unsere Gegner zu gewährleisten, sondern schaffen damit auch die industriellen Grundlagen, die beide Nationen an der Spitze der Verteidigungstechnologie halten und uns im Inland Sicherheit und im Ausland Stärke verschaffen."
Europa ohne Reichweite
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat deutlich gemacht, wie entscheidend präzise Langstreckenfähigkeiten in der modernen Kriegsführung sind – sowohl für Schläge gegen militärische Infrastruktur tief im Hinterland als auch für Abschreckung.
Europa hat in diesem Bereich nach wie vor Lücken. Zwar verfügen Großbritannien und Frankreich mit Storm Shadow und Scalp über eigene Fähigkeiten, doch auch diese sind begrenzt – sowohl in Stückzahl als auch in Reichweite und Weiterentwicklung.