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Pro Tag 1000 neue Soldaten: So funktioniert Putins Mobilmachung für den Ukraine-Krieg

Sankt Petersburg: Rekrutierungsstelle
Rekrutierungsstelle in St. Petersburg Copyright  AP Photo/Dmitri Lovetsky
Copyright AP Photo/Dmitri Lovetsky
Von Irina Sheludkova
Zuerst veröffentlicht am
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Durch Druck auf Arbeitgeber und Regionen, besondere Prämien sowie Soldaten aus Nordkorea stockt Präsident Putin seine Armee für den Ukraine-Krieg auf, ohne offene Mobilmachung.

Regierungsvertreter in Russland betonen, es gebe derzeit keine Notwendigkeit, eine neue Mobilisierung für den Krieg gegen die Ukraine auszurufen. Politische Beobachter berichten jedoch von systematischem Druck auf die Regionen, die Rekrutierungsvorgaben aus Moskau zu erfüllen.

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„Die Regionen kommen mit ihrer Aufgabe bei der Auswahl von Vertragssoldaten zurecht“, erklärte das Mitglied des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, Generalleutnant Viktor Sobolew. Nach seinen Worten „haben alle Subjekte der Russischen Föderation einen bestimmten Auftrag zur Rekrutierung von Vertragssoldaten“. Zudem brauche die russische Armee „Angriffsoperationen mit entschlossenen Zielen“.

„Dieses Thema sollte man gar nicht erst aufwerfen, um das Volk nicht unnötig aufzuwühlen“, meint der Duma-Abgeordnete und Generalleutnant a. D. Andrej Guruljow. Er spricht auch von Gerüchten, die darauf abzielten, die Lage in Russland zu destabilisieren.

1.000 neue Vertragssoldaten - pro Tag

Der Russland-Experte der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP), Janis Kluge, untersucht die Mobilisierungspläne der russischen Regierung. In seiner jüngsten Analyse schreibt er: „Daten aus den Regionen zeigen, dass Russland weiterhin rund 1 000 neue Vertragssoldaten pro Tag gewinnt. Laut den Regionalhaushalten sind im zweiten Quartal 93 000 neue Verträge geschlossen worden. Bestätigen die demnächst veröffentlichten Haushaltszahlen diesen Trend, könnte der Bedarf an einer weiteren Mobilisierungsrunde geringer sein, als es zu Jahresbeginn schien.“

Janis Kluge weist darauf hin, dass es kaum offizielle Informationen darüber gibt, wie der Kreml die Einberufung im Inland organisiert.

„Das meiste, was wir wissen, beruht auf einzelnen Berichten, etwa auf Aussagen regionaler Beamter, die Zielvorgaben erwähnen, die sie erfüllen müssen. Diese Äußerungen sind indirekt und oft vage, sie lassen aber bereits eine hierarchische Struktur erkennen: Die Zentralregierung legt für jede Region eine Rekrutierungsquote fest, die die dortigen Behörden erreichen sollen“, erklärt der Forscher. So geraten die lokalen Verwaltungen unter Druck aus Moskau.

Einberufungshierarchie endet nicht in den Regionen

„Die Regionalbehörden setzen Zielzahlen für ihre Bezirke. Diese beauftragen wiederum Gemeinden und sogar Unternehmen, Männer zu finden, die bereit sind, Militärverträge zu unterschreiben. Details in Kommunalberichten der vergangenen Jahre helfen nachzuvollziehen, wie und wann das heutige hierarchische Einberufungssystem ursprünglich entstanden ist“, so Kluge.

Der deutsche Ökonom hebt hervor, dass diese Berichte zahlreiche Einzelheiten darüber enthalten, wie die Rekrutierungspläne erfüllt werden, unter anderem durch systematischen Druck.

„Offenbar kommen Fälle, in denen jemand einfach in ein Rekrutierungszentrum geht, um einen Vertrag zu unterschreiben, relativ selten vor. Stattdessen gibt es erheblichen systematischen Druck: Bezirke erstellen Listen potenziell 'geeigneter Kandidaten‘ und nehmen wiederholt Kontakt mit ihnen auf, um 'Gespräche‘ zu führen – auch durch Besuche in ihren Wohnungen und an ihren Arbeitsplätzen.“
Janis Kluge
Forscher am Deutschen Institut für internationale Politik und Sicherheit

Die Schritte der russischen Behörden deuten auch auf den Versuch hin, eine verdeckte Mobilisierung zur Auffüllung der Truppen zu organisieren. Ende Juli unterzeichnete Wladimir Putin einen weiteren Erlass, der diesmal die Sollstärke der russischen Streitkräfte durch Bau- und Pionierverbände erhöht.

Beobachter stellten zudem fest, dass in Russland im Juli die Zahl ausgeschriebener Stellen rund um Registrierung und Einberufung sprunghaft gestiegen ist: Auf der Jobplattform HeadHunter tauchten mehr als 2.500 entsprechende Angebote auf.

Die Zeitung "The Moscow Times" hat errechnet, dass in diesem Jahr die Zahl der Regionen, in denen Prämien für die Anwerbung von Vertragssoldaten für den Krieg in der Ukraine gezahlt werden, auf 56 gestiegen ist.

Daten zu Gefallenen werden geheim gehalten

Ein offenes staatliches Register mit den Namen aller an der Front in der Ukraine getöteten Soldaten gibt es nicht. Die Behörden versuchen, genaue Opferzahlen vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Unabhängige russische Medien berichten, dass in den Regionen Jaroslawl, Tomsk und Swerdlowsk zuletzt Menschen festgenommen wurden, die Gräber gefallener Soldaten fotografiert hatten, und dass die Kontrollen auf Friedhöfen verschärft wurden.

Das Portal "Mediazona", das gemeinsam mit der russischen Redaktion der BBC auf Basis offener Quellen russische Kriegstote erfasst, berichtet, es habe früher Freiwillige gebeten, Fotos neuer Gräber auf russischen Friedhöfen zu schicken. Inzwischen rät die Redaktion dringend davon ab.

Der Grund sind mehrere Verfahren wegen angeblichen Landesverrats: Festgenommene werden beschuldigt, Aufträge von ukrainischen Geheimdiensten angenommen zu haben. In der Redaktion vermutet man, dass solche "Angebote“ in Wirklichkeit von russischen Sicherheitsdiensten verschickt werden, um ihre Aufklärungs- und Erfolgsstatistiken bei Straftaten zu verbessern.

"Mediazona“ und die russische BBC-Redaktion haben Ende Juli berechnet, dass seit Beginn von Russlands Angriffskrieg in der Ukraine der Tod von 236 000 russischen Soldaten bestätigt ist. 56 Prozent der Getöteten hatten zivile Berufe und unterschrieben erst nach Kriegsbeginn einen Vertrag mit der Armee. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen; unter Einbeziehung der Daten aus Erbschaftsverfahren übersteigt sie bereits 352 000.

Die ukrainischen Streitkräfte veröffentlichen eigene Statistiken zu Verlusten der russischen Armee. Nach den jüngsten Angaben des ukrainischen Militärs belaufen sich die Verluste einschließlich der Verwundeten auf 1 460 400 Menschen.

Gleichzeitig beträgt die erwartete Überlebenszeit russischer Rekruten an der Front in der Ukraine laut mehreren Berichten nur 20 bis 35 Minuten. Diese Schätzungen decken sich nach Angaben des US-Geheimdienstes mit eigenen Daten. CIA-Direktor John Ratcliffe erklärte im Juni: „Unsere Erkenntnisse stimmen mit einigen Berichten aus offenen Quellen überein, die Sie möglicherweise aus der Ukraine kennen.“

Friedhof mit Gräbern russischer Soldaten in der Region Wolgograd
Friedhof mit Gräbern russischer Soldaten in der Region Wolgograd AP Photo

Nordkorea entsendet Soldaten und Arbeiterinnen nach Russland

Für seine Ziele erhält der Kreml Unterstützung von ihm nahestehenden autoritären Regimen. Vor wenigen Tagen erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, Nordkorea bereite sich erneut darauf vor, Zehntausende seiner Soldaten an die Front in der Ukraine zu schicken.

„Zum ersten Mal in seiner Geschichte kann Russland keinen Krieg führen, ohne Verstärkung aus Nordkorea zu erhalten. Jetzt bereitet es die Stationierung eines zusätzlichen nordkoreanischen Kontingents auf seinem Staatsgebiet vor. Außerdem hat Russland weitere ballistische Raketen aus Nordkorea bekommen. Alle auf der Welt müssen verstehen, was das bedeutet“, sagte Selenskyj.

Der ukrainische Militärgeheimdienst geht davon aus, dass es bisher keine Anzeichen für Vorbereitungen einer großangelegten Mobilisierung von Reservisten in Russland gibt. „Einkäufe von Medikamenten und Ausrüstung liegen ungefähr auf dem Niveau des Vorjahres. Der Kreml wird vermutlich kein Risiko eingehen und vor den Parlamentswahlen keine neue Mobilisierungswelle ausrufen. Stattdessen versucht er, den Personalmangel durch finanzielle Anreize, Druck auf Arbeitgeber und eine Umverteilung des Personals zwischen den Einheiten auszugleichen“, heißt es in einem Bericht.

Gleichzeitig leidet die russische Wirtschaft unter einem Mangel an Arbeitskräften: Aus Nordkorea werden Gruppen von Frauen nach Russland geschickt, die in Fabriken und Lagern arbeiten sollen. Arbeitsbrigaden von 40 Frauen können nur im Paket über externe Dienstleister angeworben werden.

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