Drohnen, mögliche Sabotage und unklare Zuständigkeiten: Mit dem Ausbau der Offshore-Windkraft wächst in der Nordsee die Sorge vor hybriden Bedrohungen. Experten warnen vor Sicherheitslücken rund um Europas kritische Energieinfrastruktur.
Sabotage, Drohnenflüge oder Ausspähungen durch U-Boote: Die Nordsee und ihre Offshore-Windparks geraten zunehmend ins Visier hybrider Bedrohungen. Damit steht auch eine der wichtigsten erneuerbaren Energiequellen Europas unter Druck.
Doch wer ist für den Schutz der Anlagen zuständig?
Anfang 2026 waren in der Nordsee bereits mehr als 100 Offshore-Windparks in den ausschließlichen Wirtschaftszonen Deutschlands, Großbritanniens, der Niederlande, Dänemarks und Belgiens in Betrieb. Vor allem die Deutsche Bucht und die britische Ostküste haben sich zu einem der größten Offshore-Windzentren weltweit entwickelt.
Sicherheitslücken rund um Offshore-Windparks
Mit den Offshore-Windparks weit draußen auf See stellt sich auch die Frage nach der Sicherheit der Anlagen: Wer ist im Ernstfall zuständig – Behörden, private Sicherheitsdienste oder die Betreiber selbst?
Anders als an Land sind die Zuständigkeiten auf See oft unklar. In Deutschland etwa soll die Polizei eingreifen, wenn eine Drohne über kritischer Infrastruktur gesichtet wird. Handelt es sich um militärisches Standorte, ist die Bundeswehr zuständig.
Werden Drohnen jedoch über Offshore-Anlagen gesichtet – möglicherweise zur Aufklärung oder zum Ausspähen der Infrastruktur –, werden solche Vorfälle häufig weder erfasst noch weitergemeldet. Oft bleibt es bei der Beobachtung.
Albéric Mongrenier, Direktor der European Initiative for Energy Security (EIES), beobachtet seit Jahren eine wachsende Zahl hybrider Bedrohungen gegen Energieinfrastruktur. Solche Angriffe nähmen "nicht nur zu, sondern würden auch vielfältiger – an Land ebenso wie auf See", sagte er bei einem digitalen runden Tisch zum Thema hybride Gefahr für die Nordsee-Windparks.
Offshore-Windparks gerieten ihm zufolge dabei nicht nur wegen ihrer Bedeutung für die Energieversorgung in den Fokus, sondern auch wegen ihrer Lage: Die Anlagen liegen weit vor der Küste und sind entsprechend schwer zu schützen. Als besonders anfällig gelten demnach die Kabelverbindungen zwischen den Windparks und dem Festland.
Dan Marks, Experte für Energiesicherheit beim britischen Royal United Services Institute (RUSI), sieht zudem ein grundlegendes Problem beim Umgang mit solchen Vorfällen: Es fehle an einem funktionierenden Informationsaustausch. Beobachtungen würden zwar oft an die Polizei weitergegeben, doch wie es anschließend weitergeht, sei häufig unklar.
Viele Unternehmen hätten außerdem kaum Interesse daran, Vorfälle überhaupt zu melden. "Man sieht eine Drohne, fragt sich kurz, was sie dort macht, beobachtet sie eine Weile – und irgendwann ist sie wieder weg. Und niemand meldet es", sagt Marks bei demselben runden Tisch.
Dass es sich dabei um gewöhnliche Hobbydrohnen handelt, hält er für unwahrscheinlich. Kaum eine private Drohne fliege "aus Versehen mehrere Seemeilen weit aufs offene Meer hinaus und bleibt dann dort stehen". Wer hinter den Flügen steckt oder von wo die Drohnen gestartet werden, ist dennoch bislang unklar.
Marks verwies in diesem Zusammenhang auch auf Fälle, bei denen Drohnen offenbar von sogenannten Schattenflotten-Tankern aus eingesetzt wurden. Das sei allerdings kein Problem, das nur die Nordsee betreffe.
Kann Deutschland seine Offshore-Windparks schützen?
Bei der Abwehr hybrider Bedrohungen wie Drohnen stößt Europa bislang an strukturelle Grenzen. Zuständigkeiten, Sicherheitskonzepte und Abläufe unterscheiden sich von Land zu Land. Dementsprechend schwierig ist eine koordinierte Reaktion.
Aus Sicht von Mongrenier von der European Initiative for Energy Security (EIES) fehlt es vor allem an klaren Zuständigkeiten, an denen sich auch Unternehmen orientieren können. "Es braucht eine klare Rollenverteilung zwischen Polizei, Militär und den verschiedenen Behörden", so Mongrenier.
Für private Betreiber müsse eindeutig sein, wer in welcher Situation verantwortlich ist – vor einem Angriff, währenddessen und in der Phase danach. Gerade innerhalb Europas gebe es dabei große Unterschiede. Besonders die nordischen Staaten seien gut vorbereitet, allen voran Norwegen. Deutschland habe es wegen seiner föderalen Strukturen und der vielen Ebenen deutlich schwerer.
Ähnlich sieht das auch Sabrina Schulz, Deutschland-Direktorin der EIES. Die Vielzahl an Zuständigkeiten von Polizei, Wasserschutzpolizei, Marine, Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und weiteren Behörden mache die Lage kompliziert, erklärt sie Euronews Earth. Gleichzeitig könne der Bund aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht einfach eingreifen und die Verantwortung an sich ziehen.
"Deutschland ist horizontal wie vertikal komplex", sagte Schulz. Eine wichtige Rolle spielt dabei bereits das Maritime Sicherheitszentrum (MSZ), das im Ernstfall als zentrale Schnittstelle zwischen den verschiedenen Behörden fungiert und die Koordination übernimmt. Mit Ländern wie Norwegen lasse sich Deutschland deshalb nur bedingt vergleichen, meint Schulz. Dennoch könne Deutschland von anderen Nordsee-Staaten lernen und erfolgreiche Modelle an die eigenen Strukturen anpassen.
Warum Offshore-Windparks für Europa so wichtig sind
Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 ist Energieversorgung in Europa nicht mehr nur ein wirtschaftliches Thema, sondern auch eine Frage der Sicherheit. Vor allem Deutschland versuchte damals, möglichst schnell unabhängiger von russischem Öl und Gas zu werden und erschloss neue Lieferquellen, unter anderem für Flüssiggas aus den USA und Katar.
Doch auch diese Alternativen gelten längst nicht mehr als verlässlich. Mit den Spannungen zwischen den USA, Israel und Iran wächst die Sorge vor möglichen Störungen in der Straße von Hormus – einer der wichtigsten Handelsrouten für Öl weltweit.
Umso wichtiger wird für viele europäische Staaten der Ausbau der Offshore-Windkraft. Daniel Greve, Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums, bezeichnete sie im Gespräch mit Euronews Earth als einen zentralen Baustein für ein widerstandsfähiges deutsches und europäisches Energiesystem. Offshore-Windparks könnten helfen, die Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren, weil sie vergleichsweise konstant Strom liefern.
Noch bevor sich der Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran zugespitzt hat, hatten sich mehrere europäische Staaten auf einen deutlich schnelleren Ausbau der Offshore-Windkraft verständigt. Grundlage dafür ist die Hamburger Erklärung, die im Januar von neun Nordsee-Staaten unterzeichnet wurde, darunter Deutschland und Großbritannien.
In der Erklärung heißt es, dass ab 2031 in Europa jedes Jahr Offshore-Windanlagen mit einer Leistung von insgesamt 15 Gigawatt neu ans Netz gehen sollen. Mit 15 Gigawatt könnte man rund 10,5 Millionen durchschnittliche Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen.
Im Gegenzug stellt die Branche sinkende Kosten und rund 91.000 neue Arbeitsplätze in Aussicht.
Insgesamt könnte der Ausbau laut Schätzungen eine Wirtschaftsleistung von rund einer Billion Euro auslösen. Daniel Greve vom Bundeswirtschaftsministerium erklärte Euronews Earth, dass das Ziel nur erreichbar sei, wenn die Nordsee-Staaten ihre Projekte deutlich enger koordinieren. Ausschreibungen, Bauphasen und Inbetriebnahmen sollen künftig besser aufeinander abgestimmt werden, um Engpässe bei Lieferketten und Verzögerungen zu vermeiden.
Mit dem schnellen Ausbau wächst allerdings auch die Sorge um die Sicherheit der Infrastruktur. Deutschlands Offshore-Windkraft werde in den kommenden Jahren massiv wachsen, sagte Sabrina Schulz von der European Initiative for Energy Security (EIES).
Schon heute befinden sich fast alle deutschen Offshore-Windparks außerhalb der deutschen Hoheitsgewässer in den Auschließlichen Wirtschaftszonen Deutschlands (AWZ) der Nord- und Ostsee – und sind dadurch deutlich schwieriger zu überwachen und zu schützen.
Ende 2025 lag die installierte Offshore-Leistung in Deutschland laut Schulz bei rund 9,7 Gigawatt. Damit ist Deutschland nach Großbritannien der zweitgrößte Offshore-Markt Europas. Bis 2045 soll sich die Kapazität versiebenfachen. Trotzdem hält Schulz Offshore-Windparks grundsätzlich für widerstandsfähiger als Öl- und Gasinfrastruktur. Es gebe keine einzelnen neuralgischen Punkte, deren Ausfall das gesamte System gefährden würde.
Außerdem arbeiteten dort keine großen Mannschaften, und es müssten keine explosiven Stoffe abgesichert werden. "Frühere hybride Angriffe konzentrierten sich vor allem auf das Baltikum", so Schulz. "Trotzdem müssen wir uns darauf vorbereiten, dass solche Bedrohungen künftig auch die Nordsee stärker betreffen könnten."