Die als „radikale Ökonomin“ geltende Miatta Fahnbulleh spricht Klartext zur Klimakrise – beendet sie nun den Streit um die Nordsee?
In Großbritannien wächst erneut die Sorge, dass die Regierung ihr Versprechen eines schrittweisen Ausstiegs aus der Öl- und Gasförderung in der Nordsee zurücknimmt. Auslöser ist die Ernennung von Premierminister Andy Burnham.
Im vergangenen Jahr stellte das britische Ministerium für Energiesicherheit und Netto-Null-Emissionen (DESNZ) unter der Regierung von Keir Starmer die Vergabe neuer Explorationslizenzen in der Nordsee ein.
Seitdem bekommen Förderunternehmen keine Genehmigungen mehr, um in bislang unerschlossenen Gebieten nach neuen Öl- und Gasvorkommen zu suchen. Laufende Projekte bleiben jedoch erlaubt.
Genehmigt Andy Burnham neue Bohrungen in der Nordsee?
Schon vor seiner Vereidigung berichteten Medien, Burnham bereite Pläne für neue Öl- und Gasbohrungen vor.
Im Mittelpunkt der Spekulationen stehen zwei große Öl- und Gasfelder vor der Küste Schottlands, Rosebank und Jackdaw. Die frühere konservative Regierung hatte sie 2022 und 2023 zur Förderung freigegeben. Nach einer Klage kassierten Gerichte die Genehmigungen 2025 wieder.
Anfang dieser Woche meldete sich Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social zu Wort. Der US-Präsident erklärte, er habe mit Burnham über das Nordseeöl gesprochen. Trump kritisiert seit Langem das Verbot neuer Explorationslizenzen und hatte Starmer zuvor aufgefordert, „drill baby, drill“.
Doch Lucy Powell, stellvertretende Labour-Vorsitzende, beschwichtigte Umweltverbände. Sie bestätigte, dass Burnham am Wahlprogramm der Partei festhalten will.
„Wir haben mit Tiebacks und anderen Maßnahmen klar gemacht, dass Gas und Öl aus der Nordsee weiter gedeihen und zum Energiemix beitragen sollen. Gleichzeitig bleiben wir entschlossen: Energiesicherheit und niedrigere Rechnungen erreichen wir nur, wenn wir uns nicht länger auf fossile Brennstoffe verlassen, sondern auch die günstigere, erneuerbare Energie der Zukunft ausbauen“, sagte sie.
Mit Tiebacks ist die Förderung in Gebieten gemeint, die nahe an bestehenden Förderstätten liegen. Berichten zufolge könnten solche Vereinbarungen neue Bohrungen ermöglichen, ohne das Wahlprogramm formal zu verletzen.
Nach einer größeren Kabinettsumbildung scheint die Zukunft der Nordsee nun maßgeblich in den Händen der neuen Energieministerin Miatta Fahnbulleh zu liegen.
Wer ist Miatta Fahnbulleh?
Die britische Zeitung The Guardian beschreibt sie als „radikale Ökonomin“, die „kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um die Klimakrise geht“. Fahnbulleh gewann im Juli 2024 das Unterhausmandat für den Londoner Wahlkreis Peckham.
Sie studierte Philosophie, Politik und Wirtschaft an der Universität Oxford und promovierte anschließend in Entwicklungsökonomie an der London School of Economics.
Von 2017 bis 2023 leitete sie als Chief Executive den Thinktank New Economics Foundation, der schon früher ein vollständiges Ende neuer Bohrungen im Nordseebecken gefordert hatte.
Die Organisation prägte zudem den Begriff „Green New Deal“ für ein Bündel von Maßnahmen, das die Finanzkrise 2008, die Klimazerstörung und steigende Energierechnungen adressieren sollte.
Vertraute Fahnbullehs sagen dem Guardian, sie habe die nötigen Fähigkeiten und den Intellekt, um den Mythos zu entkräften, zusätzliche fossile Brennstoffe würden Großbritannien energieunabhängig machen und die Rechnungen senken.
Schon jetzt steht sie unter Druck von Umweltorganisationen, die von ihr verlangen, „die Linie gegen schädliche fossile Expansion zu halten“.
Euronews Earth fragte beim DESNZ nach, ob es Pläne für neue Förderlizenzen gibt und ob Tiebacks genutzt werden sollen, um das Wahlprogramm der Labour-Partei zu umgehen.
Ein Regierungssprecher beantwortete die Frage nicht direkt und erklärte: „Die Nordsee bleibt ein zentrales nationales Asset, das Arbeitsplätze, Wachstum und die Energiesicherheit des Vereinigten Königreichs unterstützt.
Wir sind klar darin, dass Öl und Gas auch in den kommenden Jahrzehnten eine wichtige Rolle in unserem Energiesystem spielen werden – neben erneuerbaren Energien, Kernkraft und anderen kohlenstoffarmen Technologien. Unser Fokus liegt auf Stabilität und darauf, dass die Nordsee weiterhin einen starken Beitrag zur britischen Wirtschaft und Energiesicherheit leistet.“
Nordsee-Bohrungen: Sinken dadurch die Energierechnungen?
Viele Befürworter weiterer Bohrungen setzen darauf, dass dies angesichts der hohen Öl- und Gaspreise die Rechnungen senkt. Fachleute halten das jedoch für einen weit verbreiteten Irrtum.
Eine Analyse der Universität Oxford (Quelle auf Englisch) aus dem Jahr 2026 kommt zu dem Ergebnis: Ein vollständig mit erneuerbaren Energien betriebenes Vereinigtes Königreich könnte Haushalten bis zu 441 Pfund (etwa 517 Euro) pro Jahr ersparen.
Maximale Öl- und Gasförderung in der Nordsee brächte dagegen laut Studie nur Einsparungen zwischen 16 Pfund (19 Euro) und 82 Pfund (95 Euro) im Jahr – und auch nur, wenn der Staat die zusätzlichen Steuereinnahmen direkt an Haushalte ausschüttet, um deren Rechnungen zu dämpfen.
Mitautor Anupam Sen nennt das Argument, die Nordsee leer zu pumpen, um Großbritannien energiepolitisch abzusichern und die Rechnungen deutlich zu senken, „reine Fantasie“.
„Unsere Berechnungen zeigen: Unabhängig davon, wie lange Nordseeöl und -gas noch reichen, würde ein ‚drill baby, drill‘-Ansatz am Ende mehr kosten, als wenn wir unseren Kurs in Richtung sauberer Energie fortsetzen.“
Damit erneuerbare Energien wirklich spürbare Einsparungen bringen, sei jedoch „Investition im Voraus“ nötig, betont Mitautorin Cassandra Etter-Wenzel – etwa für die Elektrifizierung eines Haushalts durch den Kauf und Einbau einer Wärmepumpe.
Die Analyse nutzt Öl- und Gaspreise vom Januar 2026, also vor den Preisschwankungen durch den Iran-Krieg. Die Forschenden sehen sie als repräsentativ für realistische mittel- bis langfristige Preise.
Nach ihren Berechnungen fallen die Einsparungen durch saubere Energie Jahr für Jahr erneut an, während Öl und Gas aus der Nordsee endliche Ressourcen sind. Fachleute warnen, dass sie etwa um 2040 weitgehend erschöpft sein könnten.
Zudem erinnern viele Expertinnen und Experten daran, dass der Weltmarkt die Öl- und Gaspreise bestimmt und britische Verbraucherinnen und Verbraucher keine Rabatte bekommen. Gas, das aus britischen Gewässern gefördert wird, lässt sich an den Höchstbietenden exportieren. Mehr heimische Produktion senkt die Kosten im Inland daher nur minimal.