Die Anhebung im Oktober folgt auf einen Schritt im Januar – die erste doppelte Tariferhöhung seit vier Jahren. Laut Zentralbank treibt sie die Inflation weiter über das Ziel von vier Prozent in einer vom Krieg, Sanktionen und einem Leitzins von 21 Prozent geschwächten Wirtschaft.
Russland erhöht zum zweiten Mal in diesem Jahr die Gebühren für Strom, Wärme und Wasser. Im Durchschnitt steigen die Tarife zum 1. Oktober um 15 Prozent. Nach Einschätzung der Zentralbank treibt das die Inflation weiter über das Ziel hinaus – in einer Wirtschaft, die bereits stark unter Kriegskosten und Sanktionen leidet.
Die Erhöhung liegt je nach Region zwischen 8 und 22 Prozent. Besonders stark steigen die Preise im Gebiet Stavropol, in Dagestan sowie in den Regionen Tambow und Tjumen. In Moskau klettern die Tarife um 15 Prozent, in St. Petersburg um 14,6 Prozent.
Bereits im Januar waren die Preise um 1,7 Prozent gestiegen. Zwei Erhöhungen in einem Kalenderjahr sind in Russland ungewöhnlich. Zuletzt geschah das 2022, im ersten Jahr des umfassenden Angriffs auf die Ukraine.
Der Kreml begründet die Maßnahme mit überalterter Infrastruktur der kommunalen Dienste und dem Bedarf an Modernisierung.
Viele Versorgungsnetze stammen noch aus der Sowjetzeit und wurden jahrzehntelang kaum erneuert. Strenge Winter und aufgeschobene Wartungsarbeiten haben den Verschleiß weiter beschleunigt.
Die wegen des Kriegs gegen die Ukraine verhängten Sanktionen erschweren den Import von Ausrüstung, die für Reparaturen nötig ist. Zugleich fehlt Personal für große Infrastrukturprojekte, weil Arbeitskräfte in die Rüstungsindustrie wechseln oder zum Militär eingezogen werden.
Die Zentralbank erwartet, dass die Oktober-Erhöhung die jährliche Teuerung deutlich antreibt. In ihrer Basisschätzung liegt die Inflation 2026 bei 6 bis 7 Prozent und damit klar über dem Zielwert von 4 Prozent.
Höhere Tarife treffen Kleine und Arme
Seit dem Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 steht Russland unter äußerem Druck und zugleich vor einem tiefen Umbau der eigenen Wirtschaft.
Westliche Sanktionen begrenzen den Zugang zu Finanzmärkten, Technologie und Ausrüstung. Handelsströme wurden umgelenkt. Die Staatsausgaben stiegen kräftig, vor allem für Rüstung und zuliefernde Branchen.
Russland entging einer tiefen Rezession. Die Anpassung hatte jedoch ihren Preis. Das Wachstum hängt immer stärker von staatlichen Aufträgen und militärischer Produktion ab. Zivile Branchen leiden unter Personalmangel, hohen Kreditkosten und eingeschränktem Zugriff auf moderne Technik.
Die Zentralbank erhöhte Ende 2024 den Leitzins auf 21 Prozent, um die Inflation zu bremsen. Kredite wurden für Unternehmen und Haushalte extrem teuer. Seitdem hält die Notenbank das Zinsniveau hoch.
Die hohen Finanzierungskosten dämpfen private Investitionen. Vor allem kleinere Firmen ohne Zugang zu Staatsgeldern geraten unter Druck.
Nebenkosten für Strom, Wasser und Heizung gehören zu den Fixkosten der Haushalte. Sie lassen sich kaum senken. Für Familien mit geringem Einkommen bedeutet ein Plus von 15 Prozent direkt weniger Geld für Lebensmittel, Kleidung und andere Ausgaben, in einer Phase, in der auch die Lebensmittelpreise deutlich anziehen. Gutverdiener spüren die gleiche prozentuale Erhöhung weit weniger.
Auch Unternehmen geraten unter zusätzlichen Kostendruck. Fabriken, Logistikbetriebe, Geschäfte und Büros sind auf funktionierende Versorgungsnetze angewiesen. Steigende Tarife schmälern ihre Gewinnmargen. Viele Betriebe wälzen die Mehrkosten auf Kunden ab und treiben die Inflation damit weiter nach oben.
Seit 2022 stützt vor allem die Inlandsnachfrage das Wachstum der russischen Wirtschaft.
Steigende Pflichtausgaben wie die Versorgerrechnungen schwächen die Kaufkraft der Bevölkerung. Das trifft besonders Regionen, in denen die Löhne nicht mit der Inflation Schritt halten und in denen Einnahmen aus Militärverträgen weniger verbreitet sind als in den großen Städten.