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Polens Top-Ökonom: Deutsche Wirtschaft braucht mutigen, "revolutionären Ansatz"

Warschau hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem der dynamischsten Wirtschaftsstandorte Europas entwickelt.
Warschau hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem der dynamischsten Wirtschaftsstandorte Europas entwickelt. Copyright  Copyright 2018 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Deutschland ist Europas größte Volkswirtschaft. Polen ist Europas erfolgreichste Volkswirtschaft. Für den Ökonom Marcin Piatkowski klingt das nach einem "match made in heaven". Im Interview mit Euronews erklärt er, was sich Deutschland von Polen abschauen kann.

Während Deutschland weiterhin mit wirtschaftlicher Stagnation zu kämpfen hat, wird erwartet, dass Polen auch in den kommenden Jahren zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Europas gehören wird. "Deutschland braucht gleichzeitig mehr Angst und mehr Optimismus", sagt Marcin Piątkowski, Professor an der Kozminski-Universität in Warschau, im Gespräch mit Euronews.

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Piątkowski wurde durch seinen Bestseller_"Europe's Growth Champion: Insights from the Economic Rise of Poland"_ bekannt, in dem er untersucht, wie sich Polen nach dem Fall des Kommunismus zu einer der weltweit erfolgreichsten Aufholgeschichten entwickelte. Er ist zudem ehemaliger Chefökonom der PKO BP, der größten Bank Polens.

"Deutschland ist Europas größte Volkswirtschaft. Polen ist Europas dynamischste Volkswirtschaft", sagt er. "Beides zusammenzuführen, könnte ein Weg nach vorne sein." Denn weiterhin "naive Verfechter des Freihandels zu sein", das könne man sich nicht mehr leisten. Lesen Sie das vollständige Interview mit Euronews.

Euronews: Polen hat seit 1990 fast jede andere europäische Volkswirtschaft übertroffen. Worauf ist dieser Erfolg zurückzuführen?

Piątkowski: Polen ist tatsächlich seit 1990 die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft Europas. Und es läuft weiterhin gut. Nach Prognosen der Europäischen Kommission wird Polen in diesem und im nächsten Jahr weiterhin mit einer durchschnittlichen Rate von mehr als drei Prozent wachsen – schneller als jede andere große Volkswirtschaft in Europa und mehr als dreimal so schnell wie Deutschland.

Polen hat sich nicht nur in Europa, sondern auch weltweit gut geschlagen. In den letzten mehr als 33 Jahren ist Polen schneller gewachsen als Südkorea, Singapur, Taiwan und jede andere erfolgreiche Weltwirtschaft. Polen hat sich als wahrer globaler Wirtschaftsstar erwiesen.

Und ich glaube, dass dieser Erfolg in Europa und außerhalb Europas nicht ausreichend wahrgenommen wird. Polen hat sein Pro-Kopf-Einkommen in diesem Zeitraum um das 3,6fache gesteigert und sich von einem Land, das 1990 fast so arm war wie Jamaika, zu einem Land entwickelt, das heute reicher ist als Japan oder Spanien.

Erstaunlicherweise hat Polen dieses schnelle Wachstum mit Bravour gemeistert. So ist beispielsweise die Einkommensungleichheit in Polen heute geringer als in Schweden. Das bedeutet, dass Polen nicht nur ein globaler und europäischer Wachstumsmeister war, sondern es auch geschafft hat, diesen Wohlstand auf die gesamte Gesellschaft zu verteilen. Das ist weltweit beispiellos.

Euronews: In Ihrem Buch „Europe's Growth Champion“ sprechen Sie von den fünf 'E's als Erfolgsfaktoren. Worum geht es dabei?

Piątkowski: Die Treiber des polnischen Erfolgs lassen sich leicht anhand von fünf „E“ zusammenfassen: Egalitarianism, Education, Entrepreneurship, Elites und European Union – also Egalitarismus, Bildung, Unternehmertum, Eliten und Europäische Union.

Egalitarismus ist das seltene positive Erbe des Kommunismus, der Polen 1989 zum ersten Mal in seiner Geschichte eine inklusive Gesellschaft hinterließ – definiert als die Möglichkeit für Menschen, unabhängig von ihrem Namen, ihrem Geschlecht, ihrem Geburtsort oder dem Vermögen ihrer Eltern, im Leben erfolgreich zu sein.

Beim Thema Bildung hat Polen einen der größten Bildungsbooms der Region erlebt. Zwischen 1990 und Mitte der 2000er Jahre stieg der Anteil junger Menschen, die eine Universität besuchen, von zehn auf 50 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland liegt dieser Anteil heute bei nur 38 Prozent.

Der dritte Faktor ist Unternehmertum. Polen hatte das Glück, über einen ausreichend großen Binnenmarkt zu verfügen, der eine große Gruppe starker Unternehmen in einheimischem Besitz gestützt und hervorgebracht hat, die nun ins Ausland expandieren. Darüber hinaus hat Polen eine der am stärksten diversifizierten Volkswirtschaften in Europa und weltweit entwickelt, in der kein einzelnes Produkt und keine einzelne Branche dominiert. Polen verkauft so ziemlich alles, von Erdbeeren und Geschirrspülern bis hin zu Drohnen, Satelliten und Luxusyachten. Dank dieser hohen Diversifizierung konnte Polen externe Schocks viel besser bewältigen als alle anderen und ist die einzige Volkswirtschaft in Europa, die seit 1990 keine Rezession erlebt hat – abgesehen von einem leichten Einbruch während der Corona-Pandemie.

Was die Eliten betrifft, so war die Wirtschaftspolitik Polens weitaus pragmatischer als anderswo in Europa, insbesondere in Deutschland. Unter anderem hat Polen die Geißel des Haushaltsfundamentalismus vermieden. Die polnischen Entscheidungsträger haben erkannt, dass Investitionen in Wachstum weitaus wichtiger sind als eine abstrakte Zahl wie die Schuldenquote.

Und schließlich die Europäische Union – wären da nicht die offenen Märkte, die Institutionen, die Spielregeln und die Vorhersehbarkeit der Politik, die die EU Polen geboten hat, läge das Einkommensniveau des Landes nach neuesten Schätzungen um etwa 40 % niedriger als es tatsächlich ist. Auch EU-Mittel haben dazu beigetragen, doch sie waren bestenfalls für weniger als ein Fünftel des Gesamtwachstums verantwortlich. Der Zugang zu den europäischen Märkten, den Institutionen und die Vorhersehbarkeit, die Polen zu einem sicheren Ziel für ausländische Investitionen in Höhe von mehr als 350 Milliarden Euro gemacht haben, waren weitaus wichtiger.

Euronews: Viele Deutsche betrachten Polen nach wie vor als eine Wirtschaft, die noch Aufholbedarf hat. Wie wichtig ist Polen tatsächlich für den Wohlstand Deutschlands geworden?

Piątkowski: Die deutschen Exporte nach Polen haben sich in den vergangenen 36 Jahren um das 33-Fache erhöht – von rund drei Milliarden Euro im Jahr 1990 auf voraussichtlich mehr als 100 Milliarden Euro, die für dieses Jahr prognostiziert werden. Polen ist inzwischen ein größerer Exportmarkt für Deutschland als China. Angesichts dieser Größenordnung hängen wahrscheinlich mehrere Hunderttausend Arbeitsplätze in Deutschland vom Wohlstand Polens ab.

Darüber hinaus gibt es zwei weitere wichtige Win-Win-Effekte für Deutschland. Ohne Hätte Deutschland seine Produktion nicht in das kostengünstige Polen und nach Mitteleuropa verlagern können, wären die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und sein Anteil an den globalen Exportmärkten viel schneller zurückgegangen. Und drittens erhält Deutschland allein aus Polen jährlich rund fünf Milliarden Euro an Dividenden aus seinen Investitionen – etwa ein Viertel seines jährlichen Nettobeitrags zum EU-Haushalt.

Euronews: Welche Lehren kann Deutschland aus Polen ziehen?

Piątkowski: Deutschland verfügt natürlich nach wie vor über eine weitaus weiter entwickelte und ausgereiftere Wirtschaft, und seine Herausforderungen unterscheiden sich. Polen ist noch dabei, aufzuholen. Dennoch gibt es mindestens drei wichtige Lehren, die Polen bieten kann.

Erstens sind Polens Produkt- und Arbeitsmärkte wesentlich offener und flexibler als in Deutschland. Dies förderte ein hohes Maß an Unternehmertum, starken Wettbewerbsdruck und eine schnelle Umverteilung von Ressourcen in der gesamten Wirtschaft, einschließlich der Arbeitskräfte.

Zweitens weist Polen unter jungen Erwachsenen mittlerweile einen höheren Anteil an Hochschulabsolventen auf als Deutschland und schneidet bei vielen internationalen Bildungsvergleichsstudien für Schüler der Sekundarstufe mindestens genauso gut oder teilweise sogar besser ab. Dies hilft Polen dabei, Technologien rasch zu übernehmen – was sich deutlich in Polens technologisch fortschrittlicher bargeldloser Wirtschaft zeigt – und die Arbeitsproduktivität zügig zu steigern.

Drittens waren die öffentlichen Investitionen Polens, einschließlich der Infrastruktur, in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Verhältnis zum BIP doppelt so hoch wie in Deutschland. Dies ermöglichte es Polen, fast 6.000 Kilometer Autobahnen und Schnellstraßen zu bauen, in Hochschulen und Wissenschaft zu investieren und eine neue digitale Wirtschaft aufzubauen. In Deutschland hinken die öffentlichen Investitionen leider hinterher. In einem aktuellen Papier des Internationalen Währungsfonds (IWF) wurde argumentiert, dass eingeschränkte öffentliche Investitionen, die auf eine zu strenge Haushaltspolitik zurückzuführen sind, die deutsche Wettbewerbsfähigkeit untergraben haben.

Euronews: Was sind die größten wirtschaftlichen Herausforderungen Deutschlands?

Piątkowski: Angesichts der beispiellosen Herausforderungen, vor denen die deutsche Wirtschaft steht, und der Tatsache, dass sie sich zumindest seit der Corona-Pandemie in einer wirtschaftlichen Stagnation befindet, braucht Deutschland, um wieder Wachstum zu erzielen, sowohl deutlich stärkere fiskalische und geldpolitische Impulse als auch wesentlich schnellere Strukturreformen. In beiden Bereichen hat sich Deutschland bisher viel zu zurückhaltend verhalten.

Es bedarf eines weitaus mutigeren, ja sogar revolutionären Ansatzes, damit Deutschland eine weitere Deindustrialisierung – vor allem durch China – verhindern und neue Industriezweige sowie Wachstumsquellen erschließen kann. Deutschland und ganz Europa müssen zudem in Bezug auf den Freihandel weitaus weniger fundamentalistisch vorgehen: Wir können es uns nicht mehr leisten, naive Verfechter des Freihandels zu sein.

Euronews: Wie können Deutschland und Polen einander stärken?

Piątkowski: Deutschland ist Europas größte Volkswirtschaft. Polen ist Europas dynamischste Volkswirtschaft. Eine Zusammenarbeit beider Länder könnte ein Weg nach vorne sein.

Eine Möglichkeit hierfür wäre die Förderung von Joint Ventures, Fusionen und Übernahmen zwischen deutschen und polnischen Unternehmen. Polnische Unternehmen würden ein hohes Maß an Kostenwettbewerbsfähigkeit, Dynamik und Energie mitbringen, das für die Eroberung europäischer und globaler Märkte erforderlich ist. Deutsche Unternehmen würden den Zugang zu globalen Märkten, weltbekannten Marken und fortschrittlichen Technologien mitbringen.

Gemeinsam könnten sie sich erfolgreich auf den globalen Märkten behaupten. Zudem gibt es in Deutschland 231.000 kleine und mittlere Unternehmen, meist Familienbetriebe, die keine Nachfolger haben. Sie könnten untergehen, wenn ihnen niemand hilft. Die Suche nach einem dynamischen polnischen Partner könnte ein Weg sein, sie zu retten.

Eine weitere Möglichkeit der Zusammenarbeit bestünde darin, dass sich Deutschland und Polen auf ein einheitliches Gesellschafts-, Steuer- und Arbeitsrecht für neue Unternehmen einigen – vielleicht beginnend mit KI- und innovativen Start-ups –, und zwar in einer weiterentwickelten Version der Idee der EU für ein "28. Regime" für Unternehmen. Das würde bedeuten, dass ein in Würzburg oder Breslau registriertes Unternehmen sich keine Gedanken über die Einhaltung unterschiedlicher deutscher und polnischer Unternehmensvorschriften machen müsste: Diese wären identisch.

Dies dürfte eine schnelle Skalierung ermöglichen, die europäische Start-Ups benötigen, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Sobald sich das Konzept als erfolgreich erwiesen hat, wären andere EU-Mitgliedstaaten versucht, sich dieser Initiative anzuschließen.

Euronews: Wie sollte Deutschlands wirtschaftliche Vision für das kommende Jahrzehnt aussehen?

Piątkowski: Ich denke, Deutschland muss anfangen, viel mehr Risiken einzugehen. Anstatt unter anderem finanzielle Mittel für "schlechte Zeiten" zu sparen, die bereits eingetreten sind, sollte es "alles auf eine Karte setzen" und Hunderte Milliarden Euro nicht nur für das Militär ausgeben – so nützlich das auch ist – sondern auch für einen grundlegenden Wandel der deutschen Fertigungsindustrie auf der Grundlage neuer Technologien, einschließlich KI.

Wie zuvor China sollte Deutschland einen eigenen Plan "Made in Germany 2035" entwickeln und dann alles tun, um ihn umzusetzen – zum Wohle Deutschlands, Polens und ganz Europas.

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