Von Londons ULEZ bis zur Umweltzone in Sofia zeigen Europas Städte: Saubere Luft ist machbar, doch bis dahin bleibt noch viel zu tun.
Luftverschmutzung hat im Jahr 2023 weltweit fast acht Millionen Todesfälle verursacht. Darauf weist Breathe Cities hin, eine globale Initiative gegen dreckige Stadtluft. Die gesundheitlichen Folgen schlagen demnach jährlich mit rund 7,12 Billionen Euro zu Buche – etwa sechs Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung.
„Luftverschmutzung bleibt für die meisten Menschen unsichtbar“, sagt Dr. María Neira, frühere Direktorin für Umwelt, Klimawandel und Gesundheit bei der Weltgesundheitsorganisation, gegenüber Euronews Earth. Die Schadstoffpartikel gelangen ihrer Aussage nach in „jedes Organ“ des Körpers, auch ins Gehirn. Sie tragen zu geistigem Abbau und Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer und anderen Formen der Demenz bei.
Die frühere Olympialäuferin Paula Radcliffe spürt die Folgen selbst. Bei ihr wurde im Alter von vierzehn Jahren belastungsbedingtes Asthma diagnostiziert. Als sie in der verschmutzten Luft von Peking lief, bekam sie „Kopfschmerzen, Übelkeit“ und ihre Sehkraft ließ nach, erzählt sie Euronews Earth. Schmutzige Luft beeinträchtigt außerdem die Gehirnentwicklung von Kindern und ihre Leistung in der Schule.
Städte gehen gegen Luftverschmutzung vor
Die Initiative Breathe Cities arbeitet inzwischen mit 16 Städten weltweit zusammen. Sie will den Zugang zu Luftqualitätsdaten verbessern und Maßnahmen für saubere Luft unterstützen.
London hat die Zahl der Todesfälle, die mit giftiger Luft in Verbindung stehen, seit Einführung der Ultra Low Emission Zone (ULEZ) und weiterer Maßnahmen für saubere Luft um rund 40 Prozent reduziert. Das geht aus einer unabhängigen Studie des Imperial College London hervor.
In Sofia in Bulgarien bleiben der Straßenverkehr und holzgefeuerte Heizungen die zwei größten Verschmutzungsquellen. „Bis 2023 galten wir als eine der Städte mit den meisten Todesfällen, die auf Luftverschmutzung zurückzuführen sind“, sagt Dr. Kostadin Kostadinov von der Medizinischen Universität Plovdiv gegenüber Euronews Earth.
Nach einer Sammelklage von Umweltverbänden und Anwohnerinnen und Anwohnern richtete Sofia eine Niedrigemissionszone ein. Sie begrenzt den Verkehr und modernisiert die häusliche Heiztechnik. „Es gibt bereits Hinweise darauf, dass dadurch die Luftverschmutzung zurückgeht“, sagt Ivaylo Hlebarov, Berater für Luftqualität der Stadtverwaltung von Sofia, zu Euronews Earth.
Die Zone gilt jedoch nur drei Monate im Jahr. „Das ist eine politische Entscheidung“, sagt Hlebarov und verweist darauf, dass die verkehrsbedingte Stickstoffdioxidbelastung kaum jahreszeitliche Schwankungen aufweist. „Diese Zone sollte zu einer Maßnahme werden, die das ganze Jahr über gilt“, fordert er.
Bulgarien zählt zu den europäischen Ländern mit den höchsten Raten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfällen und Krebs. Diese Krankheiten stehen nach Kostadinovs Einschätzung eng mit Luftverschmutzung in Verbindung, auch wenn es bislang nur wenige lokale Studien dazu gibt.
Europas Luftverschmutzungskrise: Wie geht es weiter?
Nach Einschätzung Neiras fehlt es vor allem am politischen Willen, nicht an der Technik. Sie verweist auf den Widerstand der Branchen der fossilen Energien und des Verkehrs, wenn Städte mehr erneuerbare Energien und nachhaltige Mobilität vorantreiben. Der Klimawandel dürfte das Problem zusätzlich verschärfen.
Breathe Cities bereitet nun die zweite Phase seiner Arbeit vor. Die Initiative will weitere Gemeinden unterstützen und dabei an die bisherigen Erfolge in Städten wie London, Sofia und anderen Partnerstädten anknüpfen.