Privathaushalte in der Eurozone stecken Hunderte Milliarden Euro in US-Technologiewerte. Analysten betonen: Europa hat Kapital und spannende Firmen, doch nur wenige werden zu leicht zugänglichen Anlagen für Sparer.
Europäische Ersparnisse fließen immer stärker in den Ausbau der Künstlichen Intelligenz in den Vereinigten Staaten und tragen zu dessen Finanzierung bei.
Haushalte im Euroraum halten nach Angaben von EZB-Präsidentin Christine Lagarde rund 440 Milliarden Euro in US-Technologiekonzernen, darunter Nvidia und Alphabet.
Bei einer Rede am Montag in Wien warnte Lagarde, europäische Sparerinnen und Sparer könnten den US-KI-Boom finanzieren, ohne dass Europa einen vergleichbaren Anteil an den wirtschaftlichen Vorteilen erhält.
„Die Unternehmen entstehen anderswo“, sagte sie. „Im vergangenen Jahr haben die Vereinigten Staaten 59 bedeutende KI-Modelle hervorgebracht, China 35. Frankreich und das Vereinigte Königreich jeweils eines.“
An Geld mangelt es Europa nicht. Das Problem ist, es zu Unternehmen zu lenken, die wachsen können.
Haushalte im Euroraum hielten laut einer neuen EZB-Analyse, die am Dienstag veröffentlicht wurde, im Mai 2026 fast zehn Billionen Euro auf Bankkonten. Sie bewahren rund ein Drittel ihres Finanzvermögens als Einlagen auf, bei US-Haushalten sind es nur elf Prozent. Rund 80 % der Haushalte im Euroraum besitzen keinerlei Aktien, Anleihen oder Investmentfonds.
Die EZB stellt fest, dass begrenzte Mittel, Wissenslücken, geringes Vertrauen und Sorgen vor Risiken viele Europäerinnen und Europäer von Kapitalmarktanlagen abhalten. Mehr als 60 % der Haushalte im Euroraum stecken den Großteil ihres Vermögens in Immobilien, rund ein Viertel verlässt sich vor allem auf Bankeinlagen. Etwa zehn Prozent investieren indirekt über Renten- und Versicherungsprodukte, nur vier Prozent halten einen größeren Teil ihres Vermögens direkt an den Finanzmärkten.
Wer in Europa an der Entwicklung von KI teilhaben will, legt sein Geld häufig in amerikanische Technologiekonzerne an, oft über Investmentfonds und Pensionsprodukte.
US-Tech-Investments: Risiko für europäische Sparer?
Jeremie Peloso, Chefstratege für Europa beim Analysehaus BCA Research, sagte Euronews Business, Investitionen in US-Technologie seien für europäische Haushalte nicht zwangsläufig ein Problem. „US-Tech hat die europäischen Indizes in den vergangenen zehn Jahren übertroffen“, sagte er. Internationale Anlagen könnten Sparerinnen und Sparern helfen, ihre Risiken zu streuen.
Zudem habe ein schwächerer Euro die Renditen eurobasierter Anleger auf auf Dollar lautende Anlagen zeitweise erhöht, fügte er hinzu.
Allerdings warnte er, der US-Technologiesektor sei stark konzentriert. Anleger seien damit von einer relativ kleinen Gruppe von Unternehmen abhängig, die ähnlichen Marktkräften ausgesetzt sind.
Ben Barringer, Leiter Technologieanalyse beim Vermögensverwalter Quilter Cheviot, sagte, europäisches Kapital sei ins Ausland gewandert, weil viele der weltweit führenden Technologiekonzerne außerhalb Europas entstanden und gewachsen seien. Dort gebe es bessere Wachstumsaussichten und höhere Renditen.
Europäisches Kapital: Wie es US-KI finanziert
Der Kauf bereits bestehender US-Technologieaktien bringt den Unternehmen kein frisches Geld. Starke Nachfrage stützt jedoch ihre Bewertungen und erleichtert ihnen die Kapitalaufnahme über neue Aktienemissionen.
Wenn europäische Privatanleger neu ausgegebene Aktien kaufen, wie beim Börsengang von SpaceX im Juni, stellen sie dem Unternehmen Kapital für Investitionen zur Verfügung.
Börsengänge allein werden jedoch kaum genug Geld liefern, um das enorme Investitionstempo der großen KI-Anbieter zu finanzieren. Die größten Technologiekonzerne nehmen deshalb zusätzlich umfangreiche Kredite am Anleihemarkt auf.
Laut einer EZB-Analyse dürften große Hyperscaler bis 2028 mehr als eine Billion US-Dollar (870 Milliarden Euro) in Investitionen stecken. Dazu zählen Ausgaben für Datenzentren, Hochleistungschips, Stromversorgung und Netzinfrastruktur.
Lagarde sagte, große US-Hyperscaler hätten im vergangenen Jahr mehr als 100 Milliarden US-Dollar (87 Milliarden Euro) an Anleihen begeben und seien inzwischen für fast ein Zehntel der neuen, auf Euro lautenden Unternehmensanleihen von Nicht-Finanzfirmen verantwortlich.
Fünf große US-Hyperscaler haben laut EZB rund 40 Milliarden Euro an ausstehenden Euro-Anleihen. Europäische Fonds, Versicherer und Pensionskassen, die diese Papiere kaufen, leihen amerikanischen Technologiekonzernen direkt Geld.
Diese Schuldenaufnahme hat auch Folgen über den Technologiesektor hinaus. Hohe US-Anleiheemissionen können zu weltweit höheren Renditen beitragen, langfristige Zinsen im Euroraum bewegen sich oft im Gleichklang mit den US-Zinsen.
„Europa wird einen Teil des Preises dieses Booms über seine eigenen Finanzierungskosten tragen“, sagte Lagarde. „Die Frage ist, ob es auch das Wachstum erhält, das damit einhergeht.“
Europas KI-Investitionslücke
Laut Schätzungen der EZB könnte eine schnelle Einführung von KI die Produktivität im Euroraum innerhalb eines Jahrzehnts um bis zu vier Prozent steigern.
Europa liegt bei der Infrastruktur für Entwicklung und Betrieb von KI jedoch weit hinter den USA zurück. Lagarde sagte, die Vereinigten Staaten beherbergten rund 75 % der weltweiten KI-Rechenkapazität, Europa komme nur auf etwa 5 %.
Die Europäische Kommission schätzt, dass die Lücke zwischen der Nachfrage nach Rechenzentrums-Kapazität und dem verfügbaren Angebot in der EU bis 2036 auf 19 Gigawatt anwachsen könnte. Das Schließen dieser Lücke könnte bis zu 600 Milliarden Euro kosten.
Unternehmen im Euroraum dürften 2026 etwa zehn Prozent ihrer Investitionen in KI stecken. KI-bezogene Kredite machten nach EZB-Berechnungen im ersten Quartal rund ein Viertel des Kreditwachstums für Unternehmen aus.
Europa hat vielversprechende private KI-Unternehmen. Für normale Anlegerinnen und Anleger sind die börsennotierten US-Technologiegrößen jedoch deutlich leichter zugänglich.
„Es mangelt in Europa nicht an Kapital, das Problem ist seine Lenkung“, sagte Peloso.
Er ergänzte, Europa verfüge über eine beachtliche Zahl von Technologieunternehmen, doch relativ wenige seien börsennotiert. Das schränkt die Auswahl europäischer Technologieanlagen für Privatanleger und Fonds ein, die auf öffentliche Märkte beschränkt sind.
Das französische KI-Unternehmen Mistral zeigt zugleich Europas Potenzial und sein Investitionsproblem. Mistral sammelte in der vergangenen Woche drei Milliarden Euro ein, die größte Eigenkapitalrunde eines europäischen Technologiekonzerns. Normale Sparerinnen und Sparer konnten sich jedoch nicht direkt beteiligen, weil die Aktien nicht an der Börse gehandelt werden.
Barringer sagte, Anleger einfach zu ermutigen, mehr Geld in europäische KI zu lenken, behandle eher das Symptom als die Ursache.
„Die Herausforderung besteht nicht nur in einem Mangel an verfügbarem Kapital, sondern darin, die Voraussetzungen zu schaffen, damit mehr europäische Unternehmen von Weltklasse entstehen und global konkurrieren können“, sagte er.
Dafür braucht es tiefere Wagniskapitalmärkte, mehr Bereitschaft zur Finanzierung risikoreicher Geschäftsmodelle sowie Regeln, die Innovation ermöglichen und zugleich angemessene Aufsicht sichern.
„Letztlich folgt Kapital der Gelegenheit“, ergänzte Barringer.
Kann Europa mehr Ersparnisse umlenken?
Die wichtigste Antwort der EU ist die geplante Spar- und Investitionsunion. Sie soll es Haushalten erleichtern zu investieren und europäischen Unternehmen den Zugang zu Finanzierung über Landesgrenzen hinweg öffnen.
Vorgesehen sind einfachere, teils steuerlich begünstigte Anlagekonten, Änderungen bei Zusatzrenten sowie Maßnahmen, um die Kosten für Aktivitäten in verschiedenen europäischen Finanzmärkten zu senken.
Außerdem hat die EU den Listing Act beschlossen, der Börsengänge günstiger und einfacher machen soll. Er sieht schlankere Prospekte vor und Regeln, die es Gründerinnen und Gründern erlauben, die Kontrolle über ihre Unternehmen auch nach dem Gang an die Börse stärker zu behalten.
Diese Reformen könnten mehr europäischen Technologieunternehmen helfen zu wachsen und später für Privatanleger zugänglich zu werden. Sie garantieren jedoch nicht, dass Haushalte in Europa diese Titel den amerikanischen Konzernen mit meist besseren Aussichten vorziehen.
Peloso sagte, mehr Ersparnisse in Unternehmen zu lenken, sei ein Prozess über mehrere Jahre. Dafür brauche es einfachere Regulierung, ein freundlicheres Umfeld für Start-ups, tiefere Wagniskapital- und Private-Equity-Märkte sowie stärkere Anreize für Haushalte, zu investieren.
Barringer argumentierte ähnlich und plädierte dafür, die Politik solle den Aufbau stärkerer Unternehmen in den Mittelpunkt stellen, statt Ersparnisse in einen bevorzugten Sektor zu lenken.
„Wenn die grundlegenden Rahmenbedingungen nicht stark genug sind, um Innovation zu tragen, wird es kaum reichen, einfach mehr Ersparnisse in den Sektor zu lenken“, sagte er.
Europa verfügt also über Kapital und über eine wachsende Zahl vielversprechender Technologieunternehmen. Die Herausforderung besteht darin, diese Firmen beim Wachstum zu unterstützen, sie an die Börse zu bringen und Anlagechancen zu schaffen, die mit den Angeboten der amerikanischen Technologieriesen konkurrieren können.