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Iran-Schock: Wachstumsprognose für deutsche Wirtschaft um 50 % gesenkt

Das deutsche Spezialchemieunternehmen Evonik Industries produziert an seinem Standort im Chemiepark Marl.
Das deutsche Spezialchemieunternehmen Evonik Industries produziert an seinem Standort im Chemiepark Marl. Copyright  Copyright 2023 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Weniger Wachstum, mehr Inflation, steigender Reformdruck: In ihrer Frühjahrsdiagnose zeichnen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ein düsteres Bild der deutschen Wirtschaft. Der Iran-Krieg verschärft die Lage und trifft vor allem Industrie und Verbraucher.

Der Iran-Krieg trifft die deutsche Wirtschaft zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Gerade erst mühsam aus einem mehrjährigen Abschwung herausgekämpft, sieht sich die größte Volkswirtschaft Europas mit einem neuen externen Schock konfrontiert. Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognosen für 2026 mehr als halbiert – und zeichnen in ihrer heute veröffentlichten Gemeinschaftsdiagnose Frühjahr 2026 das Bild einer Wirtschaft, die von struktureller Erschöpfung geprägt ist.

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Die Gemeinschaftsdiagnose wird zweimal jährlich im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz erstellt. Am Frühjahrsgutachten 2026 haben unter anderem das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), das ifo Institut und das Kiel Institut für Weltwirtschaft mitgewirkt.

Iran-Krieg halbiert die Wachstumsprognose

Im Herbst hatten die Ökonomen noch mit einem Wirtschaftswachstum von 1,3 beziehungsweise 1,4 Prozent gerechnet. Nun erwarten die Institute für das laufende Jahr lediglich ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,6 Prozent und für 2027 von 0,9 Prozent. Bereits im ersten Quartal 2026 trat die Wirtschaftsleistung faktisch auf der Stelle, wie die Deutsche Bundesbank in ihrem März-Monatsbericht feststellte: Das reale BIP dürfte in den ersten drei Monaten des Jahres saisonbereinigt lediglich stagniert haben.

"Der Energiepreisschock im Zuge des Iran-Krieges trifft die Erholung hart, gleichzeitig stützt aber die expansive Fiskalpolitik die Binnenwirtschaft und verhindert ein stärkeres Abrutschen", erklärt Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des ifo Instituts. Der Konflikt im Nahen Osten treibt über blockierte Schifffahrtsrouten und gestörte Energiemärkte die Rohstoff- und Energiepreise weltweit in die Höhe – mit direkten Folgen für Deutschlands energieintensive Industrie.

Die Inflation steigt

Die Preissteigerungen fressen sich spürbar in den Alltag der Verbraucher. Die Institute erwarten, dass die Inflationsrate im Jahresdurchschnitt 2026 auf 2,8 Prozent steigt, 2027 auf 2,9 Prozent. Die Bundesbank warnt, dass die Rate kurzfristig sogar noch deutlich in Richtung drei Prozent ansteigen könnte – vor allem durch erhöhte Kraftstoff- und Heizölpreise. Sollte die Straße von Hormus als zentrale Route des globalen Öl- und Flüssiggashandels weiter blockiert bleiben, könnten die Aufwärtsrisiken für die Inflation noch beträchtlicher ausfallen.

Die steigende Teuerung dämpft unmittelbar den privaten Konsum, der eigentlich als Stütze der Binnenkonjunktur erhofft worden war.

Vort allem Chemie-Industrie in der Krise

Während Teile der Rüstungsindustrie und des Tiefbaus von der staatlichen Ausgabenpolitik profitieren, bleibt die Industrie insgesamt wenig dynamisch. Das Auslandsgeschäft lahmt: Abnehmende internationale Wettbewerbsfähigkeit, geopolitische Unsicherheit und handelspolitische Belastungen lassen die Exportumsätze kaum steigen. Die Bundesbank bestätigt, dass die schwache Wettbewerbsposition der deutschen Industrie es ihr erschwert, vom zunehmenden Welthandel zu profitieren – zudem bleibt die Kapazitätsauslastung niedrig.

Besonders hart trifft es die Chemiebranche. Die Blockade der Straße von Hormus unterbricht Lieferketten für Rohstoffe, die kurzfristig nicht ersetzt werden können. "Es wird Preissteigerungen und Engpässe geben, weil substantielle Chemikalien fehlen – entweder aus dem Nahen Osten oder aus Asien. Die Situation belastet vor allem unsere Mittelständler, weil viele kurzfristig keine Chance haben, ihre Rohstoffbasis umzustellen", warnt Wolfgang Große Entrup, Geschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie, in einer Analyse von ZDFheute.

"Die Branche steht am Anfang unserer industriellen Wertschöpfung und ist zugleich besonders unter Druck“, so Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU).

Die Sperrung der Straße von Hormus und steigende Energie- und Transportkosten setzen die deutsche Chemieindustrie schwer unter Druck.
Die Sperrung der Straße von Hormus und steigende Energie- und Transportkosten setzen die deutsche Chemieindustrie schwer unter Druck. Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved

Staatsschulden steigen auf 67,2 Prozent des BIP

Gegen den konjunkturellen Gegenwind stemmt sich die Bundesregierung mit einer massiven Ausweitung der Staatsausgaben. Die Neuverschuldung für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz treibt das Defizit der öffentlichen Haushalte auf 3,7 Prozent des BIP im Jahr 2026 und weiter auf 4,2 Prozent im Jahr 2027. Damit steigt der Bruttoschuldenstand auf 67,2 Prozent des BIP.

Die Institute bewerten diesen fiskalischen Schub als wichtigen Konjunkturtreiber, mahnen jedoch zugleich: Die langfristigen Risiken für die Stabilität der Staatsfinanzen seien erheblich, und zum Ende des Jahrzehnts dürfte ein beträchtlicher Konsolidierungsbedarf entstehen.

Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche sieht dadurch den Reformdruck erhöht: "Die Botschaft der Frühjahrsdiagnose der Forschungsinstitute ist eindeutig: Der Konflikt im Nahen Osten erhöht den Druck auf die deutsche Politik, Strukturreformen konsequent anzugehen." Es brauche nun "mutige Reformen".

Arbeitslosenquote steigt

Auch am Arbeitsmarkt hinterlässt der Abschwung Spuren. Die Institute erwarten für 2026 einen Rückgang der Erwerbstätigkeit um rund 100.000 Personen; erst 2027 soll sich die Beschäftigung mit einem Plus von etwa 42.000 Stellen leicht erholen. Die Arbeitslosenquote steigt 2026 auf 6,4 Prozent und geht im Folgejahr auf 6,2 Prozent zurück.

Mittelfristig sind die Perspektiven noch düsterer: Das Wachstum des Produktionspotenzials, also der Fähigkeit der Volkswirtschaft, dauerhaft zu wachsen, liegt derzeit nur noch bei 0,2 Prozent – und könnte bis zum Ende des Jahrzehnts vollständig zum Erliegen kommen. Neben dem demografisch bedingten Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter trage dazu die sinkende Arbeitszeit je Erwerbstätigen bei: Da immer mehr Arbeit von älteren Beschäftigten geleistet wird, die im Schnitt weniger Stunden pro Woche arbeiten, sinkt die gesamtwirtschaftliche Arbeitsleistung strukturell.

Reformen statt staatliche Preiseingriffe

Auf die naheliegende politische Forderung nach staatlichen Preisbremsen bei Energie reagieren die Forschungsinstitute mit klarer Ablehnung: Solche Eingriffe setzten "wichtige Marktsignale außer Kraft" und seien langfristig kontraproduktiv. Stattdessen plädieren sie für zielgerichtete soziale Ausgleichsmaßnahmen für besonders betroffene Haushalte.

Was Deutschland brauche, sei eine konsequente Wachstumspolitik: Regulatorische Hürden für private Investitionen und Innovationen müssten fallen, Arbeitsanreize gestärkt werden. Die Botschaft der fünf Institute an die Bundesregierung ist damit so deutlich wie selten: Ohne strukturelle Reformen droht Deutschland, dauerhaft hinter sein Wachstumspotenzial zurückzufallen – unabhängig davon, wie lange der Krieg im Iran noch andauert.

Die eigene Frühjahrsprojektion der Bundesregierung wird in Kürze erwartet. Vermutlich wird auch sie ihre Prognose für die deutsche Wirtschaft in der nächsten Woche senken. Bis jetzt rechnet sie für dieses Jahr noch mit einem Wachstum von 1,0 Prozent.

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