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Euroviews. STIHL-Chef: Zeit für mutige Reformen - So erhalten wir Wohlstand und Sozialstaat

Dr. Nikolas Stihl
Dr. Nikolas Stihl Copyright  Foto: STIHL/ Fotograf: Ilkay Karakurt
Copyright Foto: STIHL/ Fotograf: Ilkay Karakurt
Von Dr. Nikolas Stihl, STIHL Beirats- und Aufsichtsratsvorsitzender
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Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind die der Autoren und stellen in keiner Weise die redaktionelle Position von Euronews dar.

"Die deutsche Wirtschaft steckt im Krisenmodus" so Dr. Nikolas Stihl, vom Motorsägenhersteller Stihl in einem Meinungsbeitrag für Euronews. Es brauche bessere Rahmenbedingungen. Dann würden Unternehmen wieder in die Zukunft investieren. Stihl feiert 100. Firmenjubiläum und ist in Familienbesitz.

Die Lage der deutschen Wirtschaft ist ernst, sehr ernst. In den vergangenen acht Jahren haben wir etwa 15 Prozent unserer industriellen Produktion verloren. Monat für Monat verliert Deutschland rund 15.000 Industriearbeitsplätze. Die industrielle Basis, die so maßgebend für unseren Wohlstand ist, droht zu erodieren. Private Nettoinvestitionen sind auf nahezu Null gesunken; die Unternehmen tätigen per Saldo also nur noch Ersatzinvestitionen. Hohe Kosten lähmen die private Investitionsbereitschaft. Selbst das von der Bundesregierung Mitte 2025 aufgelegte Sonderabschreibungspaket (Investitionsbooster) hat daran nichts geändert.

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Die industrielle Basis, die so maßgebend für unseren Wohlstand ist, droht zu erodieren.
Dr. Nikolas Stihl, STIHL Beirats- und Aufsichtsratsvorsitzender

Natürlich belasten auch die US-Zölle, die aggressive Industriepolitik Chinas und die geopolitischen Spannungen die Investitionsneigung. Aber hauptsächlich bremsen die hausgemachten Probleme: die überregulierte Wirtschaft, hohe Energiekosten, hohe Arbeitskosten, hohe Steuern sowie ein sinkendes Bildungs- und Qualifikationsniveau.

Geplante Reformen reichen nicht für wirtschaftliche Trendumkehr

Hatten zu Jahresbeginn viele Unternehmer den Glauben in die Reformfähigkeit Deutschlands schon fast verloren, überraschte die Bundesregierung im Juli mit der Reform der gesetzlichen Krankenversicherung und Reformplänen hinsichtlich Alterssicherung, Steuern und Arbeitsmarkt. Auch wenn dieses Reformpaket nicht ausreicht, um Deutschland aus der strukturellen Krise herauszuführen, hat die Koalition Kompromissfähigkeit bewiesen, um das Land voranzubringen. Würden die Kompromisse nun noch einmal aufgeschnürt und verwässert, hätte das verheerende Auswirkungen auf das Vertrauen der Wirtschaft in die Politik. Denn die geplanten Reformen sind eben noch nicht der erhoffte Durchbruch für eine wirtschaftliche Trendumkehr.

1920er Jahre. Andreas Stihl entwickelt die erste Motorsäge. Sie hat einen Elektromotor und wird von 2 Personen bedient
1920er Jahre. Andreas Stihl entwickelt die erste Motorsäge. Sie hat einen Elektromotor und wird von 2 Personen bedient Stihl

Jetzt gilt es, alle Kraft für weitere Reformen aufzubringen, von denen dann spürbare Investitions- und Wachstumsimpulse ausgehen. Dafür müssen die Regierungskoalition und auch die Sozialpartner über ihren Schatten springen, um ihrer Verantwortung für Deutschland gerecht zu werden. Denn die Sondervermögen Rüstung und Infrastruktur werden kaum zu einem selbsttragenden Aufschwung führen, solange die Standortbedingungen nicht spürbar besser werden. Die nächsten Reformschritte müssen den weiteren Bürokratieabbau ebenso angehen wie die Anhebung des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens, die Senkung der Arbeitskosten sowie zusätzliche Anreize für mehr Forschung und Entwicklung.

Die nächsten Reformschritte müssen den weiteren Bürokratieabbau ebenso angehen wie die Anhebung des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens, die Senkung der Arbeitskosten sowie zusätzliche Anreize für mehr Forschung und Entwicklung.
Dr. Nikolas Stihl, STIHL Beirats- und Aufsichtsratsvorsitzender

Behörden sollen ermöglichen statt verhindern

Unser Anspruch an öffentliche Behörden sollte nichts Geringeres sein als eine hochwertige Verwaltung, die sich durch verständliche Vorschriften, schlanke und schnelle Verfahren sowie zumutbare Berichtspflichten auszeichnet – digitalisiert und KI-unterstützt. Klare Regeln sowie unkomplizierte und schnelle Entscheidungswege sollen Investitionen ermöglichen und nicht bremsen.

Der von der neuen baden-württembergischen Landesregierung vorgelegte Gesetzentwurf zum Abbau der Berichts- und Dokumentationspflichten kann Signalwirkung haben. Demnach sollen gesetzliche Berichtspflichten pauschal entfallen und nur dort beibehalten werden, wo deren Notwendigkeit explizit begründet wird. Wenn staatliche Behörden deutlich stärker als Dienstleister für Menschen und Unternehmen agieren, steigert das das Vertrauen in den Wirtschaftsstandort – und auch in die Politik.

Arbeitsvolumen steigern

Die Industriebeschäftigten arbeiten sehr engagiert, verantwortungsvoll und mit hoher Professionalität. Ohne ihr eindrucksvolles Engagement wäre der weltweite Erfolg deutscher Unternehmen nicht möglich. STIHL ist nur eins von zahllosen Beispielen dafür.

Stihl Fertigung in Waiblingen, Deutschland in den 1960er Jahren
Stihl Fertigung in Waiblingen, Deutschland in den 1960er Jahren Stihl

Aber – die demografische Entwicklung sorgt für eine enorme gesamtwirtschaftliche Bremswirkung und setzt den Sozialstaat massiv unter Druck. Um unseren Wohlstand zu erhalten und Sozialleistungen auf hohem Niveau zu sichern, muss das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen steigen. Denn ein höheres Arbeitsvolumen mehrt Wirtschaftsleistung. Insofern ist die Debatte um mehr Arbeit eine Debatte über den Erhalt unseres Wohlstands – und keineswegs eine Debatte über Faulheit der Beschäftigten.

Moderne Fertigungsanlage mit Robotern bei Stihl in Waiblingen
Moderne Fertigungsanlage mit Robotern bei Stihl in Waiblingen (c) Stihl
Deutschland muss alle Möglichkeiten ausschöpfen, um das Arbeitsvolumen zu erhöhen
Dr. Nikolas Stihl, STIHL Beirats- und Aufsichtsratsvorsitzender

Deutschland muss alle Möglichkeiten ausschöpfen, um das Arbeitsvolumen zu erhöhen: durch Anreize für Mehrarbeit, Verlängerung der Lebensarbeitszeit mit fairen Ausnahmen für körperlich belastende Berufe, bessere Nutzung des bestehenden Arbeitskräftepotenzials (Erwerbslose, Teilzeitkräfte), Zuwanderung von Fachkräften, Lohnfortzahlung erst ab dem zweiten Krankheitstag, Wegfall der telefonischen Krankschreibung. Produktivitätssteigerungen durch Digitalisierung und den zunehmenden KI-Einsatz werden die negativen Folgen der demografischen Entwicklung nicht kompensieren.

Arbeitskosten senken

Die im Herbst 2026 beginnenden Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie werden darüber mitentscheiden, ob Deutschland Industrieland bleibt oder weiter ins Hintertreffen gerät. Denn den Produktivitätsvorteil gegenüber wichtigen Wettbewerbern, der die hohen Arbeitskosten rechtfertigt, haben wir nicht mehr. Insofern plädiere ich für die Anhebung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden — und zwar ohne Lohnausgleich.

Ich bin mir bewusst, dass ich Gewerkschaften und Arbeitnehmern damit sehr viel abverlange; aber mein Anliegen ist dabei nicht, Arbeitnehmern etwas wegzunehmen. Ganz im Gegenteil geht es mir darum, die Wettbewerbsfähigkeit der Industriefirmen zu steigern, Produktion in Deutschland zu halten und Arbeitsplätze zu sichern.

Insofern plädiere ich für die Anhebung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden — und zwar ohne Lohnausgleich.
Dr. Nikolas Stihl, STIHL Beirats- und Aufsichtsratsvorsitzender

Die aktuelle Debatte misst den Lohnnebenkosten zu wenig Bedeutung bei. Die wirtschaftlich akzeptable Obergrenze der Beitragssätze zur Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung liegt bei 40 Prozent des Bruttolohns. Dafür ist die Generalüberholung der Sozialsysteme erforderlich. Die jüngsten Reformmaßnahmen der Bundesregierung adressieren immerhin die Stabilisierung der Beitragssätze von Renten- und gesetzlicher Krankenversicherung, allerdings ist die 40-Prozent-Grenze bereits weit überschritten.

Vorrang für Forschung

Die enge Vernetzung zwischen exzellenten Forschungseinrichtungen, Hochschulen, zahlreichen Innovationsclustern und innovativen Unternehmen zählt zu den wertvollsten Standortfaktoren Deutschlands. Attraktivere Bedingungen für innovative Unternehmen würden den Wissenstransfer sowie die Produktion und Vermarktung der daraus resultierenden Produkte und Dienstleistungen einschließlich neuer Geschäftsmodelle beschleunigen – etwa durch regulatorische Freiräume, höhere steuerliche Anreize und den verstärkten Einsatz von Risikokapital. Insgesamt müssen Innovationen und deren Genehmigungen noch mehr als bisher Vorrang haben und dürfen nicht von Bürokratie gebremst werden.

Erste Einmann-Elektromotorsäge von Stihl
Erste Einmann-Elektromotorsäge von Stihl (c) Stihl
Gerade Zukunftsfelder wie etwa die industrielle Verwendung Künstlicher Intelligenz, Robotik, Biotechnologie, Medizintechnik, Raumfahrt oder Quantentechnologien, sollten stärker gezielt gefördert werden.
Dr. Nikolas Stihl, STIHL Beirats- und Aufsichtsratsvorsitzender
Die STIHL Markenwelt in Baden-Württemberg am Stammsitz des Unternehmens in Waiblingen
Die STIHL Markenwelt in Baden-Württemberg am Stammsitz des Unternehmens in Waiblingen (c) Stihl

Gerade Zukunftsfelder wie etwa die industrielle Verwendung Künstlicher Intelligenz, Robotik, Biotechnologie, Medizintechnik, Raumfahrt oder Quantentechnologien, sollten stärker gezielt gefördert werden. Der Ende 2025 aufgelegte Deutschlandfonds kann mit Blick auf andere forschungsstarke Länder dabei nur ein Anfang sein.

Entschlossen handeln

Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, denn nur ein leistungsstarker und wettbewerbsfähiger Standort kann Wohlstand und einen starken Sozialstaat sichern. Deutschland hat schon oft bewiesen, dass es sich erneuern kann.

Deutschland hat schon oft bewiesen, dass es sich erneuern kann.
Dr. Nikolas Stihl, STIHL Beirats- und Aufsichtsratsvorsitzender

Voraussetzung für ein breites Verständnis in der Bevölkerung für die anstehenden Herausforderungen ist zunächst eine schonungslose Bestandsaufnahme der aktuellen Lage; dann ein verständliches Gesamtkonzept, das skizziert, welche Veränderungen auf die Menschen zukommen. Mit einem Gesamtkonzept kann die Bundesregierung Orientierung geben, für Akzeptanz werben und Vertrauen zurückgewinnen. Es ist an der Zeit, entschlossen zu handeln.

Dr. Nikolas Stihl ist Enkel des Firmengründers Andreas Stihl und repräsentiert die dritte Generation an der Spitze der weltweit führenden Motorsägenmarke und eines globalen Technologieunternehmens. Unter seiner Führung hat STIHL seine internationale Präsenz weiter ausgebaut und erzielte 2025 einen Umsatz von 5,48 Milliarden Euro mit 20.246 Mitarbeitern weltweit. Seit 1971 ist STIHL die meistverkaufte Motorsägenmarke der Welt.

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