Mehrere französische Reaktoren wurden wegen hoher Flusstemperaturen gedrosselt oder abgeschaltet. Die Hitzewelle verschärft sich, während Europa auf Temperaturen von bis zu 43 Grad zusteuert.
Der staatliche französische Energiekonzern EDF hat aus Umweltschutzgründen vorübergehend zwei Atomreaktoren abgeschaltet. Frankreich leidet unter einer Rekord-Hitzewelle, die bereits Todesopfer gefordert hat. Bis Montag bestätigten die Behörden mindestens 18 hitzebedingte Todesfälle. Seit dem 18. Juni sind zudem mindestens 40 Menschen ertrunken.
Die am Donnerstag vom Netz genommenen Reaktoren stehen im Kernkraftwerk Nogent-sur-Seine an der Seine nördlich von Paris und im Kraftwerk Bugey an der Rhone nahe Lyon im Südosten des Landes. Beide Abschaltungen wurden durch steigende Wassertemperaturen in den Flüssen ausgelöst. EDF ist gesetzlich verpflichtet, diese zu überwachen, um zu verhindern, dass zu warmes Kühlwasser Ökosysteme in den Flüssen schädigt.
Atomkraftwerke nutzen Flusswasser zur Kühlung der Reaktoren und leiten es anschließend wieder zurück. Je nach Standort ist das Wasser dann wenige Zehntelgrad bis mehrere Grad wärmer als beim Einlauf. Steigen die Flusstemperaturen während Hitzewellen ohnehin an, müssen Betreiber die Leistung drosseln oder Anlagen abschalten, um die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte für die Einleittemperaturen einzuhalten.
Nogent-sur-Seine hatte die Leistung eines Reaktors bereits Anfang der Woche reduziert, "um die Temperaturdifferenz zwischen dem aus der Seine entnommenen Wasser und dem wieder eingeleiteten Wasser zu begrenzen und so Pflanzen- und Tierwelt zu schützen", teilte EDF mit.
Auch ein Reaktor im Kraftwerk Golfech an der Garonne im Südwesten Frankreichs wurde am Montag heruntergefahren. An mehreren weiteren Standorten senkte EDF die Produktion. Insgesamt betreibt der Konzern 57 Reaktoren, die im vergangenen Jahr knapp 70 Prozent der französischen Stromerzeugung lieferten.
Trotz der Ausfälle sieht der französische Netzbetreiber RTE die Versorgung gesichert. "Frankreich verfügt über ausreichende Erzeugungskapazitäten, um die Stromnachfrage zu decken, auch wenn einzelne Anlagen ausfallen", erklärte das Unternehmen am Mittwoch.
Frankreich hat mehr als die Hälfte seiner 96 Festland-Départements wegen Lebensgefahr auf die Gefahrenstufe Rot gesetzt, ruft die Bevölkerung auf, direkte Sonneneinstrahlung zu meiden und "äußerste Wachsamkeit" walten zu lassen, während sich die Hitzewelle weiter verschärft. Nach Angaben von Météo-France war Dienstag, der 23. Juni, der heißeste Tag seit Beginn der Messreihen im Jahr 1947.
Die Krise beschränkt sich nicht auf Frankreich. Auch Deutschland, Spanien, Portugal und die Schweiz erwarten extreme Temperaturen, die das öffentliche Leben zunehmend lahmlegen. Hunderte Schulen bleiben geschlossen oder beenden den Unterricht früher. In Städten wie Paris und Brüssel fahren weniger Züge, um das Risiko von Pannen zu senken.
Es ist bereits die dritte Hitzewelle dieses Jahres in Europa. Meteorologinnen und Meteorologen rechnen im Mittelmeerraum mit Temperaturen von bis zu 43 Grad. Die Belastung der Stromnetze zeichnet sich bereits ab: An den Spitzentagen der Hitzewelle im vergangenen Juni und Juli stieg der tägliche Stromverbrauch um bis zu 14 Prozent. Die durchschnittlichen Tagespreise für Strom verdoppelten oder verdreifachten sich.
Forschende sprechen von einer besorgniserregenden Entwicklung. Laut einer neuen umfassenden Studie erleben Teile Europas inzwischen bis zu 40 zusätzliche Tage mit extremem Hitzestress im Vergleich zu den 1970er-Jahren.