EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnt, die Märkte seien zu optimistisch über die Folgen des Iran-Kriegs für die Wirtschaft. Am Freitag gaben Börsen in Europa, Asien und an der Wall Street nach.
Die europäischen Börsen sind am Freitagmorgen mit Verlusten in den Handel gestartet und haben damit die vorbörslichen Gewinnerwartungen enttäuscht. Viele Anleger bleiben skeptisch, ob es im Krieg in Iran bald zu einem Waffenstillstand kommt.
Der gesamteuropäische Stoxx Europe 600 gab um 0,21 Prozent nach, der deutsche DAX verlor 0,28 Prozent, der französische CAC 40 sank um 0,043 Prozent und der britische FTSE 100 lag um neun Uhr MEZ 0,025 Prozent im Minus.
Der Euro Stoxx 50 fiel um 0,18 Prozent. Ein Lichtblick war der spanische IBEX 35, der leicht um 0,034 Prozent zulegte.
Die verhaltene Eröffnung kam, obwohl US-Präsident Donald Trump seine Pause bei Angriffen auf die iranische Energieinfrastruktur um zehn Tage bis zum sechsten April verlängert hat.
Vorbörsliche US-Futures hatten noch auf Aufschläge von bis zu 0,4 Prozent bei den großen Indizes hingedeutet, doch zum Handelsstart setzten sich die Verkäufer durch.
Lagarde warnt: Märkte sind "übertrieben optimistisch"
EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnt, dass die Finanzmärkte die Schwere der wirtschaftlichen Folgen des Krieges in Iran unterschätzen. Viele Investorinnen und Investoren wollten noch nicht wahrhaben, wie lange die Störungen anhalten könnten.
Im Gespräch mit dem Magazin The Economist nannte Lagarde den Konflikt "einen echten Schock", der "wahrscheinlich über das hinausgeht, was wir uns im Moment vorstellen können".
Sie stellte sich gegen die Zuversicht an den Märkten. Fachleute sähen angesichts der massiven Schäden an der Energieinfrastruktur keine schnelle Rückkehr zur Normalität. "Die meisten sprechen tatsächlich von Jahren", betonte sie.
Lagarde warnte außerdem, dass die tatsächlichen wirtschaftlichen Folgen erst nach und nach sichtbar würden, und verwies auf Rückkopplungseffekte in Lieferketten, die die Märkte noch nicht vollständig einpreisten.
Als Beispiel nannte sie Helium, das zu einem großen Teil durch die Straße von Hormus transportiert wird. Der Stoff ist ein wichtiger Ausgangsrohstoff für die Mikrochipproduktion, seine Verknappung schlägt sich aber bisher kaum in den Halbleiterpreisen nieder.
"Wir erfahren fast Stück für Stück, Tag für Tag, welche Folgen der Krieg tatsächlich haben wird."
Die mahnenden Worte folgten auf eine schwache Sitzung an der Wall Street am Donnerstag.
Der S&P 500 sackte um 1,7 Prozent ab, der stärkste Tagesverlust seit Januar. Der Dow Jones Industrial Average verlor 1 Prozent, der Nasdaq Composite fiel um 2,4 Prozent.
Asienbörsen geben nach
Die Märkte in Asien haben überwiegend nachgegeben. Der südkoreanische Kospi führte die Verluste mit einem Minus von 1,8 Prozent an, der taiwanische Taiex büßte 1,2 Prozent ein und Indiens Sensex verlor 1,1 Prozent.
Tokios Nikkei 225 gab 0,2 Prozent nach, Australiens S&P/ASX 200 fiel um 0,4 Prozent. Eine Ausnahme bildete Hongkongs Hang Seng, der um 0,6 Prozent zulegte.
Die Ölpreise sind am Freitag wieder gestiegen. Die Nordseesorte Brent verteuerte sich um fast 2 Prozent auf über 110 US-Dollar je Barrel, die US-Referenzsorte stieg um mehr als 1,5 Prozent und notierte knapp unter 96 Dollar.
Die Straße von Hormus ist seit Beginn des Krieges weitgehend geschlossen, Iran betont jedoch, die Sperre gelte nur für feindliche Schiffe. Nach Angaben von Lloyd's List Intelligence zahlen einige Schiffe inzwischen in chinesischen Yuan für die Durchfahrt.
Gold verteuerte sich um 1,3 Prozent auf 4.431,80 US-Dollar (3.838 Euro) je Feinunze, Silber stieg um 2,1 Prozent auf 69,39 US-Dollar (60,09 Euro). Der Euro notierte bei 1,1540 Dollar nach 1,1527 Dollar.
Spirituosenfusion und G7
In der Unternehmenswelt haben die Getränkekonzerne Pernod Ricard und Brown-Forman, Eigentümer von Jack-Daniel's-Whisky, bestätigt, dass sie Fusionsgespräche aufgenommen haben.
Ein Zusammenschluss würde den weltweit zweitgrößten Spirituosenhersteller mit dem größten Produzenten von amerikanischem Whiskey verbinden. Beide Unternehmen suchen in einem anhaltend schwachen Markt nach neuen Perspektiven.
Die Außenminister der G7 setzen am Freitag in Frankreich ihren zweiten Verhandlungstag fort, auf der Tagesordnung stehen vor allem die Kriege in Iran und in der Ukraine.
Südafrika, das als Beobachter eingeladen war, nimmt nicht teil, nachdem Frankreich die Einladung zurückgezogen hat. Zuvor hatten die USA mit einem Boykott des Treffens gedroht.